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DIAMETRALE Nachtvisionen vol. II: „MAD GRRRLS“ Vol.2 – Zwischen Filmrollen und Rollenbildern

Die 3. Diametrale Nachtvisionen standen ganz unter dem Motto „MAD GRRRLS“ Vol. 2 und fanden von 13.-16. Oktober jeweils als Spätvorstellungen um 22.30 Uhr im Leokino in Innsbruck statt. Ich habe mir die beiden Filme „Satans heiße Katzen“ und „Vampyros Lesbos- Die Erbin Draculas“ angesehen und habe über diese Filme in Bezug auf die Rollenbilder und damit verbundenen Vorstellungen und Problematiken reflektiert.

 

Satans heiße Katzen (1969, Regie: Al Adamson)

Die obersten Regeln? Keine Männer auf der Ranch, außer den einen, der die Pferde pflegt und den Haushalt schmeißt. Keine Abhängigkeit von Männern. Bei den gelegentlichen Ausritten über die mexikanische Grenze tobt sich die Girls-Gang dann aber nach allen Regeln der Lust aus, hat wilden Sex, trinkt und feiert in wie vom Genre gewohnter Westernmanier. Sie nehmen keine Rücksicht, nehmen was sie wollen, wen sie wollen, und sie wollen alles und noch mehr. Und das auf eine wundervoll humorvolle, jedoch nicht geschlechterspezifisch abgemilderte, weniger brutale Art wie im klassischen Western voller Männer, Blut und gekränkter und wiederhergestellter Ehre.

 

 

Vampyros Lesbos- Die Erbin des Dracula (1971, Regie: Jess Franco)

Man kennt die Geschichte des Grafen Draculas, des berüchtigten Vampirs in seinem Schloss in Transsilvanien. Hier geht die Geschichte allerdings anders weiter. Dracula war einer Frau verfallen, hat diese durch seine Bisse in den Kreis der Vampire aufgenommen, und ihr nach seinem Tod sein ganzes Erbe vermacht. Die Erbin, Gräfin Carrody, haust nun in einem Anwesen auf einer Insel in der Türkei und gibt sich dort ihrem erotischen Verlangen nach Frauen und ihrem dem Vampirismus geschuldeten Blutdurst hin. Bis sie sich, wie Dracula vor ihr, in eines ihrer Opfer verliebt und dieses in den Kreis der Vampire aufnehmen möchte. Die besagte Frau ist die Anwältin Linda Westinghouse, die von ihrem Büro zum Anwesen der Gräfin geschickt wurde, um dem seltsam erscheinenden Erbfall der rund um Familie Dracula auf den Grund zu gehen. Schon längere Zeit träumt sie von einer ihr fremden Frau und versucht herauszufinden, wer diese Frau ist, und was die Träume zu bedeuten haben, bis sie sie schließlich in der misteriösen Gräfin Carrody auf deren Insel erkennt. Der gesamte Film bewegt sich zwischen dem absolut Absurden und der knallharten Realität, die Linie dazwischen so verschwommen, wie sie nur in einem Traum es eigentlich sein kann. Eine Homage der Genres Horror und Erotik an den überpathetischen Vampirismus in Verbindung mit der Ästhetisierung weiblicher Sexualität insbesondere natürlich jener homoerotischen zwischen Frauen.

 

 

Zwischen Filmrollen und Rollenbildern

Die verbindende, übergeordnete Thematik der beiden Filme ist jene von Frauen in Filmen in klassischen „Männerrollen“, wie eben jene im Western oder in der bekannten Vampirsaga rund um Dracula. Diese kann ebenso als feministische, emanzipatorische Handlung für Frauen gefeiert, wie  auch als paternalistisch oder sexualisierend problematisiert werden. Dass es noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit darstellt Frauen in bis dato eindeutig männlich konnotierten Charaktere in Filmen einzusetzen , zeigt sich nicht zuletzt in der neu aufgeflammten Debatte rund um einen „weiblichen“ James Bond als Nachfolgerin eben jenes. Also eine Frau in der Rolle des knallharten Actionheldes James Bond, des das andere Geschlecht Verführenden, des Vorbildes von Generationen an heranwachsenden, sich in dieser heteronormativ konstruierten Welt zu orientieren versuchenden jungen Menschen. Die männlichen „Helden“ dieser Genres und Filme teilen Charakterzüge wie dominantes Auftreten, Selbstbewusstsein, verführerisches Verhalten oder Mut. Diese wurden, beziehungsweise werden immer noch tendenziell dem männlichen Geschlecht zugeschrieben und so durch Medien und nicht zuletzt eben auch durch Filme ein Bild vom „typisch Männlichen“ konstruiert. Die Begriffe welche „dem Mann“ zugeschrieben werden sind zumeist außerdem im alltäglichen Wortgebrauch eher als positiv gewertet, während Frauen bzw. weiblich gelesenen Personen im medialen Kontext und somit in Folge (oder umgekehrt?) auch in der gesellschaftlichen Realität eher mit als negativ gewerteten Begriffen wie weich, emotional, passiv, oberflächlich oder naiv (…) in Zusammenhang gebracht werden. Zurecht kritisiert wird in dieser Debatte hier die Anerkennung des Männlichen als das Generische, als das „Normale“ beziehungsweise die Anerkennung dieser Werte und die Verkörperung und Auslebung derer als etwas Positives in Abgrenzung zum „typisch weiblichen“ als etwas Negatives. Sogar als etwas dermaßen Positives, dass nun auch – zynisch gesagt – die Frauen in den Genuss des charakteristischen Verhaltens des Mannes kommen dürfen, beziehungsweise diese Rollen spielen dürfen. Nicht zuletzt wird dies im Fall der beiden Filme als Kritikpunkt deutlich aufgrund des Faktes, dass in beiden Filmen Männer die Regie führten. Damit kann argumentiert werden, dass nach wie vor ein männlicher Blick auf die Handlung, die Rollen, generelle Ansichten und eben auch die in den Filmen sehr im Vordergrund stehende Sexualität vorliegt. Und das, obwohl ja scheinbar die Sexualität von Frauen beziehungsweise zwischen Frauen im Mittelpunkt steht und als zentrales Thema behandelt werden soll. Eine generelle bis heute und in die Zukunft andauernde Debatte problematisiert genau dieses Bild von Sexualität, dass aufgrund der eindeutigen Vorrangstellung des Mannes innerhalb der Gesellschaft in der Vergangenheit, sei es im medialen oder politischen Kontext, aus dessen Perspektive, und auf dessen Lust und Vorstellungen hin durch die Unterrepräsentation von weiblichen Stimmen in der öffentlichen Debatte rund um die Sexualität, aber besonders auch die weibliche Sexualität, konzipiert wurde. Die Filme können also im Zuge dieser Debatte dahingehend auch als Sexualisierung beziehungsweise Erotisierung der weiblichen Sexualität durch nicht weiblich gelesene Personen und als Auslebung derer Fantasien in Bezug auf die Sexualität zwischen Frauen gesehen werden.

Andererseits ist ein Film auch immer im Zeichen des Kunstwerkes als solches zu verstehen. Denn ein Kunstwerk ist letztendlich, wie es rezipiert wird und in momentanen Debatten eingebaut wird. Für mich als Frau, die sich sehr für die aktuelle Feminismus-Debatte interessiert, war das Ansehen der Filme trotz allem zunächst eine außergewöhnliche und anregende Erfahrung, und in einer Weise auch gefühlt sehr empowering. Im Gespräch nach dem Film hat sich dieser erste Eindruck auch bei anderen Zuseherinnen bestätigt. Denn die Filme eröffnen Möglichkeiten. Möglichkeiten für den Handlungsspielraum und Entfaltungsspielraum von Frauen, (wie auch Männern) der eine sehr lange Zeit auf einen sehr kleinen, einseitigen begrenzt gewesen war. Durch dieses drastische Spiel mit den normierten Geschlechterrrollen wie sie in der Vergangenheit konstruiert worden sind wird die Eindimensionalität und Einschränkung für Frauen, wie auch für Männer dargestellt und durch die drastische, beinahe überspitze Verbildlichung gesprengt. Die Filme zeigen, Frauen können hart sein, furchteinflößend, taff, alles was Männer auch sein können, wenn sie das wollen. Das müssen sie aber auch nicht wollen, wie zum Beispiel in „Satans heiße Katzen“, als eine der weiblichen Hauptfiguren entscheidet, nicht mehr Teil der Girl Gang sein zu wollen, da sie mit den Handlungen und Werten dieser nicht mehr einverstanden ist, und sich selbst anders definieren möchte. Die Filme eröffnen beziehungsweise normalisieren allerdings diesen erweiterten Handlungsspielraum der dem anderen Geschlecht zugeordneten Charakterzüge umgekehrt ebenso für Männer.  So sind die Männer in den Filmen oft passiv oder unterwerfen sich den Frauen aus Liebe – normalerweise typische Handlungen weiblich gelesener Personen in Filmproduktionen. Durch ein aufbrechen dieser geschlechterspezifischen Zuschreibungen vergrößert sich die Palette an Möglichkeiten für Männer* und Frauen*, durch die sie sich als das definieren können, was sie sind, beziehungsweise wer sie sind und sein möchten. Und genau dafür steht auch die Feminismus Bewegung, und nicht für die Vormachtstellung eines einzelnen Geschlechtes: Gelebte Gleichberechtigung inkludiert also alle Geschlechter, und nicht nur das weibliche* in seinen Wunsch nach mehr Freiheit und Möglichkeit der Individualität!

Es ist schön Frauen, auf der Leinwand zu sehen, die ein komplett abgeschlossenes, in sich funktionierendes System miteinander bilden wie zum Beispiel die Gang in „Satans heiße Katzen“, unabhängig von etwaigen männlichen Charakteren, wie das in den meisten kommerziellen Hollywood Produktionen ansonsten (zu) häufig der Fall ist. Außerdem ist auch die Ästhetik, ob man dies nun als sexualisiert sehen möchte oder nicht, in den beiden Filmen mit den ein oder anderen (oder auch vielen) Sex- und Nacktszenen ansprechend ein- beziehungsweise umgesetzt. Es wird sich viel Zeit genommen, Sex vielfältig darzustellen. Auch eine Performance der Erbin Draculas in einem Nachtclub wird zweimal in voller Länge gezeigt, und ist beim zweiten Mal genau so schön wie bereits beim ersten Mal, weil sie sich nicht an der herkömmlichen Erwartungshaltung orientiert, sondern dem Charakter eine sehr individuelle Darstellung des erotischen Selbsts ermöglicht. Dazu kommt, dass die Körper der Frauen in den Filmen nicht – wie man es aus kommerziellen Filmen kennt – durchtrainiert und den Beautystandards bis ins letzte Detail entsprechend aussehen. Und trotzdem, oder gerade deshalb, oder einfach unabhängig gesehen davon, weil es dort einfach nicht von Relevanz ist, ist es unglaublich schön anzusehen, wie sich die Frauen bewegen, wie die Kamera ihre Weiche und Härte einfängt, die Expression ihrer Sinnlichkeit und ihrer Sexualität nach außen, ihre ausgelebte Leidenschaft und Lust.

Wie auch immer ihr euch fühlt, ob taff und hart heute, und weich und sinnlich morgen, macht was auch immer ihr fühlt, liebt Menschen, egal welches Geschlechtes. So lange ihr niemand anderen damit verletzt, sind eurer Selbstdarstellung, eurer Auslebung eures Wesens, eurer Wünsche, eurer Lust keine Grenzen gesetzt in einer utopischen, hoffentlich möglichst nahen Zukunft. Eine Zukunft, in der sich niemand mehr in dessen individuellem Wesen durch geschlechternormierte Erwartungshaltungen beeinflussen lassen muss, oder seine oder ihre Identität an das Erfüllen eben jener binden muss. Ich bin gerne eine Frau, trage gerne sehr feminine Kleidung am einen und androgynere am anderen Tag. Ich erfinde mich gerne andauernd und immer wieder neu, finde jeden Tag neue Seiten an mir. Und das will und werde ich nicht durch irgendwelche Erwartungen daran, wie ich als Frau zu sein habe oder eben nicht zu sein habe binden.
Ich hoffe, du machst das auch nicht.

 

About Diametrale

Die Diametrale ist ein Filmfestival für Experimentelles und Komisches, welches von 13. bis zum 16. Oktober im Innsbrucker Leokino stattfand. Schon zum dritten Mal beleben die Spätvorstellungen die Stadt und bringen den dazu gehörigen Genrefilm auf die Leinwände. Vier Tage, vier Filme – alles nächtliche Visionen aus der transgressiven Nischenkategorie. Die Zusammenstellung von zwei Klassikern und zwei Neuproduktionen, jeweils von zwei Regisseurinnen und zwei Regisseuren, eröffnet einen Einblick in die vielfältigen Imaginationen von selbstbestimmten Frauen. Weitere Informationen auf der Hompage: https://www.diametrale.at/

 

Fotos: ©Diametrale (Instagram: @diametrale_festival)

Mein Name ist Claudia und ich studiere Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck. In meiner Freizeit lese ich, schreibe ich, spiel mit meinen Katzen und gehe in Bars.