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One left – Leben mit einem Arm: Ein Selbstexperiment

Einhändig durch den Studienalltag:

Heidi Ulm wurde mit einem Arm geboren und meistert ihren Studierendenalltag dennoch mit Bravour. Um nachfühlen zu können, wie es ihr im Studienalltag geht, habe ich ein Selbstexperiment durchgeführt, bei dem ich für einen Tag für jede Tätigkeit, die anstand, nur einen Arm benutzen durfte. Auf welche Hindernisse ich dadurch im Studienalltag gestoßen bin und wie schwierig manche Tätigkeiten zu bewältigen waren, kannst du in diesem Beitrag erfahren. Da ich bereits befürchtet hatte, dass es schwierig werden könnte, habe ich mir für Dringlichkeiten oder zwingende Notwendigkeiten drei „Joker“ aufbewahrt, die ich dir natürlich nicht verschweigen werde. Um zudem nicht zufällig oder unbewusst die zweite Hand zu benutzen, habe ich mir diese mit einem Band und einem Karabiner an meine Hose angebunden, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen.

 

In aller Frühe

Bei meiner Morgenroutine – sprich: beim Aufstehen, sich schminken, Zähne putzen, Haare kämmen, Kaffee kochen und Uni-Stuff erledigen – war es zwar anfangs ungewohnt, was ja eine logische Konsequenz darstellt, weshalb ich hier einen Joker brauchte. Denn, sich mit einer Hand die Haare zusammenzubinden, wenn diese mal nerven oder stören, ist mit einer Hand fast unmöglich und kaum allein zu bewältigen. Deshalb musste hier der erste Joker her.

Als ich dann vor meinem Laptop saß und meine Uni-Erledigungen ausführte, fiel mir auf, wie mühsam es ist, mit nur einer Hand die gesamte Tastatur zu bedienen. Zwar kräftezehrend, aber mit viel Routine und Übung sicherlich schaff- und machbar. Der Vormittag ging somit schnell um, aber dauerte etwas länger aufgrund der anfänglichen Eingewöhnung beim Tippen mit der Tastatur.

Meine Konstruktion, um die Ergebnisse des Experiments nicht zu verfälschen. © Heidi Siller

© Heidi Siller

Im direkten Vergleich dazu: Heidi Ulm in der Realität. © Heidi Siller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittagszeit

Dann stand Nudel-Kochen auf dem Programm. Einen Topf mit nur einer Hand zu halten und mit Wasser zu befüllen ist allerdings nur machbar, wenn dieser einen längeren Henkel hat. Einen solchen hatte ich allerdings nicht, dementsprechend musste bereits um 13.30 Uhr der zweite Joker her. Einhändig zu essen und abzuspülen, war zwar zeitlich definitiv aufwändiger, stellte aber im Großen und Ganzen keine besonders große Herausforderung dar.

Am Nachmittag stand das Einkaufen in der City auf dem Programm. Was sich anfangs als recht einfach erwies, weil ich einen Einkaufswagen nehmen konnte, der mir große Hilfe leistete, stellte sich später als erhebliche Tortur heraus. Für mich war schnell klar, was definitiv das Schwierigste war, nämlich mit den Blicken der anderen Menschen umzugehen. Einkaufen an sich war zwar körperlich belastend, aber mit den ständig verwunderten, neugierigen oder missbilligenden Blicken der Menschen umzugehen, war wirklich psychisch belastend. Dem möchte ich nur noch hinzufügen, dass ich dies nur einen Tag, während des Experimentes, aushalten musste. Heidi hingegen wird von diesen Blicken an keinem einzigen Tag verschont. An der Kassa angekommen, war es schwierig für mich, alles einarmig zu bewerkstelligen und in den Einkaufswagen zu legen, sowie parallel die Brieftasche zu zücken. Glücklicherweise war ich am Nachmittag – und somit zu keiner der sogenannten Stoßzeiten – einkaufen, deswegen war die Schlange an der Kassa hinter mir recht kurz. Wäre die Warteschlange länger gewesen, hätten ich sicherlich noch mehr abwertende oder fragwürdige Blicke zugeworfen bekommen. Einkaufswagen gefüllt und raus aus dem Supermarkt. Rucksack und Einkaufstasche einhändig gepackt und ab zur Tram. Diese Tätigkeiten waren ohne große Probleme schaffbar. Im Heim angekommen, erstmal alles aufs Bett geworfen, ausgepackt und aufgeräumt. Der Nachmittag war vorüber, die Dämmerung brach herein.

Uni-Erledigungen am PC. © Heidi Siller

Abends – zu später Stunde

Der Abend verlief wieder recht reibungslos. Nudeln waren noch vom Mittagessen übrig, daher waren diese nur mehr in der Mikrowelle zu erwärmen. Ich trank mit meinen Freunden ein Glas Wein, um den anstrengenden Tag zu hinterfragen, bedenken und zu überdenken. Die Weinflasche hatte glücklicherweise einen Drehverschluss, denn ansonsten hätte ich hier meinen dritten Joker gebraucht. Aber ich sollte nicht ohne den dritten Joker verballert zu haben, in mein Bett segeln. Denn ich wurde nochmals des Besseren belehrt und musste mir abends wiederum die Haare zusammenbinden, weil ich es nicht ausstehen kann mit offenen Haaren zu schlafen.

In vino veritas. © Heidi Siller

Ein abschließendes Fazit eines einhändigen Studienalltages

Alles in allem war es ein sehr lehrreicher Tag. Lehrreich, weil ich dankbar bin, dass ich ohne körperliche Einschränkungen leben kann und lehrreich, weil ich nun nachvollziehen kann, wie anstrengend und belastend der Studienalltag sein kann. Ich bin dahingehend gesegnet, nicht jeden Tag diesen Blicken und Tuscheleien ausgesetzt zu sein. Ich bin froh, dass ich diese sicherlich in gewisser Weise für die Betroffenen als diskriminierend empfundene Situation, nicht jeden Tag ertragen muss. Genau aus diesem Grund und aus meinen Erfahrungen heraus ein kleiner Appell an euch alle: Wenn du Menschen siehst, die körperlich oder geistig beeinträchtigt sind und deren Invalidität augenscheinlich ist, starre nicht hin, sondern biete gegebenenfalls deine Hilfe an. Tuschle oder flüstere deinem Partner oder deiner Partnerin nicht etwas zu, sondern geh auf die Menschen zu und frag nach oder hilf ihnen. Lasst uns Solidarität zeigen, indem wir weniger starren und mehr füreinander da sind und uns gegenseitig Hilfe leisten.

 

 

Eine waschechte Südtirolerin, die in Innsbruck studiert und liebend gern in den Bergen unterwegs ist, ganz nach dem Motto: Du bist nicht du, wenn dir die Bergluft fehlt!