Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

Dumpstern: Von der Tonne auf den Teller

Müll ist nicht gleich Müll. So oder so ähnlich sehen das Menschen, die in den Abfallcontainern von Supermärkten nach genießbaren Lebensmitteln suchen. Dumpstern, Containern, oder auch Mülltauchen wird dazu gesagt. Aus Not und Hunger heraus oder im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung fischen Mülltaucher*innen Obst, Gemüse, Backwaren und vieles mehr aus den Tonnen der Lebensmittelläden. Dem beißenden Geruch vergammelnder Tomaten und ausgelaufener Joghurt-Packungen zum Trotz. Ist diese Art des Supermarktbesuches überhaupt rechtmäßig? Hilft Containern tatsächlich gegen Lebensmittelverschwendung? Die Zeitlos ist diesen Fragen auf den Grund gegangen und hat selbst einmal über den Rand der Mülltonne hinausgeblickt.

Auf Müllsuche

Die kühle Abendluft ist eine angenehme Abwechslung zur ständigen Schwüle, die seit Tagen in Innsbruck herrscht. Der Innradweg ist fast leer. Ein paar wenige Jogger*innen, Spaziergänger*innen und Hunde, die begeistert ihrem Stöckchen hinterherjagen, sind noch unterwegs. Vollgepackt mit Fahrradtaschen, Rucksack und Plastiktüten, die ihre besten Tage schon hinter sich haben, liegt das Ziel der Radtour etwas außerhalb der Stadt. Mehrere Supermärkte mit großen Müllcontainern, die mehr oder weniger frei zugänglich sind. Noch einmal um die Ecke biegen, dann springt auch schon die große, rot leuchtende Reklame des Supermarkts ins Auge, dessen Abfall jetzt genauer unter die Lupe genommen wird. Fahrrad abstellen, Stirnlampe an, Handschuh überziehen. Im Untergeschoss des Supermarkts stehen drei Biotonnen in Reih und Glied an der Wand. Beim Anheben des Deckels der ersten Tonne stößt ein seltsamer Duft-Mix aus Kaffeesatz, Orangenschalen und Wurst entgegen. Die nächste grüne Tonne hält zerdrücktes Gebäck, eine Plastiktüte mit Bananen und viel grünen Salat bereit. Trotz der braunen Stellen wandern die Bananen in die Fahrradtasche. Die dritte Tonne ist leer und so geht die Fahrt weiter. Beim Schwung auf das Rad schlagen die Kirchturmglocken von gegenüber. Es ist schon neun Uhr abends. Das Dumpster-Abenteuer nimmt seinen Lauf.

Was ist Dumpstern eigentlich?

Dumpstern, Containern oder Mülltauchen ist die Suche nach weggeworfenen Waren in Müllcontainern. Meistens suchen Mülltaucher*innen in den Tonnen von Supermärkten nach noch verwertbaren Lebensmitteln. Diese sind im Container gelandet, weil sie das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, faule oder angedrückte Stellen aufweisen, oder als Überschussware deklariert wurden. Doch viele der Lebensmittel, die im Müll landen, sind noch genießbar. Containern gehen einerseits Menschen, die zu wenig Geld haben, um sich Essen aus dem Supermarkt zu kaufen. Andererseits zählt die Dumpster-Szene auch viele Menschen, die den verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln in Supermärkten und der Gesellschaft nicht unterstützen wollen.

Eine grüne Tonne voll mit vermeidbaren Lebensmittelabfällen.

Bunte Abfallvielfalt

Nur fünf Minuten Radfahren später wartet bereits der Abfall des nächsten Supermarkts darauf auf verwertbare Lebensmittel durchsucht zu werden. Der Laden ist riesig, was auch die unfassbaren Mengen an weggeworfenem Obst, Gemüse und Backwaren, die sich in den zwei riesigen Müllcontainern und in den Brotkisten stapeln, bestätigen. Vier Laib Vinschgauer Brot, mehrere Packungen Toastbrot und Weißbrot, verteilt über einen Turm aus sechs Bäckerskörben. Bis auf einzelne Kaisersemmeln ist der Rest noch weich und die Versuchung groß einfach alles in die Fahrradtaschen zu stopfen. Eingefroren wäre das ein Lager an Brot, das für ein halbes Jahr reichen würde. Auf zu den beiden Bio-Tonnen, die wohl wirklich jeweils eine ganze Tonne fassen. Aufgefüllt mit Trauben, Nektarinen, Karotten, Salat, Paprika, Kiwi, Zucchini, und, und, und. Man kommt kaum aus dem Staunen heraus, denn das meiste der bunten Gemüse- und Obstvielfalt, die sich bietet, sieht gut aus. Sieht lecker aus. Der Container hat alles im Angebot. Von Obst bis Gemüse. Von konventionell bis biologisch. Es steigt nicht einmal ein unangenehm fauliger Geruch in die Nase. Untypisch, war es doch den ganzen Tag so warm. Nach und nach landen perfekte Gurken und Äpfel in den Taschen. Leicht angestoßene Birnen finden ihren Weg in die Tüten. Viele der Waren hätte man in dem gleichen Zustand auch im Supermarkt gefunden. Warum landen die überhaupt in der Tonne?

Boykott der Wegwerfgesellschaft

Weltweit landet ungefähr ein Drittel der produzierten Lebensmittel im Mülleimer. In Österreich kommt dabei fast eine Million Tonnen in die Tonne. 907.300 Tonnen vermeidbaren Abfalls. Diese Zahl muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Abfälle, die in der Landwirtschaft entstehen, sind hier noch nicht einmal miteingerechnet. Vermeidbar bedeutet, dass die Lebensmittelabfälle zumindest vor dem unachtsamen Wurf in den Müll uneingeschränkt genießbar waren. Den größten Anteil machen die privaten Haushalte. Knapp 60 Prozent dieser einen Million Tonnen entstehen dort, weil Einkäufe schlecht geplant werden, zu viel gekocht wird, oder Teller nicht aufgegessen werden. Die vermeidbaren Lebensmittelabfälle von Supermärkten und dem Großhandel machen rund zehn Prozent in Österreich aus. Auf diese hat man als Privatperson kaum Einfluss – außer man geht unter die Mülltaucher*innen. Hat eine Mandarine im Netz eine schimmelige Stelle, landet das ganze Netz im Müll – inklusive der zehn Mandarinen ohne Schaden. Hat eine Banane im Bund ein paar braune Flecken, wirkt sie unattraktiv für die Kund*innen und wird ebenso aussortiert. Hat der Heidelbeer-Joghurt sein Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht, gehört er in die Tonne. Unachtsames Wegwerfen von genießbaren Lebensmitteln ist nicht nur moralisch fraglich, sondern auch umweltschädigend. Der WWF schätzt, dass ungefähr 16 Prozent der Treibhausgasemissionen des Essens der Österreicher*innen auf die Verschwendung von Lebensmitteln zurückgehen. Bedeutet dann Abfälle retten gleich Klima retten? Zumindest ist es ein kleiner Schritt, den jede*r individuell gehen kann.

Dumpstern für Umwelt, Geldbeutel und Gewissen

Der Blick auf die schier unendliche Vielfalt an Obst und Gemüse im Bio-Abfall der Supermärkte lockt viele Leute in die Dumpster-Szene. Kaum einen Abend, an dem man nach Ladenschluss Containern geht, verbringt man alleine mit der Mülltonne. Während Kilo um Kilo an einwandfreien Bananen in den Rucksack gepackt werden, taucht ein anderer Mülltaucher auf. Er geht mehrmals pro Woche Dumpster-Diving mit seinem Lastenfahrrad und versorgt so seine Familie. Seine Hauptgründe Containern zu gehen sind der Umweltgedanke und das Geldsparen. Halb so viele Ausgaben für Lebensmittel wie früher hätte er dadurch pro Monat. Er wagt sich auch an die gelben und schwarzen Tonnen und zieht einige dem Tod geweihte Schätze hervor. Darunter mehrere Packungen abgelaufenen Joghurts, Tiroler Speck und Schokoriegel. Was braucht man mehr für einen Wocheneinkauf? Ein junger Student stößt dazu und erklärt mit strahlenden Augen, dass er eigentlich nur wegen der Bananen Dumpstern gehe. „Die Bananen im Supermarkt kann man ja nicht ohne schlechtes Gewissen kaufen. Die schlechten Arbeitsbedingungen, die langen Transportwege, den pestizidverseuchten Anbau von Bananen will ich wirklich nicht unterstützen. Aber weggeschmissene Bananen kann man sich ohne schlechtes Gewissen gönnen.“ Der nächste Mülltaucher lässt nicht lange auf sich warten. Der Student aus den Niederlanden containert aus Abscheu gegen die verschwenderische Gesellschaft. Er ermuntert dazu etwas verstecktere Mülltonnen zu durchsuchen. Also alles einpacken und weiter geht es. Beim Losfahren ächzt das Rad unter dem Gewicht der vielen Bananen. Das macht umgerechnet wahrscheinlich zehn Bananenbrote. Eigentlich reicht die Menge an Lebensmitteln bereits jetzt für mindestens zwei Wochen. Doch die Idee des jungen Niederländers klingt vielversprechend. Angekommen am Hintereingang des verheißenen Supermarkts steht ein drei Meter hohes Stahltor im Weg. „Rucksack ab und links zwischen Pfosten und Gitter durchquetschen“, heißt es nun. Gesagt, getan und schon steht man vor Containern, voll mit Mandarinen und Salat.

Ein Küchentisch, auf dem gerettete Lebensmittel aus einer einzigen Tonne ausgebreitet sind.

Ist Dumpstern legal?

Kommt es zu Zusammenstößen mit der Polizei, Mitarbeitenden des Supermarkts und anderen Verantwortlichen, liegt es meist im Ermessen eben dieser Personen, wie mit den Mülltaucher*innen umgegangen wird. Aus Deutschland kennt man medienrelevante Fälle wie den zweier Studentinnen, die gerichtlich verurteilt wurden, weil sie Dumpstern gingen. Sie bekamen wegen Diebstahls jeweils acht Sozialstunden und eine Geldstrafe von 225 Euro aufgebrummt. In Österreich herrscht eine andere gesetzliche Lage. Hier hält man sich beim Containern in einer rechtlichen Grauzone auf. Müll gilt zwar als herrenlose Sache, wenn zum Beispiel Sperrmüll vor die Haustüre gestellt wird. Befindet sich der Abfall jedoch in einem Behältnis, das eben kein Müll ist, dann hängt die Legalität vom Wert der weggeworfenen Dinge ab. Man bewegt sich also in der Grauzone, da nicht abschließend geklärt ist, wie viel Wert denn Lebensmittelabfälle von Supermärkten haben. Diese sind höchstens wertvoll für die Müllverbrennungsanlage. Beschädigt man beim Dumpstern die Mülltonne an sich oder sonstiges fremdes Eigentum, dann kann Sachbeschädigung vorgeworfen werden. Auch Hausverbote beim jeweiligen Lebensmittelladen sollen schon vorgekommen sein. Grundsätzlich gilt beim Containern die ungeschriebene Regel, dass alles so hinterlassen werden muss, wie es vorgefunden wurde. Bis auf die Rettung der Abfälle.

Auf den Teller

Der Heimweg dauert länger als der Hinweg. Inzwischen ist es fast halb elf. Nun stehen der Abwasch und das Sortieren an. Faule Stellen werden weggeschnitten, der ein oder andere Apfel wird beim zweiten Hinsehen für wertlos erklärt und alles fein säuberlich von Kaffeesatz oder Abfällen befreit. Am Ende wirft der Blick auf den mit Obst und Gemüse vollgestellten Tisch die Frage auf: Wer soll das alles essen? Denn die größte Verschwendung würde wohl dann entstehen, wenn der*die Mülltaucher*in die eigens geretteten Lebensmittel wieder wegwerfen würde. Aus den vielen Beeren wird Marmelade gemacht, das Gemüse wird zu Tomatensoße verkocht und die Bananen werden eingefroren. Am nächsten Tag gibt es ein Frühstück, das wohl ohne das Containern nicht zustande gekommen wäre. Brot mit selbstgemachter Marmelade, dazu Obstsalat und einen Bananenshake. Es kommt vor, dass man beim Containern auf Lebensmittel stößt, die man sich aus dem Supermarkt niemals mitgenommen hätte. Doch, wenn der Fenchel, Topinambur oder die Sternfrucht einen in der Tonne anlachen, findet man ganz neue Rezepte und Geschmäcker. Für einige Mülltaucher*innen ist auch das, neben dem Kampf gegen den Verschwendungswahn der Gesellschaft und dem Geldsparen, ein Argument, welches das Dumpstern reizvoll macht.

Eine Schüssel voll Obstsalat aus rein containerten Lebensmitteln.

Braucht Müllvermeidung eine politische Lösung?

Doch so sehr man sich auch über die großen Mengen an kostenlosem und gutem Essen freut, es bleibt immer ein bitterer Beigeschmack. Der bittere Geschmack hat seinen Ursprung nicht in den Lebensmitteln selbst, sondern in dem verschwenderischen Umgang der Lebensmittelindustrie mit den wertvollen Waren. Wie kann es sein, dass vollkommen makelloses Gemüse und Obst seinen Weg in die Tonne findet? Offenbar reichen Organisationen wie Food Sharing oder die Tafel nicht aus, um den Kampf gegen die vermeidbaren Lebensmittelabfälle zu gewinnen. Wie lässt sich das Problem also lösen? Frankreich geht mit gutem Beispiel voran. Seit 2016 dürfen Supermärkte Lebensmittel nicht mehr unbeschwert in die Tonne geben. Eine derartige Verschwendung wurde unter Strafe gestellt. Damit ist Frankreich das erste Land weltweit, welches sich gegen den achtlosen Umgang mit Lebensmitteln gesetzlich stellt. Seitdem erhält die Tafel wesentlich mehr Lebensmittel, Start-ups, die das übrige Essen verwerten, wurden gegründet und es laufen viele Projekte parallel, die sich aktiv mit dem Umgang mit den Abfällen auseinandersetzen. Eine politische Lösung, die Früchte trägt. Sollte sich Österreich ein Beispiel an Frankreich nehmen?

Müll ist nicht gleich Müll

Wer sich vor miefenden Abfällen, ein paar Fruchtfliegen und dem kritischen Blick der Polizei nicht scheut, auf den*die warten leckeres, kostenloses Essen und ein gutes Gewissen im Hinblick auf den Klimawandel. Doch die Müllvermeidung sollte weiter gehen, als nur der individuellen Verantwortung aufgetragen zu werden. Politische Lösungen, wie die Bestrafung von Lebensmittelabfällen in den Supermarkttonnen können die Fehler, die diese Industrie verursacht, ausmerzen. Der Gedanke, dass Müll nicht immer gleich Müll ist, sollte weitergetragen werden. Eine Diskussion bis hin zum Landwirtschaftsministerium könnte die unfassbaren Mengen an genießbaren Lebensmittelabfällen verringern.

Bilder: © Sofie Amann

Hallöchen, ich heiße Sofie und versuche mich hier bei Die Zeitlos im Schreiben. Ich habe im Bachelor Wirtschaftswissenschaften studiert und mache jetzt mit Politikwissenschaft weiter, um das Studierendenleben voll und ganz auszukosten. Ansonsten genieße ich den Innsbrucker Lifestyle sehr. Wandern, Mountainbiken, Klettern oder Skitour gehen versüßen mir den Alltag. Viel Spaß beim Lesen der vielen spannenden Artikel!