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im Portrait: Jungdesignerin Kerstin Pfleger

Industrial Designerin Kerstin Pfleger kreiert beeindruckende Interieur-Design-Objekte und Möbelstücke. Eines ihrer Mottos lautet: „Design follows resources.“ Sie verarbeitet demnach verschiedene Materialien und achtet bei deren Auswahl auf Funktionalität sowie Nachhaltigkeit. Mit ihrem Projekt reduce geht sie den ersten Schritt in Richtung Selbstständigkeit.

Die 23-jährige Wahlwienerin steht kurz vor dem Abschluss ihres Design-Studiums an der Universität für Angewandte Kunst. Schon früh wusste sie, wo es sie in ihrem Leben einmal hintreiben soll – hat sie doch schon als kleines Kind in den Immobilienmagazinen ihrer Eltern nach Artikeln über Design gesucht. Bevor es dann in Sachen Studium richtig los ging, besuchte sie die HTBLA Hallstatt mit Schwerpunkt Interieur- und Möbeldesign. Neben ihrer bereits einschlägigen Ausbildung sammelt sie bis heute wertvolle Berufserfahrung durch Praktika und Anstellungen in diversen Design- und Architekturbüros sowie Tischlereiwerkstätten.

AIRCHAIR © Werkstätte digitale Fotographie Angewandte Wien

Dass ihre Arbeiten in der Designwelt anerkannt und geschätzt werden, erkennt man an den Nominierungen bei namhaften Designwettbewerben und der Teilnahme an Ausstellungen wie der #RESOLUTION im Kulturforum Berlin oder an der DESIGN EVERYDAY- Design für den Gebrauch 2020 im Zuge der Vienna Design Week. Eine der wohl größten Errungenschaften in Pflegers jungen Jahren ist die Teilnahme und der Sieg des ein&zwanzig Wettbewerbes mit ihrer Einreichung AIRCHAIR.

Nicht nur die unkonventionellen Entwürfe der österreichischen Jungdesignerin erregen unsere Aufmerksamkeit, sondern auch ihre Haarfarbe und der dazu passende Online-Auftritt. Die Farbe Orange ist zurzeit ein großer Teil ihres Lebens, und dies zurecht. Die Farbe symbolisiert Optimismus und Lebensfreude, zwei Dinge, die die ambitionierte Designerin beim Interview jeden spüren hat lassen. Sie meint, sie habe keine aktive Entscheidung für die Farbe Orange getroffen. „Gestartet hat wohl alles mit der Haarfarbe und dann hat es sich nach und nach so ergeben. Im Studio scherzen immer alle; sobald etwas Orangefarbenes auf dem Tisch liegt, behaupten automatisch alle, es gehöre mir“, so Pfleger. Aus Zufällen heraus entstand ein einheitliches und ansehnliches Bild und wer weiß, vielleicht ist Orange auch in ihrem späteren Dasein als Designerin immer noch ihre Erkennungsfarbe.

 

„Wissen gibt wichtige Anstöße für kreative Prozesse.“ – Frank Berzbach

Zur größten Quelle ihrer Inspiration zählt der regelmäßige Austausch und die Gespräche mit anderen. Hierbei ist es für sie wenig relevant, ob ihre Gesprächspartner*innen aus der gleichen Branche kommen. Oftmals ist es für sie genauso inspirierend, sich mit den unterschiedlichsten Leuten aus den verschiedensten Bereichen zu unterhalten, so lernt sie einen neuen Blick auf die Dinge kennen und es eröffnet sich ihr bisher noch Unbekanntes. „Dieses Ping-Pong-Zuspiel der Ideen und Gedanken ist definitiv die größte Inspiration für mich. Es ist spannend, von Personen mit ganz anderem Background als meinem die Meinung zu den Ideen zu hören, um dann zu sehen, wie diese Person an die Sache herangeht“, sagt Pfleger während sie das Hin- und Her der Gedanken mit ihren Händen verdeutlicht.

© Werkstätte digitale Fotographie Angewandte Wien

Am Foto ist auch der etablierte Industrial Designer Stefan Diez zu sehen, der die Leitung ihrer Klasse der Universität innehat. Auf die Frage, ob sie denn Vorbilder in der Design-Welt habe, lacht sie kurz verlegen. „Es ist für mich schwierig, ein konkretes Vorbild zu benennen. Es gibt so viele namhafte Person, die mit ihren Designs überzeugen und richtig gute Arbeit leisten. Vielleicht wäre es am ehesten eine Mischung aus vielen und nicht dezidiert ein Vorbild“, versucht sie die kurze Stille nach dem Lacher zu erklären. Selbst bewegt sie sich in der Wiener Designszene, diese stellt für sie auch eine große Inspiration und gewisse Vorbildfunktion dar. „Die hier in Wien verortete Designwelt hat für mich etwas Greifbares. Ich stehe ja noch am Beginn meiner Karriere, da ist es gut, die Möglichkeit zu haben, aktiv auf die hier Schaffenden zugehen und sich austauschen zu können.“ Dank ihren Professor*innen und deren Assistent*innen wird Pfleger und ihren Kommillitonen*innen aber auch die Chance geboten, den/die ein*e oder andere*n Big Player kennenzulernen und sich international zu vernetzen.

Ein Mehr an Möglichkeiten – Industrial Design

Im Laufe der Zeit haben sich zahlreiche Strömungen in Sachen Kunst und Design entwickelt. Immer wieder wird etwas Anderes als ästhetisch ansprechend und schön anerkannt. Pfleger sieht sich selbst jedoch nicht bewusst von einer dezidierten Epoche oder von einem Stil alleine beeinflusst. „Natürlich hat man ein Grundwissen darüber, was es schon gegeben hat und schon gemacht wurde. Unterbewusst schwingt beim Designprozess dieses Wissen sicherlich mit, ich könnte jetzt aber kein Jahrzehnt mit dazugehörigem Stil nennen, das mich grundlegend in meinem Schaffen beeinflusst. Am ehesten wäre es vermutlich der Minimalismus“, erläutert sie ihre Gedanken hierzu.

Ihr Studium läuft unter der Bezeichnung „Industrial Design“. Zu ihrem Erfreuen ist man jedoch sehr frei in der Ausübung. Man hat viele Möglichkeiten und das „Industrial“ kann sehr breit ausgelegt werden. Pfleger selbst identifiziert sich und ihre Designs schon bis zu einem gewissen Grad mit dem industriellen Stil, es gäbe aber keine zwingende Vorgabe von oben herab – die behandelten Themen sind sehr groß und offen, somit ist Platz für alle und „es entstehen nicht nur Kopien von bereits vorhandenen Objekten von beispielsweise unseren Professor*innen“, erzählt sie.

Der Anspruch: flexibel, (multi-)funktional, effizient

Dies spielt ihr in die eigenen Karten, denn sie selbst hat Freude daran, sich an den verschiedensten Dingen zu probieren – von Lampen über Tische bis hin zu Sitzmöglichkeiten. Wenn es möglich ist, dann würde Pfleger gerne im späteren Leben bei einer größeren Bandbreite von Designs bleiben: „Wenn man sich mit Unterschiedlichem beschäftigt, bleibt die Arbeit spannend. Ich versuche dann immer, das Wissen aus dem einen in den anderen Bereich zu übertragen – das hilft mir dann oft auch bei der technischen Umsetzung.“

Doch egal was es dann schlussendlich für ein Objekt wird, ihre Philosophie ist bei allen gleich. Der Anspruch an ihre Designs lässt sich in drei Worte fassen: flexibel, (multi-) funktional und effizient. Sie beschreibt sich selbst nicht als die große Ästhetikerin, ihre Ambition liegt im Detail. Es soll gut funktionieren und technisch machbar sein, erst dem untergeordnet folgt der Anspruch, dass es gut aussehen soll.

Die allseits bekannte Formel „form follows function“ erachtet sie nicht als das oberste Gebot in der Designwelt, ihre eigene Herangehensweise beschreibt es jedoch ganz gut. „Für mich muss es vorher funktionieren, dann kann es gut aussehen. Vielleicht liegt es aber daran, dass während meiner schulischen Ausbildung dieser Satz förmlich gepredigt wurde“, lacht sie. Durch die Universität hat sie aber einen erfrischenden neuen Wind hinsichtlich der Herangehensweise erhalten. Wäre von ihrer Seite der Wunsch da, mehr aus der Sicht der Ästhetik zu arbeiten, hätte sie genauso die Möglichkeit dazu. Pfleger hat für sich den passenden Weg gefunden und möchte als Designerin quasi die Schnittstelle sein, bei der alle Fäden von Produktion, Design und Co zusammenlaufen. Zu den interessantesten Entwürfen der Designerin Kerstin Pfleger zählen unter anderem der AIRCHAIR, der flexibel mit sich transportiert werden kann; LIVING SURFACE, dessen Tischoberfläche multifunktional einsetzbar ist oder BIBLIOSITE, die eine effiziente Leuchte für Büro und Alltag darstellt.

Frauen* in der Designwelt

Kerstin Pfleger ist mitunter der lebende Beweis, dass „Frauen“ und „Design“ mehr als nur zwei Buchstaben gemeinsam haben. Noch immer scheint es so, als wären Männer die dominierende Kraft hinter den spannendsten Interieur- und Produktdesigns, aber das stimmt so nicht. Schon immer haben auch Frauen mitbestimmt, wie wir wohnen, bloß haben sie darum nicht so einen Lärm gemacht. Man denke da nur an Greta Grossmann, Eileen Gray und Ray Eames. Obwohl sie sich selbst noch als „kleinen Fisch im großen Design-Teich“ betrachtet, kann man Pfleger in diese Liste mit aufnehmen.

Trotz allem hat sie das Gefühl, dass man(n) Frau* immer noch unterschätzt. Vor allem in den Werkstätten und den Bereichen, bei denen handwerkliches Geschick gefragt ist, kämpft man als Frau* mit gewissen Vorurteilen. Pfleger hat bis jetzt aber ihr Können zeigen und von sich überzeugen können. Dennoch kann sie nicht verstehen, warum sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen schon von Beginn an 5-10% mehr geben muss, um überhaupt gesehen und ernst genommen zu werden. „In Gesprächen mit meinen Kollegen merke ich immer, dass wir erst gar nicht vom selben Punkt aus starten. Ich als Frau muss ständig einen gewissen Mehraufwand betreiben, um erstmal auf die gleiche Stufe zu kommen“, kritisiert sie die vorherrschende Situation. Von vornherein positive Erfahrungen hat sie gemacht, wenn ihre Vorgesetzten Frauen* waren. Hier spürt man eine gewisse Verbundenheit: „Frauen stellen gegenseitig eine große Unterstützung in der männerdominierten Designwelt dar.“

Schritt in die Unabhängigkeit

Obwohl sie noch in ihrer Ausbildung steckt, hat Pfleger schon vieles erreicht. Einer ihrer größten Wünsche, der aber auch mit Sorge verbunden ist, ist der Absprung von der Universität in ein eigenständiges Arbeiten und Leben. Mit ihrem aktuellen Projekt reduce ebnet sie sich gerade gemeinsam mit ihrem Projektpartner Peter Paulhart den Weg in Richtung Selbstständigkeit.

reduce ist ein neues, junges Label für modernes Produktdesign. Das Sortiment charakterisiert sich nicht durch eine bestimmte Produktkategorie oder Modeerscheinung. Entsprechend dem eigenen Leitsatz „form follows resource“ stellt reduce zuerst die Frage nach verantwortungsvoller Ressourcennutzung, woraus sich sowohl ökonomisch als auch ökologisch sinnvolle Lösungen ableiten lassen. Der Schlüssel zur Umsetzung dieser Idee steckt in neuen, digitalen Fertigungstechnologien sowie in einem konsequenten Produktdesign, das Produkten eine Form gibt, die dabei hilft, Ressourcen bestmöglich zu nutzen.

 

Beitragsbild: © Theresa Maria Dirtl

Zusammenfassend weitere Links:

Homepage Kerstin Pfleger: https://kerstinpfleger.at

Instagram Kerstin Pfleger: https://www.instagram.com/kerstin.pfleger/

Homepage reduce: https://reduce.design

Instagram reduce: https://www.instagram.com/reduce.design/

Homepage Theresa Maria Dirtl: https://www.theresamariadirtl.com

Instagram Theresa Maria Dirtl: https://www.instagram.com/theresamariadirtl/

Hi, ich bin Nicole und die Chefredakteurin von unserem Magazin Die Zeitlos. An der Universität Innsbruck studiere ich im Master Medien sowie im Master Gender, Kultur und sozialer Wandel. In meiner Freizeit bin ich mal mehr sportlich, mal weniger sportlich. Schreiben und journalistisches Arbeiten zählen definitiv zu meiner größten Leidenschaft. For more Information: folge einfach den Verlinkungen!