Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

Bio, regional und solidarisch – Ein Interview mit Renate Triendl

Karotten in gelb, lila und orange. Kartoffeln, Getreide, Bohnen, Kohl, Rote Rüben. Alles in bio und alles auf einem Hof zu finden. Der Hanneslerhof, ein paar hundert Höhenmeter oberhalb von Innsbruck in Sistrans gelegen, hat eine Vielfalt an biologischem Gemüse zu bieten. Doch die Lebensmittel landen nicht über den Umweg Supermarkt in den Einkaufstaschen der Kund*innen. Sie werden wöchentlich von den Teilnehmer*innen der solidarischen Landwirtschaft persönlich abgeholt. Der Hof selbst besteht seit 400 Jahren, die Bio Gemüse Kooperative (BIGEKO) mit ihren jährlich circa 70 teilnehmenden Haushalten seit sieben Jahren. Die Zeitlos hat ein Interview mit der Besitzerin des Hanneslerhofs, Renate Triendl, geführt.

Renate Triendl, Besitzerin des Hanneslerhofs.

Die Zeitlos: Was hat dich dazu bewegt den Hanneslerhof zu gründen?

Renate Triendl: Ich habe an der TU München Agrarwissenschaften studiert und in der Biobranche für die Landesvereinigung für ökologischen Landbau gearbeitet. Danach wollte ich aber wieder zurück nach Tirol. Der Hof ist von meinen Großeltern, aber nicht von Eltern bewirtschaftet worden. Wir haben uns dann entschlossen, wieder hierher zu kommen und den Hof zu übernehmen. Der ursprüngliche Gedanke war die Selbstversorgung, weil der Hof sehr klein ist. Mein Partner und ich haben ihn zusammen aufgebaut. Vorher haben wir zusammen eine lange Reise durch die USA gemacht und waren dort auch „wwoofen“ (Anm.: Hilfe auf Bio-Bauernhöfen für Kost und Logie). Das hat uns auch ein bisschen inspiriert, weil wir dort viele interessante Leute und Konzepte kennengelernt haben. Danach ist der Wunsch noch einmal stärker geworden, den Hof zu bewirtschaften. Aber vorerst wollten wir das nur nebenher machen. Ich habe meine Arbeit nach einem Jahr aufgegeben, weil es dann sehr viel wurde und mache seitdem nur noch das.

Was ist das Konzept hinter dem Hanneslerhof?

Die BIGEKO ist angelehnt an das Konzept der solidarischen Landwirtschaft, jedoch an unseren Hof und die Teilnehmer*innen angepasst. Solidarische Landwirtschaft an sich bedeutet, dass Haushalte und Hof sich zusammenschließen und eine Gemeinschaft bilden, wo die Haushalte den Anbau und die Produktion finanzieren. Das gibt es nicht nur mit Gemüse, sondern auch mit Milch oder Getreide. Die Leute finanzieren mit einem fixen Beitrag alle Kosten, inklusive der Arbeitszeit und erhalten dafür die Ernte.

Welchen Einfluss haben die Teilnehmer*innen auf den Anbau?

Ich mache es so, dass ich eigentlich alles anbaue, was bei uns im Freiland möglich ist. Am Anfang vom Jahr, wenn sich die Leute angemeldet haben, mache ich eine online-Umfrage. Dort können die Teilnehmer*innen auswählen, was sie gerne mögen, wie viel oder wenig sie brauchen, und was sie kennen oder nicht kennen. Ich kann so Tipps und Rezepte zur Verfügung stellen.

Du konntest dann also die Leute davon überzeugen, Gemüsesorten kennenzulernen, die sie vorher noch nicht kannten?

Ja genau. Und das ist auch sehr spannend. Dann schreiben mir viele auch: „Toll, wir haben noch nie so viele unterschiedliche Sachen gegessen und jetzt habe ich so viele unterschiedliche Gemüsesorten auf dem Teller.“ Es gibt eine Tafel im Abholraum, auf der steht, was in der Woche in der Kiste ist. Was viele nicht kennen, sind Pakchoi, Mairüben oder Herbstrüben.

Gemüsekisten, eine Getreidemühle, eine Waage, und die Tafel mit dem Gemüse der Woche im Abholraum des Hanneslerhofs. 

Ihr baut viel Unterschiedliches an und habt auch Hühner. Ist eure ganze Landwirtschaft in der Solawi integriert?

Eigentlich nur das Gemüse. Die Hühner sind dafür in Hühnerpatenschaften. Das macht aber auch nicht jede*r und ich habe auch nicht für jede*n Eier, weil wir mit dem Raum einfach begrenzt sind. Pro Huhn braucht man bei Bio-Austria zehn Quadratmeter Auslauf. Ich kann also nicht das Gehege total vollstopfen, damit alle mit Eiern versorgt werden. Das würde dem Konzept widersprechen. Deswegen bekommen die Leute Gemüse und Kartoffeln. Wenn ich Getreide habe, momentan Dinkel, kann man sich auch davon bedienen.

Wie kommen die Leute auf die Idee, bei der BIGEKO teilzunehmen?

Am Anfang haben wir uns nur selbst versorgt. Ich hatte aber zu viel Gemüse und habe es nach draußen zum Verkaufen gestellt. Daraufhin sind die Leute auf mich zugekommen und haben gefragt, ob wir mehr davon haben. Dann gab es eine kleine Gruppe, die das damalige Gemüse-Abo in Anspruch genommen und das Konzept weitererzählt hat. Also hauptsächlich über Mundpropaganda. So entstand der Grundstock. Inzwischen kommen Viele dazu, weil sie explizit im Internet danach suchen.

Welchen Problemen war der Hof bereits ausgesetzt? Welche Probleme gibt es aktuell oder befürchtest du in der Zukunft?

Ich mache das erst seit sieben Jahren. Die Hauptschwierigkeit ist das Wetter. Der Klimawandel, in dem wir uns schon mittendrin befinden, macht alles sehr schwierig. 2018 war ein extremer Hitzesommer, in dem es überhaupt nicht mehr geregnet hat und einfach nichts mehr ging. Das sind dann existenzielle Bedrohungen, die man am eigenen Leib extrem spürt, aber die sonstige Bevölkerung, die nichts mit Landwirtschaft zu tun hat, nicht so intensiv bemerkt. Wenn es wärmer wird, haben wir wirklich ein Problem. Zu viel Regen, zu wenig Regen oder Kälte. Das sind die größten Herausforderungen.

Die Teilnehmer*innen der BIGEKO zahlen einen monatlichen Fixbetrag unabhängig von der Ernte. Ist es nicht auch so, dass die Solawi dafür sorgt, dass der Hof gegen genau solche Wetterereignisse abgesichert ist?

Das ist richtig. Die Beiträge sind immer zu entrichten, egal wie viel Ernte es gibt. Aber ich habe trotzdem einen Druck, weil ich die Leute ja versorgen möchte. Wenn sie in einem Jahr nichts kriegen, überlegen sie sich natürlich, ob sie im nächsten Jahr noch mitmachen wollen. Es ist nicht so, dass ich mich zurücklehnen kann. Im Gegenteil, ich versuche für die Leute möglichst viel herauszuholen, weil es eine langfristige Beziehung sein soll. Sei verstehen natürlich, wenn es mal schlechter läuft, aber das muss man auch kommunizieren.

Eines der Felder des Hanneslerhofs, auf dem unterschiedliche Gemüsesorten in Bio-Qualität angebaut werden.

Im Raum Innsbruck gibt es abgesehen vom Hanneslerhof und einer anderen Solawi in Hall keine weiteren solidarischen Landwirtschaften. Warum glaubst du ist das so?

Ich glaube, das muss erst ein wenig durchsickern. Ich war die Erste in der Gegend, die so etwas gemacht hat. Ich habe Einflüsse von außen. Ich habe studiert und bin in der Welt rumgekommen. Ich habe den Hof nicht übernommen nach Generationen, wo das immer an den nächsten weitergegeben wird. Ich bin total frei und kann tun, was ich will. Bei anderen Landwirt*innen schaut das anders aus. Die stecken da drin. Es ist wenig Mut zur Innovation und Denken „out of the box“ da.

Meinst du, dass junge Leute, die schon rumgekommen sind und sich etwas Eigenes aufbauen wollen, diese Art von Lebensmittelkonsum als Produzent*innen vorantreiben könnten?

Market Gardening ist ein Boom, den man gerade merkt. Mit Gartenbau und Gemüsebau kannst du pro Quadratmeter die meisten Menschen auf der Welt ernähren. Wenn es viele kleine Produzent*innen auf der Welt gäbe, die regional arbeiten, wäre das super.

Das würde eine Stadt oder ein Dorf auch ganz anders aussehen lassen. Was wäre das Erste, was man deiner Meinung nach in der Lebensmittelindustrie abschaffen oder einführen müsste?

Die Kostenwahrheit. In dem Sinne, dass sich Transporte von weit her nicht rentieren. Das sollte sich auf den Preis so niederschlagen, dass es die Realität widerspiegelt. Alles, was von weit herkommt, sollte so teuer werden, dass die Leute zu regionalen Produkten greifen. Das kann nur die Politik ändern. Und natürlich sollten die Förderungen und Subventionen so ausgearbeitet werden, dass die Leute, die biologisch und vielleicht kleiner wirtschaften mehr Geld bekommen und die anderen weniger. Aber momentan ist es so, dass diejenigen mit viel Fläche auch viel Förderung erhalten.

Glaubst du, dein Hof macht einen Unterschied?

Ja, das glaube ich schon. Besonders bevor ich das solidarische Gemüse-Abo hatte, habe ich mir schon öfter gedacht, was das eigentlich bringt. Ich könnte viel mehr Geld verdienen, wenn ich meinen alten Job behalten hätte. Und dann stand ich da und merkte, dass die Leute oft nicht einmal sehen, was das für einen Unterschied macht und was es für einen Sinn macht. Es steckt nämlich viel mehr dahinter als nur Gemüse zu produzieren und zu verkaufen. Dieses Gefühl habe ich seit der Solawi aber nicht mehr. Es sind nur noch Leute dabei, die überzeugt sind und die Hintergründe verstehen. Dann hat man auch selbst das Gefühl der Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit. Ich glaube, dass es einen Unterschied macht, weil die Haushalte, die sich das Gemüse von mir holen, kaufen das Essen nicht von woanders. Bei mir werden keine Pestizide eingesetzt, ich stoße bei der Produktion kaum CO2 aus. Es ist alles regional und biologisch sowieso. Man spart Verpackung. Da hängen so viele Naturschutz- und Gemeinwohlleistungen hintendran, auch wenn es nur ein kleiner Teil vom Ort ist, der mitmacht.

Und diese Leute werden wahrscheinlich auch ihr Leben lang wissen, woher ihr Essen eigentlich kommt und wo sie besser einkaufen sollten.

Ja und das merke ich auch bei den Helfer*innen. Die sind ja auch da, um das zu erfahren und zu erleben. Sie gehen ganz anders weg als sie gekommen sind. Sie sehen die Arbeit, die dahintersteckt und verstehen viel und schätzen Lebensmittel dann anders. Die kaufen anders ein, wenn sie wieder gehen. Ich kann jetzt nicht die Welt verändern, aber ich kann doch das tun, was ich tun kann. Wenn die Leute halt mitmachen. Diese Sinnhaftigkeit haben viele Landwirt*innen nicht. Deren Arbeit ist zwar extrem fordernd und hart. Sie findet sieben Tage die Woche statt. Die kriegen so wenig Geld und Wertschätzung von der Bevölkerung für ihre Arbeit, dass der Sinn daran fehlt. Das spürt man deutlich, wenn man mit Landwirten im Gespräch ist, die keine Solawi haben. Viele Landwirt*innen sind frustriert und wollen nicht mehr.

Für wen eignet sich die Teilnahme an deiner BIGEKO und generell an einer Solawi?

Das ist für Leute, die sich saisonal ernähren wollen. Wenn man nach dem Lustprinzip einkaufen will, ist es nicht das Richtige. Wir richten uns nach dem, was es gibt.

Direkt neben dem Spazierweg liegt eines der Gemüseäcker des Hanneslerhofs.

Direkt neben dem Spazierweg liegt eines der Gemüseäcker des Hanneslerhofs.

 

 

 

Beitragsbild: © Sofie Amann

Bild 1: © Renate Triendl

Bild 2, 3 & 4: © Sofie Amann

Hallöchen, ich heiße Sofie und versuche mich hier bei Die Zeitlos im Schreiben. Ich habe im Bachelor Wirtschaftswissenschaften studiert und mache jetzt mit Politikwissenschaft weiter, um das Studierendenleben voll und ganz auszukosten. Ansonsten genieße ich den Innsbrucker Lifestyle sehr. Wandern, Mountainbiken, Klettern oder Skitour gehen versüßen mir den Alltag. Viel Spaß beim Lesen der vielen spannenden Artikel!