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FLockdown: Die Universität schließt auf ein Neues.

Es ist wieder diese Zeit des Jahres – Unter dem Wortspiel FLockdown versteht man das Zusammentreffen des ersten winterlichen Schneefalls mit einer weiteren Schließung des öffentlichen Raumes im Zuge der Corona-Krise. Von den meisten unter uns wurde die Setzung dieses Schrittes schon mit einer gewissen Vorahnung erwartet, um ehrlich zu sein, war eigentlich niemand wirklich überrascht. Was bei der Umstellung auf Online-Lehre als bitterer Geschmack zurückbleibt, stellt einerseits die Erinnerung an politische Versprechen dar, die nicht gehalten werden konnten, und andererseits die allseitig verbreitete Unstetigkeit und Unsicherheit, mit der sowohl Lehrende als auch Studierende konfrontiert werden.

Die Zeitlos war bei der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft (ÖH) eingeladen, um mit dem Vorsitzenden Daniel V. Müller über diese Thematik, die damit verbundenen neuen Herausforderungen und das allgemeine Stimmungsbild zu sprechen.

Die Zeitlos:  Wie und von wem wird denn die Umstellung auf Online-Lehre entschieden?

Daniel V. Müller: „Es ist grundsätzlich so, dass die Universitäten von den geltenden Covid-Verordnungen der Bundesregierung ausgenommen sind. Der Rektor kann in seinem eigenen Wirkungsbereich festlegen, ob Präsenz-Lehre, Online-Lehre oder die Form der hybriden Lehre stattfindet. An der Uni Innsbruck ist dankenswerterweise ein Gremium installiert, die Corona-Taskforce, wo aus allen Sparten jemand sitzt, zum Beispiel unter anderem Betriebsräte, Rektor*innen und auch die ÖH. Die beraten sich und bringen ihre Meinungen ein, wie der Rektor verfahren soll. Das klingt zwar alles gut, aber es handelt sich um kein entscheidungsbefugtes Gremium, in dem demokratisch abgestimmt wird. Das heißt, der Rektor entscheidet am Ende des Tages selbst, was er macht.“

Erfahrungsgemäß kann dem Rektor der Universität wohl eine gewisse Vorsicht zugesprochen werden. Während im Zusammenhang mit der ersten Corona-Welle etwa die Stadtbibliothek bereits Ende des Frühlings wieder öffnete, folgte die Hauptbibliothek nur zaghaft mit zunächst einem buchbaren Timeslot pro Tag. Nachdem der bekannte Bibrun (also der morgendliche Ansturm der Studierenden in der Bibliothek, um sich einen Sitzplatz zu sichern) auf die digitale Leseplatzreservierung verlegt worden ist, folgten allmählich mehrere Reservierungsmöglichkeiten und auch die Instituts-Bibliotheken waren wieder zugänglich.

Der Hauptkritikpunkt der ÖH besteht in der Plötzlichkeit, mit der die Umstellung beschlossen wurde. „Sie erfolgte praktisch über Nacht, Studierende konnte sich nicht darauf vorbereiten“, so Daniel zum einen. Zum anderen hinterfragt die ÖH die Zweckmäßigkeit des Lockdowns an der Uni. Er soll „Ansteckungsketten unterbinden und wenn dann vom Rektorat kommt, dass sich offiziell nie jemand an der Universität angesteckt hat, wundert es mich, dass es an der Uni einen Lockdown braucht.“ Die bisher geltenden Regeln zu FFP2-Masken, die auch am Sitzplatz getragen werden müssen, die 3-G-Kontrollen an den Eingängen, herrschende Abstandsregeln verfolgen genau den Zweck, Ansteckungen zu vermeiden – und dies gelang der ÖH zufolge bisher auch sehr erfolgreich über Alpha-, Beta- und Deltavariante hinweg. „Es hat sich bis jetzt niemand hier angesteckt. Deshalb kritisiere ich das, weil viele Studierende damit nicht umgehen können, wenn sie allein daheim vor dem Laptop ohne Freunde sitzen, in der Winterzeit. Da wundert es mich nicht, wenn es ihnen schlecht geht.“

Gerade die Vereinsamung der Studierenden unter der Corona-Krise hat auf die psychosoziale Situation starke Auswirkungen. Es besteht zu diesem Thema auch eine interdisziplinäre Forschungsgruppe der Universität Innsbruck, die diese Wahrnehmung bestätigt. Bereits im ersten Lockdown litten einer Studie der Psychologischen Studierendenberatung Innsbruck zufolge 36 Prozent der Studierenden zwischen 18 und 24 Jahren an Ängsten und depressiver Verstimmung, wobei von einem starken Anstieg berichtet wird. Die Beratungs-Stelle, ergänzt durch einen Zuschuss-Topf für Psychotherapie und psychologische Behandlungen, sollen dahingehend Abhilfe schaffen.

Es fand aber keine komplette Umstellung auf Online-Lehre statt, oder?

„Der Rektor hat nur beschlossen, dass Vorlesungen online stattfinden mit der Ausnahme, dass Lehrveranstaltungen, wo es didaktisch sinnvoll ist, weiterhin in Präsenz stattfinden können. Das sind Labore, Praktika, Übungen, Proseminare.“ Ihm komme das alles sehr willkürlich vor. Zudem findet hybride Lehre sehr wohl in Innsbruck erfolgreich statt: an der medizinischen Universität werden Vorlesungen in Präsenz, als auch über Onlinezugänge abgehalten und damit flexibler abgehalten, wiederum eine Entscheidung des Ermessens. Die Umsetzung und dahingehende Überlegungen klingen insgesamt nachvollziehbar. Fraglich bleibt, wie hätte die Uni denn offengehalten werden können?

 „Ich glaube, der key of success ist die hybride Lehre. Sobald ich mich entscheiden kann, ob ich die Vorlesung daheim anschaue oder in Präsenz, gibt es schon viele Leute, die nicht in der Uni sind. Das reduziert das Ansteckungsrisiko, weil ein Teil der Studierenden daheimbleibt. Damit könnte, unter den geltenden Maßnahmen, jedenfalls die Uni offenbleiben. Der Schutz der Bevölkerung ist wichtig und richtig, das darf auch nicht außer Acht gelassen werden.“ Nach der momentanen Regelung bleiben gewisse Räumlichkeiten der Universität geöffnet. Die Hauptbibliothek und die internen Lernplätze sind mit FFP2-Masken zugänglich, auch die Forschungs- und Verwaltungsbereiche laufen weiter wie gewohnt.

Nach welchen Kriterien wird das gestuft und eingeschätzt?

Daniel: Das frage ich mich selbst auch.

Zu Beginn des Wintersemesters 2021/22 war eine optimistische Atmosphäre am Campus spürbar. Die Erstsemestrigen-Tutorien und Semesteropening-Partys brachten die verlorene „alte Normalität“ zurück. Einen Monat lang erforderte der tägliche Gang zu den Lehrveranstaltungen sogar eine gewisse mentale Umstellung, wenngleich eine erfreuliche. Darauf folgte die Ernüchterung mit erneut stark steigenden Infektionszahlen, mit denen österreichweite Höchstzahlen erreicht wurden. Die lange Wartezeit auf den Impfstoff seit Beginn der Pandemie hat nicht mit der Erleichterung geendet, auf die so viele gehofft hatten. Mit einer Impfquote von zwei Dritteln der Geimpften, hat sich auch jede*r Dritte Österreicher*in nicht impfen lassen. Wie seht ihr die Entwicklungen mit zunehmenden Mutationen des Virus?

„Welche Auswirkungen nun die Omikron-Mutation hat, wird sich zeigen und es ist natürlich Vorsicht geboten, denn es muss schon auch gesagt werden: Präsenz-Lehre schön und gut, aber wichtiger ist, dass es der Bevölkerung gut geht und wenn dabei eine Verlängerung des Lockdown zielführend ist, liegt diese Entscheidung bei der Politik. Das ist zum Glück nicht im Kompetenzbereich der ÖH.“

Mit einer Impfquote von über 80 Prozent an der medizinischen Universität Innsbruck sogar über 90 Prozent, zählt die Universität als Gesellschaftsbereich wohl zu den Spitzenreitern. Auch ausgehend von politisch-gesundheitlichen Aspekten scheint die Herden-Immunität nicht mehr weit entfernt zu sein. Nach der ÖH sollte dies auch belohnt werden. Es sei doch jedenfalls erstrebenswert, diese hohe Durchimpfungsrate in der Bevölkerung zu haben. Studierende seien in der Regel auch nicht diejenigen, welche die Intensiv-Kapazitäten auslasten. Die diesbezügliche Arbeit der ÖH bezieht sich auch auf wöchentliche Updates aus dem Bildungsministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF). Da die Universität aus dem Geltungsbereich der Covid-Verordnungen ausgenommen ist, stellt sich die Frage, wie viel dadurch bewegt werden kann. „Aber es ist sehr schön, sich mit anderen darüber auszutauschen“.

Die Online-Lehre wird von einem Teil der Studierenden auch begrüßt, die sich Anreisewege ersparen, bemängelt wird sie aber besonders bei der Abhaltung von prüfungsimmanenten Lehrveranstaltungen, solchen mit hohem Diskussionsanteil, die online als sehr mühsam beschrieben werden. Der Austausch am Campus in und nach Lehrveranstaltungen fällt nach der Schließung der Universität komplett weg. Eine Lehrbeauftragte des Instituts für Lehrerinnenausbildung und Schulforschung in Innsbruck vermisst überdies die Gruppendynamik in den Lehrveranstaltungen. Sie sehe auch einen starken Unterschied in der Konzentrationsfähigkeit und der Lehrstoff-Vermittlung. Fehlt der „echte“ Kontakt, könne auch dahingehend weniger aufgenommen werden. Es sei auch ein Bezug zum Tagesablauf festzuhalten, da „es einen Unterschied macht, ob die Studierenden sich aktiv zu Lehrveranstaltungen begeben oder kurz vorher den Computer einschalten“, somit wohl eine Frage des Arbeitsalltags.

„Man muss so ehrlich sein, einzusehen, dass wir die Online-Lehre jetzt nicht mehr ändern können. Wenn wir jetzt aber wieder Online-Lehre haben, dann bitte auch ordentlich. Wenn ich mich an mein erstes Semester erinnere, das auch online war, stellt sich mir die Gänsehaut auf. Professor*innen, die nur Foliensätze hochladen, anstatt eine Vorlesung abzuhalten, wo vermerkt ist, wo im Buch nachzulesen ist. Das hat für mich nichts mit studieren zu tun“, so die Ansicht des ÖH-Vorsitzenden. Die Vorteile der Präsenz-Lehre liegen auf der Hand. 

Die ÖH hat gerade die Einrichtung des Lockdown-Unterstützungsfonds bekannt gegeben: Es werden von der ÖH 250.000 Euro für die Studierenden zur Verfügung gestellt, die durch Corona finanziell einen Schaden davongetragen haben. „Wenn ein*e Studierende den Job aufgrund des Lockdowns verloren hat, das nachweisen kann und sparsames Konsumverhalten an den Tag legt, bekommt er*sie einmalig 400 Euro einfach so auf das Konto überwiesen. Insgesamt können wir dadurch 625 Studierenden unter die Arme greifen.“

Auf Social Media lässt sich ein facettenreiches Stimmungsbild ausmachen.

ÖH-Vorsitzender Daniel V. Müller

 „Jede*r von uns merkt auf jeden Fall, dass die Gesellschaft gespalten ist. Die einen sind stinksauer, dass die Uni wieder zu hat, die anderen begrüßen es, weil sie sagen, die Intensiv-Betten sind einfach voll. Und dann gibt es noch jene, mit denen ich mich überhaupt nicht identifizieren kann – die Impfgegner*innen und Corona-Leugner*innen. Dass es so etwas gibt, ist tragisch. Haltet euch an die geltenden Maßnahmen, haltet Abstand und gemeinsam schaffen wir das. Die ÖH ist für euch da. Ich befürchte, wenn die Uni jetzt weiterhin geschlossen bleibt, also länger als der Lockdown für die Bevölkerung andauert, dass sich einige Studierende fragen, warum sie sich ein drittes Mal impfen lassen sollen, wenn die Uni ohnehin geschlossen bleibt. Mir tun vor allem die ausländischen Studierenden leid, die hergezogen sind, weil es hieß, es findet Präsenzlehre statt.“

Abschließend bleibt zu sagen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt wichtiger denn je erscheint. Die Uni lebt davon, dass sich Leute treffen und austauschen.


APA: Doppelt so viele Studenten fühlen sich psychisch belastet. Die Presse vom 30.11.2020,(Zugriff am 4.12.2021)