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IMHO #29: Ausgejodelt – Wenn Anonymität dich zum Arschloch macht

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Vor ein paar Jahren, als Jodel so richtig gehypt wurde, habe ich mir die App heruntergeladen – und sofort wieder gelöscht. Sorry not sorry; stereotypisierende Witze über bestimmte Studiengänge sind schon im echten Leben nicht besonders lustig. Vor Kurzem hat mir meine Mitbewohnerin in der Werbepause von GNTM ein paar Jodel zur Sendung vorgelesen, die ich zugegeben ganz unterhaltsam fand. Also beschloss ich, dem Jodeln eine zweite Chance zu geben. Mein Fazit: Jodel ist immer noch ganz furchtbar. Anscheinend bringt das Wissen, anonym zu bleiben, die wirklich schlimmste Kombination aus schlechten Manieren und Selbstdarstellung in den Menschen hervor. Die fünf Arten von furchtbaren Jodlern werde ich nun hier an den medialen Pranger stellen.

 

1. Wirklich lustig Witze. Ich lache. Nicht.

Wir schreiben 2017. Gleichberechtigung sollte eigentlich längst Realität sein. Um die tiefsitzende Misogynie der Gesellschaft zu beobachten, reicht es, sich einfach eine App herunterzuladen. Hierzu zwei Beispiele:

Das sind keine Witze, das ist rape culture. Leider auch kein Witz: der rote Jodel war erst vor kurzem mal der Jodel mit den meisten upvotes. Ich möchte kotzen.

 

2. Essen

Wo wir gerade beim Kotzen sind… die meisten Essensbilder auf Jodel sehen aus wie halb verdaut und wieder ans Tageslicht befördert. Jeder Fotograf wird euch HobbyköchInnen und Jodel-FeinschmeckerInnen bestätigen, dass Essensfotografie eine Königsdiziplin ist. Außerdem: Wieso bist du so stolz darauf, Nudeln mit irgendeiner undefinierbaren Soße kreiert zu haben? Ich koche und esse das fast jeden Tag, wie die meisten von uns. Es ist keine Kunst. Und bitte, hör auf, deinen Porridge zu fotografieren, er wird niemals gut ausschauen.

 

3. Wer nicht fragt, bleibt dumm – aber wer fragt, ist meistens dümmer.

Die Quote der Leute, die auf Jodel blöde Fragen stellen und sie ernst meinen, ist bedenklich. Ja, du wirst vermutlich schwanger werden, wenn du nicht verhütest. Und das Traurige ist, du wirst deine Story nicht mal auf ATV zu Geld machen können, weil du vermutlich kein Teenager mehr bist. Mal im Ernst, Leute, verhütet bitte, damit die nächste Generation auf Jodel vielleicht mal klügere Fragen stellt. Natürlich sind viele dieser Jodler Trolls, die einfach nur blöd fragen, um sich über die anderen lustig zu machen. Der springende Punkt dabei: es ist meistens nicht lustig.

 

4. Say what, this is not Tinder?!

Ist Jodel eine Dating bzw. Sex-App? Manchmal scheint es tatsächlich so, als ob die User das so sehen würden. Angefangen von einem kürzlichen Jodel, bei dem sich eine Gruppe Männer zum gemeinsamen Masturbieren in einem Park verabredete bis hin zu den zahlreichen von Einsamkeit und sexueller Frustration triefenden Jodel, die meistens in einer Flut von „Kik?“-Kommentaren enden, wird auf Jodel schnell klar: Innsbruck ist doch nicht so oversexed wie gedacht. Diese beiden Meta-Jodel treffen den Nagel auf den Kopf:

 

5. Kategorie (Un-)persönlich

Die letzte Gruppe von Jodlern ist eine, die mich weniger nervt als einfach nur verwundert: nämlich diejenigen, welche die Meilensteine ihres Lebens mit der „Community“ teilen. Ich freue mich mit dir, wenn du bald heiratest oder ein Kind bekommst. Ich verstehe nur nicht, wieso es nicht reicht, diese frohe Nachricht deinen Freunden und Verwandten im echten Leben zu überbringen. Da geht es dann wohl nicht mehr um das Ereignis an sich, sondern um Aufmerksamkeit um jeden Preis. Denn ganz ehrlich: so etwas zu jodeln ist doch wie es in einen dunklen Raum voller fremder, maskierter Menschen zu rufen. Keiner dort (er-)kennt dich.

 

Doch auch auf Jodel gibt es Lichtblicke. Wie auch sonst gilt hier: Tiere sind die besseren Menschen, denn die zahlreichen Katzenbilder und die eine oder andere „Wuffgadse“ machen Jodel erträglich. Und ab und zu kommt nach langem, leidenden Suchen doch der eine oder andere gute Jodel. Wie zum Beispiel: „Ich hasse euch alle hier“. Bekam ein upvote von mir.

Fotos: Screenshots von Jodel, vom Autor gemacht

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