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“Ein Paradies ist immer dann, wenn einer da ist, der wo aufpasst, dass keiner reinkommt.“

Zum Auftakt des Politfilmfestivals wurde der Film „Shadow Game“ von Els van Driel und Eefje Blankevoort gezeigt. Anschließend wurde mit einem der Protagonisten namens SK, und Els van Driel über europäische Migrationspolitik, Flucht und deren Dokumentation und das Leben danach diskutiert.

Welches Spiel mit Shadow Game gemeint ist, wird relativ schnell klar. Als Game bezeichnen vor allem afghanische Flüchtende den Versuch die Außengrenzen der EU zu überwinden und in Westeuropa unterzukommen. Wie bei jedem Spiel gibt es Gewinner und Verlierer, solche die es schaffen und solche, die scheitern. Scheitern kann dabei entweder den Tod bedeuten, oder Aufgeben angesichts unüberwindbarer Grenzen. Die Protagonisten des Filmes sind alle männlich, minderjährig, die Länder die sie hinter sich lassen sind: Afghanistan, Iran, Irak, Pakistan, Syrien – um nur einige zu nennen. Der Film folgt diesen Jungen beim Game.

Der Gegenspieler ist die EU selbst, hier in Form der Grenzbeamten der EU-Mitgliedsstaaten Kroatien, Griechenland und Ungarn, die wir hinter Zäunen mit Stacheldraht sehen. Hin und wieder blitzt das Logo der Europäischen Union auf. Gespielt wird an diesen Grenzen, also an Orten, die wir Europäer höchsten aus dem Transit kennen. Grenzstationen bei Nacht, Brücken, Tunnel, weite Felder und breite Flüsse. Angesichts der Gewalt und Kälte, die diesen Kindern entgegenweht, verschlägt es einem die Sprache. Viele harren an den Grenzen aus, da sie es weder über die Hürden schaffen, welche die EU aufgebaut hat, noch in die kriegsgebeutelte Heimat zurück können. Wenn die Versuche scheitern, erzählen die Jugendlichen von Schlägen, Misshandlungen, dem Wegnehmen von Handys und Kleidung.

Über den schweren, emotionalen Inhalt des Filmes rückt das Medium selbst in den Hintergrund. Die Kamera ist extrem nah dran an ihren Protagonisten, der Hintergrund verschwimmt meistens im Dunkel der Nacht und Straßenlichtern. Selten erstreckt sich ein Panorama oder eine Großaufnahme über die Leinwand, oft sieht man Handyaufnahmen, die die Kinder selbst bereitgestellt haben. An mehreren Stellen, wenn die Kamera direkt den Schmerz und die Angst der Kinder filmt, wollen wir uns instinktiv wegdrehen oder die Kamera ausmachen.

Etwa wenn einer der Protagonisten, Hammoudi(14), vor der Kamera einen Heulkrampf hat, als er erzählt wie er seinen Bruder bei der Flucht vor der Polizei verloren hat. Oder wenn eine Mutter ihren Sohn Mustafa (17) anfleht, nicht noch einen Versuch zu wagen. Beim letzten Versuch hatte die kroatische Grenzpolizei seinen Arm gebrochen, der Mutter fehlt das Geld, um zu ihm zu kommen. Der Film reiht eine Vielzahl solcher Szenen aneinander in ein großes Durcheinander. Genauso sprunghaft sind auch die Wege der Protagonisten. Die Reisen sind geprägt von Umwegen und Rückschlägen, am Ende wissen wir kaum noch, wann die Kinder wo waren.

Heruntergebrochen sehen wir hier die katastrophalen Folgen unserer europäischen Migrationspolitik. Wir werden konfrontiert mit der Gewalt, die notwendig ist um Grenzen zu ziehen. Und was das mit denen macht, die daran zu Grunde gehen. Dabei wird auch klar, dass wir schon lang in der „Festung Europa“ leben, von der Rechte immer geschwärmt haben. Und an dem Umgang mit ukrainischen Flüchtenden wird deutlich, dass es dabei nicht um „berechtigte“ Vertriebene und „unberechtigte Wirtschaftsflüchtende“ geht. Worin unterscheiden sich Kinder, die aus Afrin vor Angriffen des NATO-Mitgliedstaats Türkei fliehen, von Familien die aus Mariupol nach Deutschland kommen? SK, der es von Afghanistan bis nach Belgien geschafft hat, spricht bei der Podiumsdiskussion von Rassismus. Eine andere Antwort fällt mir auch nicht ein.

Beitragsbild: Shadow Game (Niederlande 2021). Das Zitat im Titel stammt von Gerhard Polt.