Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

Rezension: Susan Abulhawa. Against the Loveless World

„The Cube“: Ein trister, kalter Raum, der nicht mehr zu sein scheint als das. Die anfangs diffuse Beschreibung dieses Raums und die mit ihm verbundenen Umstände vermitteln einen thrillerhaften, außerweltlichen Eindruck. Hinsichtlich der Schilderungen von unvorstellbarem Leid und Grausamkeit, die folgen sollen, ist dies nicht unpassend.

 

Aus einer israelischen Gefängniszelle heraus erzählt die Protagonistin Nahr die Geschichte ihres Lebens. Durchzogen von traumatischen Erfahrungen, die alle mehr oder weniger Produkte des scheinbar ewig andauernden und schwer ergründbaren Nahostkonfliktes sind, tauchen die Lesenden tief in die Lebensrealitäten der Gegenden Kuwaits, Jordaniens und Palästinas um die Jahrtausendwende ein. Durch die subjektive Erzählweise und die daraus hervorgehende eingeschränkte Sichtweise auf die Geschehnisse lässt sich der Roman stark immersiv erleben. Diese Nähe verleiht ihm eine rührende und erschütternde Wirkung, die durch die Tatsache, dass Susan Abulhawa mit Against the Loveless World unter anderem autobiografische Erfahrungen verarbeitet hat, befeuert wird.

 

Nahr wächst in einer gewissen Orientierungslosigkeit auf, die durch ihr unzulängliches Wissen über die Vergangenheit ihrer Eltern und den fehlenden Schutz vor der politischen Situation, in der sie sich als palästinensisches Kind in Kuwait wiederfindet, bedingt ist. Sie ist wütend auf ihre Mutter und auf ihre Oma Sitti Wasfiyeh, deren Verhalten zu verstehen ihr schwerfällt. Mit dem Älterwerden wird ihre Wut in eine andere Richtung gelenkt. Nun gilt sie vor allem Israel und westlichen Ländern wie Amerika, deren Handeln sich fortdauernd negativ auf sie und ihr Umfeld auswirkt. Nahr versteht, dass das Verhalten ihrer älteren Familienmitglieder daraus hervorgeht, mit der eigenen Lebensrealität fertigwerden zu müssen. Trotz der komplizierten Beziehung zu ihnen stellen Mutter und Sitti als der Protagonistin vertraute Personen eine haltgebende Konstante dar.

 

„I had not understood until then how humiliated my mother had felt by her life. The simple dignity of a ‚desk job‘, as she called  it, had transformed her. I should have said  it again, that her embroidery was more special than any ‚desk job‘ could be; that she was an artist; that Western images of professional women don’t have to apply to us; that concepts of respectability and modernity are manufactured. Instead, I just congratulated her.“

 

Nahr entwickelt sich zu einer kämpferischen, selbstbestimmten und mutigen Frau. Dabei legt sie zusammen mit den Personen in ihrem Umfeld ein beeindruckendes Durchhaltevermögen an den Tag. Die immer wiederkehrenden Momente der Liebe und gemeinsamen Freude geben nicht nur den Figuren, sondern auch den Leser*innen Kraft. Der Tanz stellt für die Protagonistin eine Betätigung dar, durch die sie wiederholt zu sich zurückkehren und ihre Situation reflektieren kann. Mit Bilal, ihrem späteren Lebenspartner, liest sie während einer von Israel auferlegten Ausgangssperre James Baldwin und kann auch aus dieser Lektüre Halt und Gegenstände zur Reflexion schöpfen.

Ein Tipp: Wer Baldwin schätzt, wird auch Susan Abulhawa nicht verschmähen.

 

Ihre Figuren sind keineswegs unfehlbar; die Autorin stellt sie mit Erfolg nicht etwa idealisiert, sondern in Anbetracht aller inneren und äußeren Konflikte dar. Damit schafft sie es, ein erfrischendes und ernstzunehmendes Bild zu zeichnen.

 

Against the Loveless World ist ein ganz persönliches Plädoyer für Liebe und Zusammenhalt im Angesicht von Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Es schreckt nicht davor zurück, Sachverhalte auf eine kühne und ehrliche Art und Weise darzustellen – eine Eigenschaft, die ihm einen hohen Wert verleiht.

 

Roman.

London: BLOOMSBURY, 2020.

366 Seiten, £ 12.99.

ISBN: 978-1-5266-1880-1.

 

 


 

Bild 1: Pixabay

Bild 2: Bloomsbury Publishing Plc