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Raum-los

Vor zwei Jahren war ich im Petersdom. Weißt du, wo der ist? Warst du da schon mal?

Vor zwei Jahren war ich im Petersdom, legte den Kopf in den Nacken und hatte das Gefühl zu explodieren, so groß und gleichzeitig klein fühlte ich mich.
Vor zwei Jahren war ich im Petersdom und versuchte alles aufzusaugen was ich sah, versuchte alles in mir aufzunehmen und nichts zu übersehen. Und ich fühlte mich hilflos, weil ich nicht mal hier alles sehen konnte, im Petersdom, der im Vergleich zum Universum doch so klein ist. Ich fühlte mich schwach, weil ich bemerkte, dass ich niemals alles wissen würde, dass ich niemals alles wahrnehmen würde und, dass ich niemals alles sein könnte, was ich will. Denn ich will so viel, ich will im Petersdom sein, aber auch gleichzeitig das Universum sehen, ich will in Rom sein, aber gleichzeitig zu Hause, ich will lernen, aber gleichzeitig faul sein, ich will mich selbst lieben, aber mich gleichzeitig optimieren. Ich will selbstständig sein und doch nicht verantwortungsbewusst, ich will geliebt werden und kann nicht lieben. Und hier, im Petersdom, bemerkte ich, wie grenzenlos alles ist. Ich fühlte mich, als könnte ich durch Wände gehen, weil ja nichts beschränkt ist, weil alles klein und alles groß ist. Aber – nein. Ich kann nicht durch Wände gehen. Und nein, ich kann nicht alles gleichzeitig sein.

 

Vor zwei Jahren war ich im Angelico18. Kennst du das? Warst du da schon mal?

Vor zwei Jahren war ich im Angelico18 in der Nähe vom Petersdom und es war warm und ich bestellte einen Cocktail in gebrochenem Italienisch. Vor zwei Jahren war ich im Angelico18 in der Nähe vom Petersdom und bemerkte, dass ich zwar in der Schule mit dem Unterrichtsfach Italienisch nichts anfangen konnte, aber, dass es im Nachhinein schon ganz praktisch gewesen wäre, wenn ich ein bisschen aufmerksamer mitgearbeitet hätte. Ich bemerkte, wie gern ich verstanden hätte, was die Frauen am Nebentisch sagten und warum sie lachten und was der Schriftzug über der Bar bedeutete. Ich bemerkte, wie interessiert ich an der Getränkekarte war, aber leider wusste ich nicht genau, was draufstand und so bekam ich einen Cocktail der leider nach Tomaten (pomodori) und nicht nach Erdbeeren (fragole) schmeckte. Ich ärgerte mich, dass ich das nicht früher bedacht hatte, ärgerte mich, dass ich so eingeschränkt war und so begrenzt. In dem Moment bemerkte ich, dass ich genau das ja immer noch machte, dass ich nur lernte, um zu lernen, nicht um zu wissen. Dass ich nur hier im Angelico18 in der Nähe vom Petersdom war, weil man doch einmal in seinem Leben im Petersdom gewesen sein muss, oder? Ich habe so unendlich viele Möglichkeiten auf dieser Welt, könnte überall hin, könnte alles lernen, alles sehen und alles erleben und bin doch so begrenzt in mir, dass ich hier im Angelico18 saß und nur hier war, weil es irgendein/e InfluencerIn auch war und gesagt hat, es lohne sich, hier mal gewesen zu sein. Ich bin so frei in der Welt aber so begrenzt in mir, dass ich nicht selbst denke, nicht selbst sehe und nicht selbst erlebe. Und – ich habe den Pomodori-Cocktail aus Frust doch getrunken und mich dann so lange durch die Karte probiert, bis ich etwas gefunden hatte, von dem ich dachte, es schmeckt nach Fragole.

 

Vor zwei Jahren bin ich durch die Via Crescenzio nach Hause gegangen. Kennst du die? Warst du da schon mal?

Vor zwei Jahren bin ich durch die Via Crescenzio vom Angelico18 in der Nähe vom Petersdom nach Hause gegangen, oder vielleicht auch getaumelt, ich weiß es nicht mehr – also war es wohl eher taumeln.
Vor zwei Jahren bin ich durch die Via Crescenzio vom Angelico18 in der Nähe vom Petersdom nach Hause gegangen und ich fühlte mich verloren, in dieser fremden Stadt, ich fühlte mich klein und unbedeutsam und unwohl in diesem warmen Land, mit diesen lauten Menschen und den fremden Gerüchen. Und mir fiel auf, dass ich mich, ganz egal wo ich bin, nie zu Hause fühlte, nie angekommen fühlte, weil ich in mir noch nicht angekommen war. Weil der Raum in mir nach wie vor noch zu leer ist und ich zu wenig bin für ein Haus oder ein Zuhause. Ich kann nicht vor mir fliehen und auch nicht vor dem Gefühl der Leere, weil das nun mal ich bin. Der Raum in mir fühlte sich in diesem Moment so endlos an, so leer und still. Und so bin ich mit Tränen in den Augen durch die Via Crescenzio nach Hause getorkelt, das ja eigentlich auch nicht mein Zuhause war, sondern nur ein Bett auf Zeit, so wie alles auf Zeit ist, so wie alles temporär ist, außer das Zuhause in mir selbst.

 

Zuhause in dir selbst. Kennst du das? Warst du da schon mal?

 

 

 

 

Fotos:
Petersdom: Bild von Volker Glätsch auf Pixabay  (Link zum Bild)
Getränke: ©Mira Krenn