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EUROPEAN OUTDOOR FILM TOUR 2021 vol. III: Die Leidenschaft für das Außergewöhnliche

Eisige Kälte, schwindelerregende Höhen und monotone Einsamkeit: Die Darsteller der drei Kurzfilme „I am North“, „Miles ahead“ und „Out of frame“ bei der European Outdoor Film Tour trotzen allem Normalen und Gewöhnlichen. Sie folgen ihrem Herzen und ihrer Leidenschaft. Drei herausragende Persönlichkeiten – sportlich, als auch menschlich.

I am North

Name: Caro North. Alter: 29. Beruf: Bergführerin und professionelle Alpinistin. Das Gesicht der diesjährigen European Outdoor Film Tour zeigt eine eigenständige, authentische und leidenschaftliche junge Frau, die ihren Traum lebt. „Ich bin nicht gerne normal“, so Caro. Sie ist ein Mensch, der Veränderung braucht, der ständig unterwegs, aber selten alleine ist. Die Berge und der Bergsport seien ihre „Droge, um glücklich zu sein.“

Der Kurzfilm über Caro North zeigt nicht nur spektakuläre Aussichten während Berg- und Skitouren, sondern erzählt vor allem auch von ihr als Person. Freunde können die Frage, was Caro eigentlich nicht kann, kaum vor der Kamera beantworten – sie sei so voller Energie, voller Tatendrang, stehe immer zu früh auf und sei für jede*n da, erzählen sie. Für wahre Freundschaften würde sie alles geben. Sie sei keine Einzelgängerin, sie brauche den Rückhalt ihrer Freunde, die ihr wie eine Familie sind, erzählt Caro selbst. Auf Expeditionen begebe sie sich nur mit Personen, denen sie absolut vertraue. Der Film zeigt exemplarisch ihre Begehung des 4078m hohen Schreckhorns in den Berner Alpen, Frühjahr 2021. Noch vor Sonnenaufgang leuchten die Stirnlampen von Caro und ihrer Begleiterin auf die schneebedeckten Berghänge. Mit Skiern, Steigeisen und Gleitschirm im Gepäck machen sich die beiden erfahrenen Alpinistinnen auf den Weg.

Das Fliegen ist noch neu für Caro, einige Ausschnitte ihrer ersten Flugstunden werden gezeigt und die Zuschauer*innen merken schnell, wieviel Ehrgeiz und Zielstrebigkeit in dieser Frau stecken. Sie fände es schön, Anfänger zu sein, ja, „Angst zu haben“, meint sie dazu. Wieder vor einer Herausforderung zu stehen, etwas Neues zu lernen und daran zu wachsen. Caro steht auf den Skiern, seit sie 3 Jahre alt ist und klettert seit 20 Jahren. Trotz ihrer Erfahrung und ihrer Liebe zu den Bergen, erzählt Caro, wie sie während des Aufstieges am Schreckhorn an den vereisten Steilwänden plötzlich die Panik übermannt habe: Ein guter Freund von ihr sei erst vor anderthalb Monaten am gleichen Berg ums Leben gekommen. In solchen Momenten verwandele sich der Traum in einen Albtraum.

Klettern an Steilwänden © EOFT 2021
Caro North bei der Begehung des Schreckhorns © EOFT 2021

Sie ist nahbar, bodenständig, emotional und eine unglaubliche Sportlerin. Den Gipfel zu erreichen, bedeutet auch an diesem Tag wieder ein Glück zu erleben, das man nicht beschreiben kann und das einen vollkommenen Moment erschafft. Das vollkommene Glück. Des Risikos und gleichzeitig des Privilegs ist Caro sich immer bewusst. Einen Teil ihrer Leidenschaft und „ihres Feuers“, so wie sie selbst sagt, kann sie weitergeben, in dem sie Bergführerin geworden ist. Sie ist eine der wenigen weiblichen Bergführerinnen in der Schweiz. Insgesamt kann sie auf zahlreiche Begehungen in der ganzen Welt zurückblicken, sie hat sich in der Szene einen Namen gemacht. 2015 schafft sie am Cerro Torre in Patagonien die erste freie Begehung mit einer reinen Frauenseilschaft, zudem gelingen ihr zahlreiche Erstbegehungen in diesem Gebiet. Sie klettert im Yosemite-Valley und in Alaska, erklimmt die technisch herausragende Eigernordwand im Winter und verbringt vier Wochen auf einer Expedition in der Antarktis.

Trotzdem erlebt sie neben den glücklichen Momenten auch Niedergeschlagenheit und Einsamkeit. Ihre Mutter findet, durch das ständige Unterwegssein laufe Caro nur vor sich selbst davon. Wo sie in 10 Jahren stehen wird, kann sie noch nicht beantworten – der Schritt zum Sesshaft werden liege noch weit entfernt, meint sie. Was sie heute allerdings weiß und vor allem durch das Klettern gelernt hat, ist, dass sie nicht allen gefallen und es nicht jedem Recht machen muss. In der Schule sah sie sich eher als Außenseiterin. Sie wollte überall „gut ankommen“ und mit jedem*r befreundet sein, erzählt sie. Durch das Klettern fand Caro etwas, worin sie „voll aufgehen“ konnte, das ihr Selbstbewusstsein gab und den Mut, sich so zu geben, wie sie wirklich ist.

Miles ahead

Einmal im Leben an einem Ironman-Triathlon teilnehmen – 3,8km schwimmen, 180km Radfahren und 42,2km laufen. Davon träumen viele ambitionierte Sportler und Sportlerinnen. Was hingegen Jonas Deichmann auf die Beine gestellt hat, lässt jede*n stolze*n Ironman-Teilnehmer*in erblassen: Im Herbst 2020 startet Jonas einen 360°- Triathlon, Start- und Endpunkt ist München, dazwischen liegt die Welt.

Jonas Deichmann nach 450km schwimmen © EOFT 2021

Die erste Szene des Kurzfilms zeigt den Sonnenuntergang über dem offenen Meer – und einen einzelnen Schwimmer mit seiner signalfarbenen Boje. Regelgemäß startet der Extremsportler seinen Triathlon um die Welt im Wasser. Was den Zuschauern zuerst wie eine absurde und völlig unmögliche Idee erscheint, nimmt innerhalb der ersten Minuten des Films „Miles ahead“ plötzlich realistische Züge an. Es ist klar, dass Jonas selbst keinerlei Zweifel an dem Gelingen seines Vorhabens hat – weder ungünstige (bis miserable) Wetterbedingungen, unwegsames Gelände noch gefährliche Gegenden können ihn aufhalten.

Er kämpft sich auf insgesamt 19.000km Radstrecke unter anderem durch Schneeschauer und über vereiste Straßen im sibirischen Tiefland, trotzt der Einsamkeit und der Monotonie auf den endlosen Kilometern durch die stetige Landschaft Russlands, hält starken Winden und eisiger Kälte stand. Er schätzt das Erlebnis und bleibt diszipliniert, wo andere schon längst aufgegeben hätten. Meist schläft Jonas in seinem Zelt, oft ohne Empfang und stets alleine. „Es ist hart.“, kommentiert er, der Bart und die Augenbrauen von der Kälte gefroren – man wisse, man radelt in vollem Bewusstsein ins Desaster.

Gegen Kälte und Schnee © EOFT 2021
Jonas Deichmann auf dem Rad © EOFT 2021

Bei Vladiwostock, nach insgesamt 17.000km, steigt Jonas in den Flieger nach Mexiko. Die nächste „Etappe“ besteht aus 5000 Kilometern Laufen. Das sind 120 Marathons an 120 Tagen. Sein Gepäck zieht er in einem kleinen Wagen hinter sich her. Von dem sibirischen „Winterwunderland“ geht es nun in die Hitze der Wüste. Zwischen Kakteen und Klapperschlangen, keine Siedlung oder eine Menschenseele in Sicht, dort läuft Jonas Deichmann. Faszinierend und verrückt. Mittlerweile ist man jedoch auf ihn und seinen 360°-Triathlon aufmerksam geworden – nicht selten halten Autos an, schenken ihm Wasser oder spielen ihm ein Musikstück vor. Jonas erlebt die Menschen als unglaublich gastfreundlich und begeisterungsfähig. Zudem ist er beeindruckt von der „spektakulären Landschaft“, die ihn von der Anstrengung und den langen, schnurgeraden Wüstenstraßen ablenkt. Die Hitze bleibt die größte Herausforderung.

Der Beitrag endet an Jonas` 114. Tag des Laufens. Er ist bei Chichén Itzá auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Seine Zeitplanung steht nach wie vor, die EOFT findet allerdings vor Beendigung seines wahnsinnigen Projektes statt. März 2022 will er wieder in München ankommen. Die restliche Radstrecke durch Westeuropa bis ans Ziel ist dann das „Ausrollen“.

Out of Frame

Mathis Dumas (re.), Outdoor-Fotograf © EOFT 2021

Mathis Dumas, 26, Outdoor-Fotograf. Seit 15 Jahren ist er in den Bergen unterwegs, er liebt und kennt die Herausforderungen und die Emotionen, die die Bergwelt mit sich bringt. 80% seiner Zeit verbringt er mit der Fotografie, verbindet Hochleistungssport mit Kreativität und vor allem dem perfekten Timing. Er verkörpere die neue Generation – „fast and light“, wird in dem Kurzfilm erzählt. Nur wer die Sportarten selbst beherrsche, könne sie derart in Szene setzen. Mathis ist für die Sportler, mit denen er arbeitet, der perfekte alpine Allrounder. Mit 16 Jahren wagt er gemeinsam mit einem guten Freund den Schritt ins Bergsteigen. Es sind Momente großer Angst, aber auch großer Freude, die die beiden teilen. 9 Jahre später schließt er die Ausbildung als Bergführer ab. Für die Sportler, mit denen er in den Bergen unterwegs ist, bedeutet das eine enorme Erleichterung. Sie wissen, dass Mathis autonom arbeiten kann, sich auskennt und Situationen richtig einschätzt. Für eine perfekte Momentaufnahme bedarf es voller Konzentration. Als Außenstehende und als Zuschauer*innen sehen wir stets lediglich die genialen und fantastischen Filmaufnahmen und Bilder, doch fragen wir uns auch, wie sie entstanden sind?

Die starke Synergie zwischen Fotograf*in und Sportler*in ist es, was ein gutes Bild ausmacht. Sich verstehen, sich vertrauen und zusammenarbeiten. Eindrucksvoll vermittelt der Film Mathis` Arbeit und die damit einhergehenden schwierigen Bedingungen: wie er mit der Kamera in der Hand an gefrorenen Wasserfällen hochklettert oder geschickt und entspannt seinen Gleitschirm parallel zu dem seines Models fliegt.

Hauptmotiv der kurzen Dokumentation ist jedoch ein lang gehegter Traum von Mathis, ein Projekt, an dem er seit Jahren überlegt. Die „Les Périades“ sind dem Mont-Blant-Massiv zugehörige Felsnadeln, an ihrer höchsten Stelle ragen sie bis zu 3549m in den Himmel. Die braunen Granitzacken, halb mit Schnee bedeckt, erglühen rot im Sonnenuntergang, während Mathis seine Idee erklärt – er will eine Highline zwischen den beiden höchsten Felsspitzen spannen, 70m lang, 200m Luft nach unten. Der Mont-Blanc im Hintergrund. 90% seiner Arbeit seien reine Vorbereitung erzählt Mathis, die letzten 10% dann, den perfekten Moment aufzunehmen.

Erfüllung eines Traums © EOFT 2021
Zusammenarbeiten © EOFT 2021

Mit einem Team aus insgesamt acht Personen macht sich Mathis 2020 auf den Weg zum Herzen des Mont-Blanc-Massivs, darunter zwei Bergführer und zwei Highliner. 1000m müssen sie mitsamt Gepäck und Ausrüstung an diesem frühen Morgen aufsteigen, schon der Weg gestaltet sich als Herausforderung. Kein Wunder, dass bisher noch niemand auf diese Idee gekommen wäre, meint Mathis. Es sei das „verrückteste Shooting seines Lebens.“ Nach stundenlanger Arbeit sind die Vorbereitungen abgeschlossen, und das eigentliche Projekt kann beginnen. Die Magie des Moments einfangen, Emotionen darstellen. Ein Stück weit spiegelt ein Foto die Seele des Fotografen wieder.

Mathis hat es geschafft: Er tut das, was er liebt. Er hat sein Projekt verwirklicht; herausragende Bilder vor einer einzigartigen Kulisse sind entstanden. Für ihn ist das perfekte Foto eines, das die Zeit überdauert. Das du dir in zehn Jahren noch anschauen kannst und Details entdeckst, die dir vorher entgangen sind.

Mathis` Foto © EOFT 2021

Von den Bergen in die Berge. Aufgewachsen an der Schweizer Grenze, Studienjahre in Hessen und Baden-Württemberg verbracht und nun seit Juni in Innsbruck. Das Herz schlägt dort, wo Berge sind, mein Zuhause ist mein Fahrrad. Feste Konstante: Kaffee.