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Eine widerständige Radtour von Hanau nach Berlin

Diesen Sommer veranstaltete Ohne Kerosin Nach Berlin insgesamt sechs Fahrradtouren, ausgehend von unterschiedlichen in Deutschland gelegenen Orten. Als Ziel hatten sie alle Berlin. Eine Dokumentation zeigt, wie aktivistische Menschen in etwas kleinerem Rahmen bereits im vergangenen Jahr von Köln nach Berlin radelten. Motiviert war dieser Fahrradprotest durch das gemeinsame Anliegen von Klimaschutz und -gerechtigkeit sowie durch den Wunsch des angemessenen Umgangs seitens der Politik angesichts der ernsten Lage, in der wir uns aufgrund der Klimakrise befinden.

 

Als Zeitrahmen dieses Protests auf Rädern war der Zeitraum zwischen dem 20. August und dem 10. September angesetzt. An verschiedenen Orten auf den Strecken nahmen die Gruppen der Radler*innen an Aktionen, Demonstrationen und Veranstaltungen wie Vorträgen oder Kundgebungen teil oder organisierten diese. Am letzten Tag versammelten sich die Menschen der verschiedenen Touren sowie andere motivierte Personen zu einer Abschlussdemonstration in Berlin. Diese startete in Steglitz, ging ein Stück über die Stadtautobahn und endete am Brandenburger Tor.

Für Menschen, die aus diversen Gründen nicht an einer der Touren teilnehmen konnten, gab es von Ohne Kerosin Nach Berlin den Vorschlag, eine eigene Radtour unter dem Titel einer TinyTour zu unternehmen, um die anderen Protestierenden entweder schon auf der Strecke in die Hauptstadt oder auf der Demonstration zum Schluss zu treffen. Mit einer Freundin zusammen nahm ich diesen Vorschlag an. So kam es dazu, dass wir uns als Dynamisches Duo – den Titel gaben wir uns selbst, nachdem wir vergeblich versucht hatten, weitere Menschen zu finden, die mit uns kommen würden – mit unseren Rädern von Hanau aus auf den Weg nach Berlin machten.

 

 Am Ziel sitzen meine Radgefährtin und ich bei Sonnenuntergang auf dem Tempelhofer Feld. Ich frage sie, wie am besten mit unserem Reisebericht begonnen werden könnte. Das wisse sie nicht, ist ihre Antwort.

„Du bist die Kreative von uns beiden. Ich geb‘ meinen Senf dazu, aber ich kann sowas nicht. Du musst doch einen Artikel schreiben, nicht ich.“

Na gut, beschließe ich, dann schreibe ich eben genau das auf.

„Und, womit beginnst du? ‚Es war einmal… vor einer ganz, ganz langen Zeit…‘“

Sie lacht, als ich ihr zeige, was ich soeben aufgeschrieben habe. „Find’ ich gut. Machen wir das fortan immer so?“

 

121km

 

Die erste Etappe unserer Tour führt uns den Vulkanradweg entlang, der Main mit Fulda verbindet. Wir befinden uns fast ausschließlich auf gut geteerten Wegen abseits der Straße, die abwechselnd Felder und Wälder durchkreuzen. Zum Teil sind es Bahnradwege, die dort verlaufen, wo einst Schienen waren. So haben wir die Perspektive aus dem Zugfenster nur in langsamerer Geschwindigkeit, was uns dazu befähigt, unsere Umgebung genauer wahrzunehmen. Beinahe durchgehend geht es leicht bergauf; die Anstrengung, die dies herbeiführt, äußert sich im Laufe der Kilometer, die wir sammeln, langsam, aber sicher. Nach dem Wasserholen in einem kleinen Städtchen lassen wir uns auf einer Wiese am Ufer der Fulda nieder. Zum Abend kochen wir uns Nudeln und kuscheln uns im Anschluss in die warmen Schlafsäcke.

 

128km

 

Am Morgen ist die Wiese tauübersät und voller frischer Spinnweben, an deren Fäden sich die Tautropfen sammeln. Das Zelt müssen wir nass einpacken.

Auf der heutigen Etappe bleiben wir vorerst eine Weile im Fuldatal, wo sich der morgendliche Nebel langsam hebt. Hinter Bad Hersfeld befinden wir uns dann auf sonnigen Straßen und ich freue mich, als wir das erste Mal die Werra auf ihren schlängelnden Wegen erblicken. Mit diesem Fluss, der sich auch hervorragend für Wandertouren mit dem Kanu eignet, sind schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit verbunden. Die letzten dreißig Kilometer des Tages scheinen sich ewig zu ziehen. Mehrmals fahren wir über Schotterwege, die abrupt ansteigen und die mit Rennradreifen weniger angenehm zu bewältigen sind. Ein frei herumlaufender Hahn läuft mir fast in die Speichen. Kurz hinter Gotha schlagen wir bei Dunkelheit unser Zelt neben einem Feldweg auf einem kleinen Stück Wiese inmitten einer Reihe von Bäumen auf. Zu Abend gibt es Reis mit Curry.

 

133km

 

Der nächste Morgen ist erfreulicherweise trocken, da wir uns diesmal in etwas höherer Lage befinden. Die Morgensonne trocknet den Zeltstoff fast vollständig. Wir können weit blicken und am Himmel sind sowohl Sonne als auch Mond zu sehen. In Erfurt machen wir eine Kaffeepause an der Gera und begeben uns anschließend auf den Weg über viele kleine Dörfer nach Halle, wo wir der Saale begegnen werden. Getreu dem Motto: „Lieber nachgeschaut als falsch gefahren“ halten wir an einigen Dorfkreuzungen an, um dem Risiko von Umwegen auszuweichen. Auf meiner Navigationsapp ist ein Streckenabschnitt dunkelrot für sehr steil markiert. Diesem nähern wir uns nur widerwillig – er stellt sich als „gar nicht so schlimm“ heraus. Das hätten wir uns angesichts der Tatsache, dass es sich lediglich um die Überquerung des Thüringer Waldes und nicht etwa der Alpen handelt, auch denken können. Aber der Kopf. Am frühen Abend erreichen wir Halle, wo wir bei einem Bekannten im Atelier schlafen dürfen. Der Erschöpfung halber heben wir uns die Besichtigung der Stadt für ein andermal auf. Die Dusche ist eine Wohltat. Einfallsreich wie wir sind, gibt es zu Abend wieder Nudeln. „Zum grünen Pesto hat definitiv der Parmesan gefehlt“, lautet die Einschätzung meiner Weggefährtin. Beim Schlafen umgeben uns statt Bäumen diesmal Getöpfertes und Ölfarbe.

 

94km

 

Die Luftfeuchtigkeit ist zu Tagesbeginn so hoch, dass wir bei der Weiterfahrt nass werden. Das diesige Wetter lässt uns frieren. Der Gegenwind, der uns seit jeher begleitet, ist stärker geworden. Wir begeben uns auf die Suche nach einem Café, in dem wir uns aufwärmen können. Die einzige Bäckerei weit und breit schließt uns pünktlich um elf Uhr am Vormittag die Türe vor den Nasen zu. Glücklicherweise findet sich ein Supermarkt, in dessen angegliederter Bäckerei wir uns zu Kaffee und Kuchen verhelfen. Danach lässt es sich spürbar leichter weiter pedalieren. Bei unserem nächsten Pausen-Platz am Ufer der Mulde leistet uns sogar die Sonne Gesellschaft. Ziel dieser Etappe ist ein Dorf bei Lutherstadt Wittenberg, wo wir bei Freund*innen unterkommen können. Die Straßen der zahlreichen Dörfer auf dem Weg dorthin sind gesäumt von Wahlplakaten der AfD; zwischendurch sind auch NPD und CDU vertreten. Die Türen und Fenster der Häuser, die ich ansonsten in idealisierender Sehnsucht nach ländlich-bäuerlichem Leben angesehen hätte, bekommen eine feindselige Wirkung auf mich. Angesichts der kommenden Bundestagswahl macht sich eine Anspannung in mir breit, die durch die Ergebnisse der Wahlen einige Tage nach der Tour Begründung findet. Im Kontrast dazu fahren wir Alleen entlang, deren Ränder gesäumt sind von Obstbäumen, die Freude bereiten. Lutherstadt Wittenberg Cloppenburg Haldensleben /
Alles Kreuzberg wenn du tanzt
, singe ich in meinem Kopf vor mich hin, während wir den Schildern zu unserem Tagesziel folgen. Und weiter:

 

„Schließt die Schulen dieser Stadt
Weil es keinen Sinn mehr hat
Noch ein Weltbild zu vermitteln
Das schon durch das kleinste Schütteln
Deines linken Schulterblatts
Einfach so zusammenkracht“

(Wenn du tanzt, Von wegen Lisbeth)

 

„Eigentlich ganz passend zu dem Grund, der uns hierzu motiviert hat“, denke ich.

Als wir der Elbe das erste Mal begegnen, ist auch von Weitem schon der grüne Turm der Kirche, an deren Tür Martin Luther seine fünfundneunzig Thesen angeschlagen haben soll, zu sehen. Nach unserer Ankunft folgt leckeres Essen und ein Waldspaziergang, auf dem wir Steinpilze finden, die später zum Trocknen ausgelegt werden. Nachts ist der Sternenhimmel klar, sodass sogar die Milchstraße zu sehen ist. Der folgende Tag ist Pausentag – Zeit zum Faulenzen.

 

96km

 

Unser endgültiges Ziel vor Augen fliegen die Kilometer auf unserer letzten Etappe nur so an uns vorbei. Es herrscht Vorfreude auf sonnigen Wegen, die abschnittsweise von darunter wachsenden Baumwurzeln etwas holprig sind. Wir begegnen dem letzten Fluss unserer Fahrt – der Spree. In Berlin verweilen wir einige Tage, bis der Tag der abschließenden Demonstration kommt.

 

Ich habe mich am Bein verletzt und kann deshalb weder gut laufen noch Rad fahren. Zum Glück nimmt mich ein guter Freund auf der Ladefläche seines Lastenrads mit zur Demo, die ein großer Erfolg wird. Es ist schön, die aufgeladene Stimmung der Menschen zu spüren, die gemeinsam den Weg nach Berlin zurückgelegt haben und die alle aus dem gleichen Grund gekommen sind. Auf der Autobahn ist die Freude groß – ich glaube, ich bin nicht die Einzige, die ein Gefühl von Freiheit verspürt, als wir den Fahrtwind spürend auf dem glatten Asphalt unter den großen blauen Schildern hindurch rollen. Als es anfängt zu regnen, wird kurz zum Anziehen der Regenjacken angehalten – in unseren Packtaschen ist alles Nötige dabei.

 


 

Dank an Ohne Kerosin Nach Berlin und alle Freund*innen auf dem Weg, speziell Mara Lu.

 

Bilder: Privat