Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

DIAMETRALE Nachtvisionen vol. II: Nutzlos und schön!

„Diese Mischung aus Fäkaliensprache und Erotik kann niemandem zugemutet werden“, sagte Friedrich Zimmermann aus der CSU zum Drehbuch des Films Verführung: Die grausame Frau. Doch genau das wollten die Regisseurinnen Elfi Mikesch und Monika Treut mit ihrem Film aus dem Jahr 1985 erreichen: gesellschaftliche Konventionen brechen und sich von jeder Art der Fremdbestimmtheit wehren. Dieser und viele andere Kultfilme der transgressiven Nischenkategorien waren früher ein großes gesellschaftliches Tabu. Doch das ist kein Grund, die Filme in der Kultschublade schlummern zu lassen. Vom 13. bis zum 16. Oktober hat das Leokino sie mit dem Filmfestival Diametrale Nachtvisionen zurück auf die Leinwand gebracht.

Sadismus und Masochismus ist heutzutage längst keine Seltenheit mehr in der Filmszene. „Fifty Shades of Grey kennt jede Oma“, sagt auch die Filmwissenschaftlerin Roberta Hofer, die den Abend im Leokino moderierte. Viele kennen die Geschichte: Die unschuldige Literaturstudentin Ana verliebt sich in den Millionär und Unternehmer Christian Grey. Stück für Stück kommt sie hinter Christians dunkles Geheimnis und beginnt sich auf seine Sado-Maso-Spiele (kurz SM) mit Peitschen und Fesseln einzulassen.  Auch in dem Film Verführung: Die grausame Frau dreht sich alles um SM. Doch hier werden die Rollen umgedreht. Nicht die Frau wird zum männlichen Objekt der Begierde: Im Mittelpunkt dieser Produktion steht die selbstbewusste Wanda, eine selbstermächtigte Tyrannin, die ihre Vorlieben privat und beruflich auslebt – ganz nach eigenen Maßstäben. Das Lebensmotto der Domina: „Stehen Sie zu ihrer Scheiße!“ Der Film war damit der perfekte Auftakt des Filmfestivals für Experimentelles und Skurriles im Leokino vom 13. bis zum 16. Oktober.  Die diesjährige Diametrale Nachtvisionen stand unter dem Motto: „MAD GRLLLS – transgressiv, transaggressiv und transfantastisch.“ An vier Abenden hat das Leokino mit vier Filmen dabei starke und selbstbewusste Frauen in den Fokus genommen.

©Salzgeber

VERFÜHRUNG: DIE GRAUSAME FRAU

Hamburger Hafen: Hier ist das Reich von Wanda. In ihrer eigenen Kommune namens „Galerie“ veranstaltet sie Sadomaso-Kunstperformances. Alles dreht sich um Dominanz, Unterwerfung, spielerische Bestrafung und Lustschmerz. „Es ist mein Beruf grausam zu sein“, sagt Wanda. Auch in ihrem privaten Sexleben dreht sich alles um „Mysterien der Sklaverei“. Mit ihren ergebenen Liebhabern lebt Wanda ihre Fantasien aus. Andere würden ihre Vorlieben als Perversionen bezeichnen, doch darauf weiß Wanda nur zu antworten: „Was heißt hier schon Perversionen. Das sind nichts anderes als Missverständnisse.“

FIGUREN UND DARSTELLER

Wanda, gespielt von Mechthild Grossman, steht als völlig autonome Frau und selbstermächtigte Tyrannin im Mittelpunkt der Produktion. Der Film war der erste Spielfilm der Schauspielerin, die heute als kettenrauchende Staatsanwältin aus Tatort bekannt ist. Ihr unterworfener Liebhaber Gregor, gespielt von Udo Kier, arbeitet in der „Galerie.“ Schon in der Novelle Venus im Pelz ist Gregor der ergebene Sklave. Udo Kier spielt hier einen schönen, sensiblen und auch feinfühligen Mann, der sich zu der herrischen Wanda hingezogen fühlt. Seine Begierde bleibt jedoch unerfüllt. Zudem besucht Justine, gespielt von Sheela Mc Laughlin, Wanda in ihrer „Galerie“ und wird Teil der Kommune. Die Figur Justine, auch die Tugendhafte genannt, ist inspiriert von der Figur von Marquis de Sade aus dem gleichnamigen Roman. Auch der Schauspieler Peter Weibel kommt in dem Film vor. Als Journalist interviewt er die Geschäftsfrau Wanda. Das Interview endet jedoch unerwartet, denn er unterliegt seinen geheimen Vorlieben und wird zu Wandas „Toilettensklave“.

HINTERGRUND ZUM FILM

Die beiden Filmregisseurinnen Elfi Mikesch und Monika Treut ließen sich beim Schreiben des Drehbuchs besonders von dem Roman Venus im Pelz von Leopold von Sacher-Masoch inspirieren. Mit seiner Novelle prägte der Schriftsteller den Begriff des Masochismus. Mit ihrer Idee schrieben die Regisseurinnen die Produktion für ihren Film Verführung: Die grausame Frau. Der Unterschied: „Sacher-Masoch ist verklärt worden“, erklärte Monika Treut bei einem anschließenden Fragerunde. „Denn seine grausame Frau ist eigentlich eine reine Männerfantasie.“ Das gemeinsame Interesse, das zu ändern, brachte die beiden Regisseurinnen schließlich zur Zusammenarbeit. Das Ziel der Produktion war vor allem, an einem anderen Frauenbild zu arbeiten.

Der Film ist schließlich 1985 erschienen und sorgte vor allem in Deutschland für großen Aufruhr. „Es war ein Skandal“, sagte auch die Filmwissenschaftlerin Roberta Hofer vor der Vorstellung im Leokino. 1985, vor 30 Jahren, fand die Premiere des Films auf der Berlinale statt. „Empört und protestierend sind die Leute während der Filmvorstellung aus dem Kinosaal gelaufen“, erzählte Hofer. Sogar Gelder und Förderung für den Film wurden gestrichen und zurückgezogen. Die Produktion war lange mit einem großen X versehen. 18 Jahre lang war der Film auf der Liste der jugendgefährdenden Medien. In Amerika kam der Film hingegen gut an. Es gab Einladungen zu diversen queeren Filmfestivals. „Ich danke Ihnen für diesen wunderschönen Film“, lobte auch Jean Baudrillard den Film nach der Presseaufführung in Paris. „Der Film bewegt sich in den Bereichen Trash und Kunst. Die Amerikaner haben das damals schon erkannt“, sagte auch Monika Treut, eine der Regisseurinnen. Es ist die Kombination aus formaler Strenge und der absoluten Unangepasstheit und Eigenwilligkeit, der diese Filmproduktion zu etwas ganz Besonderem macht.

„Und was für mich ganz entschieden ist, jetzt nach diesen vielen Jahren. Der Film ist für mich sehr aktuell und bringt die ganze Problematik zum Vorschein. Nämlich das Machtgefällte Frau-Mann, dass es immer noch gibt. (…) Der Film ist die Offenlegung und Inszenierung von Macht und Ohnmacht mit den Mittel der Fantasie, sodass wir eine kreative Reflexion anstellen können durch diesen Film. Was spielt sich auf dieser Bühne ab und in wie weit haben wir heute auch damit zu tun, jeder persönlich? Was sind das für Machtverhältnisse? Der Film ist eine bizarre Kriegserklärung im Grunde. Der Geschlechterkampf ist eine überholte Festlegung, denn es ist ein spätes Kapitel in der Menschheitsgeschichte. Heute ist Einsicht für ein vielschichtiges Zusammenleben gefordert, auch in solchen Inszenierungen. Deswegen finde ich, dass der Film nicht veraltet ist.“  – Monika Treut, Regisseurin

ABOUT DIAMETRALE

Die Diametrale ist ein Filmfestival für Experimentelles und Komisches, welches von 13. bis zum 16. Oktober im Innsbrucker Leokino stattfand. Schon zum dritten Mal beleben die Spätvorstellungen die Stadt und bringen den dazu gehörigen Genrefilm auf die Leinwände. Vier Tage, vier Filme – alles nächtliche Visionen aus der transgressiven Nischenkategorie. Die Zusammenstellung von zwei Klassikern und zwei Neuproduktionen, jeweils von zwei Regisseurinnen und zwei Regisseuren, eröffnet einen Einblick in die vielfältigen Imaginationen von selbstbestimmten Frauen. Weitere Informationen auf der Hompage: https://www.diametrale.at/