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Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte

Jung und Naiv. Das ist keine Beschreibung die insbesondere junge Menschen gerne hören. Ein Journalist hat sich diese Formulierung als quasi Selbstbeschreibung zu Eigen gemacht und so ein politisches Interview-Format geschaffen, dass im krassen Gegensatz zu anderen seiner Art steht.  

 

Tilo Jung

Tilo Jung, 36, ist ein deutscher Journalist und Podcaster, der das Interviewformat Jung & Naiv erfunden hat, und eben jenes seit 2013 moderiert. Er volontierte in seiner Jugend einige Jahre bei seiner regionalen Heimatzeitung Nordkurier, leistete Grundwehrdienst und begann Betriebswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften zu studieren, beendete aber keines von beiden. Stattdessen arbeitete Jung bei diversen Internet-Unternehmen und Start-ups, wie etwa studiVZ, Zalando oder auch DailyDEAL in Bereichen des Produktmanagements und Marketing.

2011 arbeitete er beim Medienmagazin von Radio Eins vom Rundfunk Berlin Brandenburg und als Radioreporter lag sein Schwerpunkt bei Interviews und Reportagen zu Social Media und internationale Politik, beispielsweise bei der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl. Dem folgten diverse journalistische Tätigkeiten, unter anderem auch als „Social Media VIP Reporter“, wo er etwa Günther Jauch Fragen stellte, die zuvor auf Facebook gesammelt worden waren. Seit 2014 ist er Mitglied der Bundespressekonferenz und als online-Journalist veröffentlicht er Transkripte und Videoausschnitte aus den deutschen (Regierungs-)pressekonferenzen (REG-BPK).

 

Interview ist nicht gleich Interview

Was ist nun das neue oder zumindest spezielle an dem Interview-Format Jung & Naiv? Zunächst fällt auf: Im Interview müssen sich alle duzen und die Interviewten sollen keine Fremdwörter verwenden. Es geht darum, politische Themen für Desinteressierte – wie der Titel bereits suggeriert – anschlussfähig zu machen. Außerdem fallen noch drei hintergründigere Elemente ins Auge.

Erstens: die Rolle des naiven Fragenstellers. So mimt Tilo Jung einen „jungen und naiven“ Fragesteller, welcher genau ebensolche Fragen stellt; zum Beispiel: „Braucht unsere Wirtschaft Wachstum? Ist Ungleichheit notwendig in einer Demokratie? Oder auch:  Warum tun wir zu wenig gegen die Klimakrise?“ Damit werden die Wissenschaftler*innen am anderen Ende des Mikrophones gezwungen sich möglichst verständlich zu erklären. Politiker*innen, sollen sich so nicht hinter Worthülsen verstecken können. Eine Taktik, die durchaus erfolgreich zu sein scheint, betrachtet man die zum Teil harten Wortgefechte, die hier entstehen.  

Zweitens: die Länge der Interviews. Diese dauern im Schnitt zwischen einer und vier Stunden und umfassen zumeist die Biographie einer Person, deren Sozialisation, wie sie denn politisiert wurde, und eine Vielzahl an Haltungen zu aktuellen und kontroversen politischen Themen abhängig von der jeweiligen Person und deren Expertise.

Drittens: die Einbindung der Community. So werden seit einigen Monaten Zuschauerfragen aus dem live-chat von Hans Jessen, einem freien Journalisten in Berlin, der vielfach mit Tilo Jung zusammenarbeitet, an die Interviewten gestellt, direkt nachdem Jung mit dem quasi ersten Teil der Befragung fertig ist. Diese Einbindung ist sicherlich Jungs Ziel (vermeintliche) Politikverdrossenheit zu bekämpfen, geschuldet.

Außerdem wird Jung & Naiv vollständig durch Spenden finanziert, was die Unabhängigkeit der journalistischen Arbeit sichern soll. Wobei hier nicht unerwähnt bleiben kann, dass Tilo Jung keinen Hehl aus seiner eigenen politischen Position macht, jedoch mit dem Hinweis, dass alle Politiker*innen gleich „hart“ oder „weich“ interviewt werden. Er vertritt oftmals Linke Positionen und argumentiert für Werte wie, Gerechtigkeit, Klimaschutz, Chancengleichheit, uvm. Ein Umstand, der ihm auch schon den Vorwurf  des politischen Aktivismus eingetragen hat. Außerdem wird Jung (wie anderen Persönlichkeiten der Social-Media-Szene auch) attestiert, nur deshalb zu provozieren, um sich selbst maximal zu vermarkten. Inwieweit diese Strategie, die man auch als die Strategie der „politischen Reizfigur“ bezeichnen könnte, zutrifft ist schwer zu beurteilen. Unabhängig davon kann man dem beschriebenen Interview-Format und damit Tilo Jung und seinem Team durchaus Erfolg nachsagen. Mit mehr als 500 Interviews auf Tilo Jungs YouTube Channel, seiner Website (www.jungundnaiv.de) und diversen Ablegerformaten desselben, scheint ein Fortbestehen fast gesichert.

 

Gesellschaftspolitische Einordnung

Seine quälenden Fragen in den Pressekonferenzen der deutschen Bundesregierung, oftmals direkt an den Regierungssprecher Stephen Seibert adressiert, entlarven die Floskelhaftigkeit und Inhaltsleere der politischen Kommunikation der deutschen Bundesregierung. Man könnte so weit gehen zu behaupten, dass das oft beklagte Desinteresse an der Politik von dieser selbst erzeugt wird, durch die Art der eigenen (un-)Kommunikation.  

 

Conclusio

Trotz, oder gerade wegen des politischen Aktivismus der Tilo Jung oft vorgeworfen wurde, ist dessen Format und deren diverse Ableger auf dem aufsteigenden Ast. Die Zuschauer*innenzahlen steigen (je nach Content), die Gäste sind prominent und die Finanzierung scheint derzeit auch kein Problem zu sein. Alles in allem ist Jung & Naiv ein Erfolgskonzept. Das gelingt auch, weil es einen dezidierten Gegenentwurf zu einer auf Sekunden, maximal Minuten ausgerichteten politischen Kommunikation darstellt. Journalismus ist politisch und damit sind es die Techniken, die im Journalismus Verwendung finden ebenfalls. Jung schafft es durch die bloße Ausgestaltung seines Formates, eben jene Techniken zu problematisieren, ein erster Schritt in Richtung Veränderung.  

 

Bildquelle: Michal Czyz, grey microphone in room, unsplash.com