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WeekENDer – wenn der Lieblingsclub stirbt

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Montagabend. Irgendwas fehlt. Und damit mein ich nicht nur Teile der Erinnerung an letzte Woche. Was war da nur los? Gut, dass ich alles aufgeschrieben hab. Gut, dass ich Psychologie studiere und alles nun fachgerecht und geschult aufdröseln kann, was in mir vorging. Gut, dass ich hier sogar noch eine Plattform gefunden hab, um meine Geschichte zu teilen…

MONTAG – NICHT WAHR HABEN WOLLEN

Es ist Montag. Ganz klar, dass man als Innsbrucker Student für einen gelungenen Start in die Woche in den Weekender Club geht. Das war schon immer so, das wird immer so bleiben.  Scheiß drauf, dass immer die gleiche Musik kommt, denn sie ist geil. Scheiß drauf, dass man immer die gleichen Leute trifft, denn sie sind geil. Es ist eine Institution in Innsbruck und über die Alpengrenzen einzigartig. Wo sonst hat man jeden Montag volle Bude, alternative Musik die nicht nur aus elektronischem Gedudel besteht und obendrauf noch ein Konzert für umsonst. Vor fünf Monaten hieß es, dass dieses Wunderwerk im Mai 2017 die rauchverhangenen Pforten schließen soll. Ich glaube noch immer nicht so recht daran. Das ist doch alles nur Marketing!

Es ist eigentlich wie immer, außer, dass die Schlange etwas länger ist als sonst. Nur scheint die Musik dieses Mal wirklich JEDEM zu gefallen. Nun gut, es werden „Stop crying your heart out“ Sticker verteilt, der Strom an Besuchern scheint nicht abzureißen und auf manchen Gesichtern zeichnet sich eine bizarre Mischung aus Benommenheit, Partylaune, Wehklagen und Bier ab. Aber vielleicht war das schon immer so und ich hab nur nicht genau hingeschaut. Um 2 Uhr muss ich schon wieder heim. Aber das wird schon nicht das letzte Mal gewesen sein. Montag ohne Weekender? Unvorstellbar. Geradezu LÄCHERLICH!

DONNERSTAG – ZORN UND ÄRGER

Oh shit, ich glaube die machen doch ernst! Vier Tage später bin ich wieder in der Tschamlerstraße, um das großartige „your generation, my generation“-DJ-Special abzufeiern. Hierzu spielt ein älterer DJ und ein jüngerer DJ  alle möglichen Hits aus ihrer Generation im Ping-Pong-Prinzip mal passend, mal weniger passend zueinander ab. Doch viel wichtiger ist was abseits der Bühne geschieht. An einem kleinen Merchandise Stand werden Abschieds-Goodies verkauft „I lost my virginity to Rock’n‘Roll at Weekender“ – gym bags, „Weekender: 2005-2017“ T-shirts und haufenweise Sticker…

…was soll der Scheiß?  Will man den emotional angeschlagenen Kunden noch den letzten Rest Wechselgeld aus dem Geldbeutel pressen? Der Weekender macht also wirklich zu?!? Degenerierte „Ich spiel einen Song nur 30 Sekunden lang“-Clubs wie der Hofgarten bleiben bestehen, aber der Weekender macht zu?!  Und das alles nur wegen Anwohnern, die nicht verstehen können, dass eine Band nun mal nicht immer leise spielen kann und einer Stadt, die eine alternativere Konzert- und Feierkultur wohl nicht wertschätzt und noch möglichst viel dabei herrauschlagen will?!?!

Sichtlich genervt verschlägt es mich von der Bar auf die Tanzfläche und wieder zurück. Mit rauchendem Schädel bekomme ich noch einen glorreichen Übergang von „Don’t stop me now“ von Queen auf „Steady as she goes“ von den Raconteurs mit und kauf mir zähneknirschend zwei T-Shirts und eine Gym-Bag, in die ich so viele Sticker und Taschentücher reinstopf, wie es geht.

FREITAG – VERHANDELN

Mit noch ein paar Restpromille im Blut und in der Schlange zum FM4-Überraschungskonzert der Antilopen Gang geht es weiter. Ich mag die Band, aber ich wäre wahrscheinlich auch zu Justin Bieber wieder hierhergekommen.

Großartiges Konzert! Ab dem dritten Lied wird so Pogo getanzt, wie es nur hier möglich ist: Respektvoll, aber auch auf die Fresse. Beim sechsten Lied fordern die drei Jungs aus Düsseldorf, dass man doch so laut schreien solle, dass es der/die AnwohnerIn auch hört, der/die sich dreimal pro Woche über die Lautstärke beschwert hatte. Die Wut von letzter Nacht keimt ganz kurz auf, aber flacht gleich wieder ab.

Das hat doch alles keinen Sinn. Könnten wir nicht einfach irgendeinen Deal ausmachen? Weekender woanders wiedereröffnen? Jeden Montag Weekender Party in der Music Hall? Einen Monat Weekender-Festival, bis man genug hat und sich wieder aufs nächste Mal freut? Einfach irgendwas, damit es nicht aufhört?!

Gedankenversunken schaue ich auf die Bühne, bis mir ein stagedivender Fuß ins Gesicht und aus meinem Traum schlägt. Ich bekomme gerade noch mit, wie eine junge Dame aus der ersten Reihe vor den Live-Stream Kameras obenrum blank zieht und man mit dem Ton Steine Scherben Klassiker „Wir müssen hier raus“ rausgebeten wird. Ein Bier noch, ein Blick auf die mit Kondenswasser überzogene Decke und ab zum letzten Mal schlafen vor der großen „Party“.

SAMSTAG – LETHARGIE

Da ist er nun, der Tag der letzten Party. Ausverkauftes Haus mit einem Konzert von Eugen Kelly, der 11 Jahre zuvor schon den Club eröffnete. Die Early Bird Karten waren innerhalb von 3 Minuten ausverkauft, der Keller ist zum Bersten gefüllt, die Bar voll besetzt. Beim Konzert gibt’s noch ein paar leise Momente während derer sich wohl ein mancher nochmal an sein oder ihr Lieblingskonzert zurückerinnert. Bei mir war‘s Adam Green oder viel mehr die komplett unverstärkte Zugabe von dem total zugedröhnten New Yorker bei einem absolut stillen, lauschenden Publikum.

Nach dem Konzert werden all die üblichen und so unzählige Male gehörten Lieder  gespielt: Jamie T – Sticks n Stones, Arctic Monkeys – I bet You Look Good On The Dancefloor, Mando Diao – Dance With Somebody,Franz Ferdinand – Take Me Out, The Strokes – Room On Fire…..die Liste ist endlos. Der Abend verschwimmt, der Alkohol tut sein Übriges.

Ich find mich im Raucherraum wieder. Völlig vernebelt denk ich an tausend Sachen. Daran, dass der Weekender genau der Club ist, den ich mir immer vorgestellt hab wenn ich, wie jeder wohl mal, völlig betrunken auf die Idee kam: „Scheiß drauf, mach ich halt ’nen Club auf!“. Daran, dass die Bar und Garderobenleute hier immer die mit Abstand nettesten waren. Daran, dass ich einen der Gründer mal interviewen durfte. Daran, dass die Party ja noch weiter geht.

Draußen wird schon das vierte Abschiedslied gespielt. Nach Hold on Hope von Guided By Voices dachte ich, es wär vorbei…doch wird gleich mit Mumford and Sons weitergemacht. Der Verdacht macht sich breit, dass die DJ Allstars nie aufhören werden. Gute Idee, so kann auch niemals jemand zumachen. Nach Don’t look back in Anger tragen mich meine Füße die Treppe hinauf. Die Sonne scheint an der Garderobe vorbei in mein Gesicht. Es ist 7:00 Uhr. Hinter mir wird immer noch getanzt

SONNTAG – AKZEPTANZ

Ich gehe ohne zurückzuschauen raus. Eigentlich ist es egoistisch, wütend oder traurig zu sein. Der Weekender macht zu und das aus eigener Kraft. Stop crying your heart out.

Die beiden Besitzer haben es sich lang überlegt und bei all den Gründen, die sie genannt haben war es die richtige Entscheidung. Wobei das scheißegal ist, weil sie jedes Recht auf der Welt haben ihren eigenen Club auch jederzeit zu schließen. Man sollte eher froh sein, dabei gewesen zu sein und nicht traurig, dass es vorbei ist. Klar, so richtig realisieren wird man das Fehlen erst die nächsten ein bis zehn Montagabende, an denen man im Irish versauert oder, Gott bewahre, in der Sega Bar endet.

Bleibt nur noch Danke zu sagen. An all die Clubbesitzer, ultrageile-Bands-Booker, Bardamen und –herren, Garderobenladys, die Bands selber  und alle anderen, die den Weekender zu dem gemacht haben, was er war und auch immer sein wird.

Danke für die Zeit. Es war sehr schön. =]


Fotos: vom Autor selbst

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