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Die Kowloon Walled City: Anarchy in the HK

Von Bevölkerungsdichte, Anarchie, organischer Stadtentwicklung und der Frage, ob alle Menschen der Erde auf einem Gebiet der Größe Tirols wohnen könnten. 

 

Wie viel Platz braucht ein Mensch zum Überleben? Um diese Frage werden wir aufgrund der stetig wachsenden Weltbevölkerung in Zukunft nicht herumkommen. Nach einer Prognose von Statista werden schon 2023 acht Milliarden Menschen auf der Erde leben – 1900 waren es noch 1,7 Milliarden. Hinzu kommt eine steigende Urbanisierung: immer mehr Menschen ziehen in Städte, die Bevölkerungsdichte steigt – besonders in Asien.

Zahlenspiele

Dhaka, die Hauptstadt von Bangladesch, ist momentan die Stadt mit der höchsten durchschnittlichen Bevölkerungsdichte. Etwa 34.000 Personen leben hier auf einem km² Stadtgebiet. Kinshasa und Mbuji-Mayi, zwei Städte in der DR Kongo, liegen mit um die 28.000 Einwohner*innen pro km² auf dem zweiten und dritten Platz. Das viertplatzierte Moradabad in Indien hat mit 27.250 immer noch dieselbe Bevölkerungsdichte wie der New Yorker Stadtteil Manhattan. Noch extremer werden die Zahlen, wenn man sich den Rekordhalter unter einzelnen Stadtteilen ansieht, hier liegt der Slum Dharavi in Mumbai, Indien, mit geschätzten 300.000 Menschen pro km² vorne. Doch vor knapp 30 Jahren wurde eine „Kleinstadt“ in Hongkong abgerissen, welche selbst diese Zahl noch einmal deutlich in den Schatten stellte.

Zunächst eine kurze Vorgeschichte: Im 19. Jahrhundert hatte sich das Vereinigte Königreich in Hongkong Land von China „geliehen“. Aus strategischen Gründen behielt China jedoch eine kleine Exklave auf der Halbinsel Kowloon, um die Briten im Auge zu behalten. Um die Jahrhundertwende herum bewohnten ein paar Hundert Menschen dieses 200 Jahre alte ummauerte Fort, weder Großbritannien, noch das bürgerkriegsgebeutelte China waren an einer Weiterentwicklung des Gebiets interessiert.

Dieses Desinteresse an dem mittlerweile als „Walled City“ bekannten Gebiet endete mit dem zweiten Weltkrieg. China forderte 1945 das zwischenzeitlich von Japan eroberte Gebiet zurück und plante, dort neue Infrastruktur aufzubauen. Das zu dieser Zeit unter britischer Verwaltung stehende Hongkong hatte damit wenig Freude, und ebenso wenig mit den Tausenden Flüchtlingen aus dem chinesischen Bürgerkrieg, welche sich in diesen Jahren auf dem Gebiet der Walled City einfanden. Schlussendlich einigten sich Briten und Chinesen darauf, dass das Gebiet zwar China gehörte, dieses aber darauf verzichtete, seine Jurisdiktion auf dem Gebiet durchzusetzen. Somit entstand de facto eine anarchische Zone auf der Halbinsel Kowloon. Das alles wäre eigentlich schon spannend genug, aber was die Bewohner*innen der Walled City aus ihrer Freiheit machten, ist noch viel interessanter.

 

Südseite der Kowloon Walled City, 1975. Foto: Ian Lambot (CC BY-SA 4.0).

Anarchie und Alltag

Die Abwesenheit jeglicher Staatsgewalt ermöglichte eine anarchische Selbstverwaltung des Gebiets durch die Einwohner*innen. Die Walled City wurde zum Auffangbecken für sozial Schwache, Drogenabhängige, aber auch Kriminelle. Triaden, das asiatische Äquivalent zur Mafia, übernahmen teilweise die Kontrolle. Die Bewohner*innen der umliegenden Dörfer und Städte nannten die Walled City daher „黑暗之城Hak Ngam zi Sing“, zu Deutsch „Stadt der Dunkelheit“.

In den 1960er-Jahren führte die hohe Nachfrage nach billigem Wohnraum zu massiven Bautätigkeiten in der Walled City. Zuerst wuchsen auf jedem freien Zentimeter ein- bis zweistöckige Gebäude aus dem Boden, und, als dort der Platz nicht mehr ausreichte, wurde in die Höhe weitergebaut. Dicht an dicht drängten sich die Häuser, deren obere Stockwerke immer mehr zusammenwuchsen, bis es schließlich möglich war, innerhalb der Gebäude über zahllose Treppen und Gänge oder über die Dächer von einem Ende der Stadt zum anderen zu gehen, ohne jemals eine der engen, dunklen Gassen zu benutzen, welche sich zwischen den Hochhäusern hindurchschlängelten.

In den Jahren vor ihrem Abriss 1993 umfasste die Walled City um die 500 Gebäude, von denen die meisten zwischen 10 und 14 Stockwerke hoch waren und 8.500 Geschäfte sowie 10.700 Wohnungen beinhalteten. Etwa 33.000 Menschen lebten dort auf 26 Hektar Fläche – ungefähr zweieinhalbmal der Innsbrucker Hofgarten. Mit 1,3 Millionen Menschen pro km² war die Kowloon Walled City der dichtest besiedelte Ort der Welt und übertraf Dhaka, den heutigen Rekordhalter, knapp um das 56-fache. Würden alle Menschen so leben wie in der Walled City, ja, dann hätte auf der Fläche Tirols die gesamte Weltbevölkerung Platz. Sogar zweimal. Effizient? Definitiv. Aber bequem?

 

Entspannung zwischen Stromkabeln auf den Dächern der Stadt, 1989. Foto: Greg Girard.

 

Für Außenstehende stellte der auf organische Weise zur Kleinstadt mutierte Häuserblock aus diesen Gründen eine urbane Hölle dar, einen verruchten Ort, an dem nur diejenigen wohnten, die sich die hohen Lebenskosten im umliegenden Hongkong nicht leisten konnten. In einem 2018 erschienen Artikel von Lau, Lai und Ho werden die Lebensbedingungen in der Walled City jedoch in ein positiveres Licht gestellt: Die Wohnungen dort seien nicht nur günstiger, sondern auch teilweise qualitativ besser gewesen, als vergleichbare in der Umgebung. Seit 1963 bestand die „Kaifong Association“, eine linke Interessenvertretung für Anwohner*innen, welche unter anderem Unterstützung beim Abschluss von Miet- und Kaufverträgen leistete.

Ehemalige Bewohner*innen berichteten außerdem, dass trotz umfangreicher Probleme – Kriminalität, Drogen, schlechte Infrastruktur – das Leben in der Stadt von Gemeinschaftssinn geprägt war. Außerdem habe die Dichte der Stadt durchaus ihre Vorteile gehabt: Lebensmittel, Gebrauchsgegenstände und Dienstleistungen waren in unmittelbarer Nähe und zu günstigen Preisen verfügbar.

 

Lebensmittelgeschäft, 1990. Foto: Greg Girard.

 

Schluss mit lustig

Großbritannien, dem Pächter der Halbinsel Kowloon, war die unkontrollierbare anarchische Zone mitten in seinem Staatsgebiet stets ein Dorn im Auge. Auch China, welches mit dem Auslaufen des Pachtvertrages 1997 die Kontrolle über das Gebiet zurückerlangen würde, hatte kein Interesse an einem Fortbestand der Walled City. Gemeinsam einigte man sich daher bereits 1984 auf einen Abriss. Bis dieses Vorhaben manifestiert werden konnte, sollten allerdings weitere 10 Jahre vergehen. Trotz der 350 Millionen US-Dollar, welche für die Kompensation der Bewohner*innen aufgewendet wurden, mussten noch bis 1992 Menschen mit Gewalt aus ihren Wohnungen und Geschäften entfernt werden, um den Abriss durchführen zu können.

 

Café, 1989. Foto: Greg Girard.

 

Wie jede gute Geschichte hat also auch die der Kowloon Walled City ein Ende. In der Erinnerungskultur Hongkongs lebt sie jedoch weiter: Nach dem Abriss wurde auf dem Gebiet ein Park errichtet, in dem mittlerweile ein Museum an die Stadt erinnert. Die Frage, ob die über zwei Millionen Bewohner*innen der Halbinsel Kowloon (Bevölkerungsdichte mehr als 48.000/km²) nicht eher zusätzlichen leistbaren Wohnraum gebraucht hätten, stellt sich durchaus.

 

Modell der Kowloon Walled City im gleichnamigen Park. Foto: Archangelselect (CC BY-SA 3.0).

 

Noch neugierig? Es gibt mehrere spannende Dokus zu diesem Thema, etwa diese, diese, oder diese. Auch ein virtueller Rundgang ist über Umwege möglich, und zwar in Call of Duty: Black Ops auf der Map „Kowloon“.

Special thanks to Canadian photographer Greg Girard for letting me use his pictures free of charge.