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Zu Gast beim Feind – Welcome to Russia!

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Was verbinden wir mit Russland? Sind es die Bösewichte aus den James Bond Filmen oder ist es etwa das russische Staatsballett? Viele Dinge verbinden wir mit Russland,  oft negatives, aber doch auch oft positives. Unser Meinungsbild wird allerdings zurzeit von etwas ganz anderem dominiert. Seit der Ukrainekrise gilt Russland als kriegerischer Aggressor mit Putin als großer Diktator der Nation und Feind des Westens und der Demokratie. Trotz der vielen Vorbehalte hat unser Redakteur Felix De Zordo in weiblicher Begleitung die Reise gewagt. Eine Geschichte über Moskau, das nicht Russland ist, einem etwas ungewöhnlichen Frauenbild, und ja, dem einen oder anderen Vodkaglas.

 

Angekommen in Russland, warten wir auf die Passkontrolle. Die Schalter sind besetzt, die Mitarbeiter geben sich vielbeschäftigt in ihren Privatgesprächen. Zehn Minuten vergehen bis sich endlich jemand nach vorne traut und siehe da, die Passkontrolle beginnt.

Moskau ist anders

Basilius Kathedrale in MoskauBasilius Kathedrale in Moskau

 

Anders als das „richtige“ Russland. Mit über elf Millionen Einwohnern gilt Moskau als das wirtschaftliche, wissenschaftliche, politische und auch kulturelle Zentrum Russlands. Das schlägt sich auch auf den Gesamteindruck der Stadt aus: reich, gepflegt, fast schon modern. Als nicht russisch sprechende Person hat man es, trotz des europäisch angehauchten Hauptstadtflairs, nicht leicht sich zu verständigen. Das Wissen die findigen Geschäftsleute vor Ort natürlich und so kann es schon einmal vorkommen, dass die eine oder andere englischsprachige Menükarte höhere Preise als die russische hat. Tirol ist mit seinen Einheimischen-und Touristenpreisen allerdings nicht viel besser.

Ohne Matrjoschka wäre Russland einfach nicht RusslandOhne Matrjoschka wäre Russland einfach nicht Russland

 

Nichtsdestotrotz ist auch hier die Ukraine-Krise spürbar. Es kommen merklich weniger Touristen nach Moskau und so blöd es auch klingt, der gute europäische Käse wird vermisst. Die geringe Anzahl an Ausländern in einer solchen Metropole ist unübersichtlich. Erst als wir uns dem Kreml, dem uns allen bekannten Befestigungskomplex inmitten Moskaus, nähern, kommen wir in Kontakt mit den ersten asiatischen Reisegruppen auf deren Urlaubsfotos wir unfreiwillig landen.

 

Metro in MoskauEingang zur Moskauer U-Bahn. Nicht umsonst sagt man sich, dass das Gold in Moskau unter der Straße liegt.

 

Unfreiwillig müssen wir auch feststellen, dass Donnerstag der Kreml seine schöpferische Pause hat. Die gewonnene Zeit nutzen wir, uns mit einigen Russen zu unterhalten. Aussagen wie „Wir wurden nicht gefragt bei der Krim“ oder „Es wird Zeit, dass Putin in Pension geht“ verdeutlichen einmal mehr, dass man Russland nicht nur in Schwarz und Weiß sehen sollte.

Universität MoskauDie Universität Moskau. Da kann die Uni Innsbruck wohl nicht wirklich mithalten. Einlass gibt es übrigens nur mit einem Durchgangspass.

 

Perm: Das richtige Russland

Perm1370x Tirol umfasst die Fläche Russlands. Perm ist der östlichste Ort des Europäischen Russlands.

 

Gelegen am Uralgebirge ist es über 1000 km von Moskau entfernt und zählt knapp über eine Million Einwohner. Die Sommertage in Perm sind lang, der Höhepunkt ist im Juni, wenn es erst um eins dunkel wird und um drei schon wieder hell. Schon als wir aus dem Flugzeug steigen, haben wir das Gefühl im „richtigen“ Russland angelangt zu sein. Kleiner Flugplatz, schlechte Straßen und viel Landschaft. Warum die Straßen so schlecht sind? Die einen behaupten, das hat mit dem starken Temperaturgefälle zu tun. Andere meinen, das wird absichtlich gemacht, um auch in den nächsten Jahren fleißig die Aufträge für das eigene Unternehmen zu sichern. Als wir hören, dass die Bewohner teilweise nur knapp über 20.000 Rubel (ca. 300 €) für einen Vollzeitjob verdienen, wird uns auch klar warum. Natürlich ist das Leben hier definitiv günstiger, 16 Rubel (ca. 0,20 €) zahlt man z.B. für ein Busticket. Trotzdem sind viele, vor allem auch Jugendliche, auf ihre Familien oder auf ihren Schrebergarten, genannt „Sad“, angewiesen.

Ein Schrebergarten ("Datsche") in PermEin Schrebergarten („Sad“) in Perm. Im Nebengebäude befindet sich eine typische russische Sauna.

 

Es ist heiß. Verdammt heiß. Am liebsten würde ich rausrennen. Aber nein, ich wollte ja das ganze Programm, jetzt muss ich es ausbaden. Besser gesagt ausschwitzen. Dann beginnt es. Zusammengebundene Birkenblätter schlagen auf mich ein. Ich fühle mich als ob ich gerade in einem Versteck des KGBs gefoltert werde. Meine Schreie werden gekonnt ignoriert, der Kerkermeister ist meiner Sprache nicht mächtig. Schließlich springe ich auf, verlasse die Banya und schütte mir zur Abkühlung einen Eimer Wasser über den Kopf. Genug Sauna für einen Tag.

 

Im Gespräch mit den Einheimischen, fühlt man sich schon fast privilegierte. Auch sie würden gerne reisen und andere Länder sehen. Ihre Realität mal mit anderen vergleichen können. Doch mit ihrem Gehalt ist das unvorstellbar. Umso interessanter finden sie unseren Besuch und löchern uns mit Fragen über das Studiensystem, die Arbeitswelt und die europäische Sicht auf die Ukrainekrise. Und uns wird klar, dass wir Russland nicht über Putin definieren dürfen. Viele Bürger sind selber mit der Situation unzufrieden, teilen die vorgelebten Werte nicht. So bin ich froh, dieses doch eher ungewöhnliche Reiseziel gewählt zu haben um dem Feind mal die Hand zu geben und über einigen Gläschen Vodka russland-südtiroler-Freundschaften zu schließen.

Eine Straße in Russland - PermZum Glück entstand dieses Foto bei schönem Wetter. Bei Regen kann es schnell passieren, dass die Straßen überschwemmen. Abflusskanäle wie sie bei uns überall zu finden sind, gibt es nicht in Perm.

 

Fotos: Julia Wolf


War das etwa schon alles? NEIN! Hier erzählen wir dir von der etwas anderen Floßfahrt in Russland: 19 Russen und Ich – Tagebuch einer Floßfahrt. Anm. d. Red.: Dieser Artikel wurde erstmals in unserer Printausgabe #7 veröffentlicht.

Hallo, ich bin der Felix und ich schreibe hin und wieder was.

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