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Mein Profil hat keinen Prüfungsstress

Mein Profil sammelt keine ECTS-Punkte, es sammet Likes.

Wir sind von Strömen von Informationen umgeben. Breaking News schlagen als hohe Wellen eine nach der anderen auf unseren Bildschirmen auf. Wir treiben auf unseren Handy-Schalen durch das Gewässer, stundenlang auf hoher See. Und jeder Start ins neue Semester ist in große Vorhaben gekleidet: ganz viele ECTS-Punkte wird man sammeln und täglich am Computer sitzen, um die Zusammenfassung fertig zu schreiben. Den Stress vom letzten Semester will man sich nicht mehr geben. Doch dann ploppt auf einmal eine Benachrichtigung auf und man erwischt sich Stunden später beim Kochen, Putzen oder Serien-Schauen. Aus gegebenem Anlass, nämlich der Prüfungsphase, habe ich mir über die altbekannte „Aufschieberitis“ und der Rolle der sozialen Netzwerke hierbei Gedanken gemacht und eifrig mit Recherche begonnen – die gewisse Ironie daran lassen wir mal so stehen.

In der Netflix Dokumentation Das Dilemma mit den Sozialen Medien wird von Expert:innen der Werdegang verschiedenster sozialer Netzwerke erklärt, unter anderem auch die psychologischen Auswirkungen auf unser neurales Belohnungssystem. Genau genommen funktioniert das Scrollen auf die gleiche Weise wie das Bedienen eines Glücksautomaten im Casino und birgt auch ebendiesen Suchtfaktor. Gérald Bronner beschreibt in seinem Buch Apokalypse des Kognitiven die Reiz- und Informationsüberflutung der heutigen Gesellschaft und analysiert die Gefahr bei Kindern und Jugendlichen, denen sie fern von effektiven Altersbeschränkungen ausgesetzt sind. Wenn man die Bilder aus Matrix mit jenen der Hochburgen der Sozialen Netzwerken Google, Instagram, Facebook und Co. vergleicht, wird einem zusätzlich vor Augen gehalten, wie sehr wir inzwischen in zwei Welten leben. Einer „realen in Präsenz“ und einer digitalen, die uns so lange wie möglich an sich binden möchte. Mithilfe von Push-Up Nachrichten und „Hey, schau doch mal da rein“ bis hin zur Facebook-Benachrichtigung, man habe seinen Freundeskreis dort vernachlässigt, wird unsere Aufmerksamkeit ständig darauf gelenkt.

Google-Server (nicht die Matrix)

„Ich kann mich beim Lernen nicht konzentrieren, wenn mein Handy greifbar ist“.

Die Erwartung auch unseres Umfeldes, ständig erreichbar sein zu müssen, kann nicht nur einen Stressfaktor im Alltag bedeuten, sondern diesen darüber hinaus behindern. In einer Schweizer Studie sollte untersucht werden, warum jeder fünfte Autounfall in der Schweiz mit „Unaufmerksamkeit und Ablenkung“ in Zusammenhang steht. Zweck der Datenerhebung war die Evaluierung des Handlungsbedarfs für gesteigerte Präventionsmaßnahmen. Unaufmerksamkeit wird ihr zufolge im Unterschied zur Ablenkung als Zustand ohne erkennbare Ursache definiert, während Letztere nach einem weitergehenden Ansatz als ein Prozess beschrieben wird, der von einer „Ablenkungsquelle“ (im Fall der Studie durch das Telefon) ausgeht und im Ergebnis dieser „Kausalkette“ dann zur Unaufmerksamkeit erst führt.

Das heißt wohl, im Ergebnis glitzert die bereits von Mark Aurel gepredigte Selbstdisziplin als Lösung am Horizont. In seinem Werk Selbstbetrachtungen im zweiten Jahrhundert n. Chr. ergründet der römische Prinzeps und Philosoph, ganz nach den Grundsätzen des Stoizismus, die Vernunft und Disziplin zu Kaiserdisziplinen (Wortspiel beabsichtigt), nach denen das Leben auszurichten sei. Er betont die Bedeutung, die uns zu Verfügung stehende Zeit mit Bedacht einzuteilen und uns den Dingen zu widmen, die uns wichtig und nützlich sind.

„Was lässt du dich von Äußerlichkeiten und Zufällen ablenken?
Nimm dir Zeit, etwas Gutes dazuzulernen, und höre auf, planlos
umherzuirren. Jetzt gilt es auch, sich vor dem anderen Irrweg in
Acht zu nehmen!“
(Mark Aurel)

Dabei spielt die Abkehr von äußeren Einflüssen und Ablenkungen eine große Rolle, um sich auf das Wesentliche zu fokussieren und ebendieses auch erreichen zu können. Denn die Plattformen selbst haben wohl kein Interesse daran, dass wir, anstatt die neuesten bezahlten Werbungsanzeigen und „Produktplatzierungen“ anzuklicken, beim Abhandeln unserer To-Do Listen stattdessen zwischendurch aus dem Fenster sehen.

Und wer kennt es nicht: die monatlichen Auf- und Abschwünge von Prüfungsnervosität, Stress, ein Berg aus ECTS-Punkten, den es zu erklimmen gilt. Vor dem Absolvieren großer Prüfungen besonders ausgeprägt, spürt man einen Druck, als würde ein riesiger Steinbrocken auf den Schultern lasten – und oh, wie wunderbar leicht fühlt man sich, wenn man diese neue Hürde überwunden hat. Leicht wie eine Feder, vollgepumpt mit Glückshormonen. Wenn unser Belohnungssystem jedoch durch soziale Medien stimuliert wird, funktioniert das im Gehirn wie eine Abkürzung. Die Glückshormone werden zwar kurzfristig ausgeschüttet, stehen aber nicht wirklich in Relation zu einer Leistung. Als wäre man mit der Seilbahn (befeuert von Klicks und Likes) anstatt über den Klettersteig hinaufgefahren, um die Aussicht zu genießen. Oben strahlende Gesichter derer, die sich zwar abgemüht haben, aber denen die Knödel dafür umso besser schmecken. Erst beim Hinabsteigen erkennt man wieder, wie viele Höhenmeter man eigentlich zu erklimmen vorgehabt hätte. In einer Leistungsgesellschaft, die sich über ihr Busy-Sein definiert, erscheint in den dunklen Wintermonaten der Terminkalender besonders voll und die wartenden Deadlines noch bedrohlicher. Auch ohne der verdienten Auszeit in Form der spanischen Siesta oder dem niederländischen Niksen besteht noch ein verbreiteteres Phänomen, das allerdings negativer konnotiert wird: Prokrastinieren, oder auch Aufschieberitis genannt, unter dem Motto: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe stets auf morgen“, „Soll sich mein Zukunfts-Ich drum kümmern“. Doch Prokrastination liegt häufig aber nicht in Faulheit begründet, sondern tritt aus Überforderung und Leistungsdruck auf. Ein Problem wird sie, sobald sie den Alltag beherrscht und kann letztlich als Störung vorliegen. In dem Fall sollte eine psychologische Beratungsstelle aufgesucht werden, da es sich um medizinische Gründe handeln kann.

Auf Youtube sticht mir die Endlos-Schleife an gleichen Videos ins Auge. Gefangen in der persönlichen Algorithmus-Bubble, die (in meinem Fall) dominiert wird von japanischen Kochvideos und Filmkritiken. Wenn man die durchschnittliche Zeit heranzieht, die man in dem Dschungel von Sozialen Medien verbringt (bei Jugendlichen inzwischen an die sieben Stunden), geht sicherlich viel zu viel Zeit mit Ramen-Rezepten und den Avengers-Filmkommentationen drauf.

Die eine, einfache Lösung wurde bisher nicht gefunden. Selbst wenn man sämtliche Apps sozialer Medien vom Smartphone löschen möchte, ist YouTube etwa bereits ein fest vorinstallierter Teil, bei dem dies gar nicht möglich ist. Und auch ein Leben fern ab von jeglichen Netzwerken ist angesichts der Kommunikationsformen der heutigen Zeit schwerer als es vor ein paar Jahren noch war – und dies erstreckt sich nicht nur auch, sondern insbesondere auf das Uni-Leben. Über die OnlineLehre hinaus teilen ÖH und Fachschaft die wichtigen Informationen mit mir auf Instagram. Daneben bin ich in dutzenden Whatsapp-Gruppen von Kursen, selbst wenn in denen gar niemand mehr schreibt.

Im Ergebnis bleibt wohl zu sagen: Nur weil das Handy klingelt, piept oder vibriert, ist es jedes Mal eine Entscheidung, ob man überhaupt darauf reagiert, ob sofort oder später. Ein Spaziergang an der frischen Luft hat auf eine Lernblockade oder Stress positivere Auswirkungen als „nur ein“ Video. Und was niemand wirklich leugnen kann: Das wirklich Wichtige im Leben geschieht, wenn der Bildschirm schwarz bleibt.

Bilder:

Beitragsbild: pixabay, Google