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Mexikanischer Biathlon in Innsbruck

Chris und Raúl- Das Mexikanischer Biathlonteam

Innsbruck ist ein Paradies für Wintersportler und es ist nicht ungewöhnlich, einige Spitzensportler zu treffen. Es gibt aber zwei besonders ungewöhnliche Athleten. In dieser Stadt lebt und trainiert nämlich auch das mexikanische Biathlon Team Chris und Raúl.

Chris Gómez kam aus Liebe nach Österreich. Er stammt aus Puebla und ist seit etwa fünf Jahren in Tirol. Raúl Antonio Figueroa, geboren in Chiapas (dem letzten Bundesstaat vor der Grenze zu Guatemala), im Regenwald, wuchs in Mexiko-Stadt auf. Er kam vor fünf Jahren nach Österreich, um Arbeit zu suchen, angezogen „von der wirtschaftlichen und sozialen Sicherheit“, nachdem er in Deutschland studiert hatte. Wir haben mit Raúl gesprochen, um zu erfahren, wie sie dieses Abenteuer meistern. Die zwei lernten sich kennen, als Raúl in München lebte. Er lief durch den Englischen Garten und hörte eine Gruppe Leute cool reden. Chris war einer von ihnen und sie blieben in Kontakt.

 

Die Zeitlos: Wie haben Sie mit dem Wintersport begonnen? Ist das etwas, das in Mexiko üblich ist? Ist es möglich, dort Wintersport zu betreiben?

Raúl Antonio Figueroa: Dafür muss man in Mexiko sehr mutig sein, denn dort gibt es keine Rettungshubschrauber. Dort wird man keine Expedition oder etwas sehr Wildes machen. Da es also sehr wenig Ausrüstung und sehr wenige Unternehmen gibt, die sie herstellen, muss man in einer sehr guten wirtschaftlichen Position sein oder ein Ausländer sein, der Wintersport treiben will. Es ist sehr seltsam, dass du mich nicht vom Strand weggeholt hast. Eigentlich bin ich Surflehrer und Chris ist Windsurfer. Für mich gab es praktisch nur Strand, Strand, Katamarane, Angeln, Tauchen… nichts was mit ‑15oC zu tun hat, nicht einmal mit weniger als +15oC. Für Chris war das Tanzen, Tanz und Choreografie sehr wichtig. Das war sein Ding: die Unterhaltung, das Theater, die Show. Ich habe schon immer viel trainiert. Als ich klein war, bin ich viel geschwommen und habe alles gemacht, was mit Wasser zu tun hatte. Ich bin gesurft und bis ich 21 war, habe ich Rugby gespielt.

Raúl-MexikanischerTeam-InnbruckJänner2020

©Mexikaner Biathlonsteam

Für mich ist der Winter der Tod, jeden Winter sterbe ich. Es ist die Saison, in der alles zu einem Charlie Chaplin-Film wird – schwarz-weiß. Plötzlich ist alles grau. Der einzige Weg, wie der Winter Spaß

macht, ist Wintersport zu treiben. Man entdeckt immer mehr Dinge. In den letzten zwei bis drei Jahren haben wir angefangen, viel Snowboarden zu gehen und Skitouren zu machen. Wir haben begonnen, eine ganze Reihe von Wintersportarten zu machen, genau wie im Sommer, Herbst und Frühling. Es ist wie ein Disneyland für Erwachsene.

Wie kam die Idee, zu den Olympischen Spielen zu gehen? Ist das ein Kindheitstraum?

Ich wurde für die mexikanische Olympiamannschaft im Rugby angeworben, aber ich brach mir den Rücken und das war’s. Und solange nicht Reggaeton bei den nächsten Olympischen Spielen zur Disziplin würde, glaubte ich nicht, dass das etwas für Chris wäre. Es fing alles an, als wir zum Fest des Almabtriebs gingen. Bei den Attraktionen des Jahrmarktes, wo wir bei der Bude mit den Entchen standen, sagte jemand: „Ihr solltet euch für den Biathlon bewerben“, und trotzdem wir getrunken hatten, habe ich diese Idee nicht vergessen. Was ist Biathlon? Wir haben angefangen zu googeln: Okay, Biathlon ist Langlauf und Schießen. Okay, es gibt niemanden, der das in Mexiko macht. Es gibt nicht einmal einen Verband dafür in Mexiko.

In Mexiko wachsen die Chancen nicht auf Bäumen. In Mexiko sieht man eine Wolke und muss die Flügel nehmen, die man kriegt, um sie zu erreichen. Und wenn es irgendeine Chance gibt, geben wir unser Bestes.

Haben Sie irgendeine Art von institutioneller Unterstützung?

Die ersten drei bis vier Monate war es eine halbe Einzelmission, weil Chris motiviert war, aber Raúl oft Dinge einfach sagt. Aber als ich nach Mexiko kam, bin ich einfach zum Olympischen Sportbüro gegangen, habe mich vorgestellt und gesagt, ich will Biathlet werden. Sie lachten mich aus – sie wussten nicht, was Biathlon ist… Schließlich kam ich auf digitalem Weg zu einer E-Mail-Adresse, die ski-mexico@gmail.com lautete und sehr dubios war. Jemand antwortete mir, dass er der Präsident des olympischen Sports in Mexiko sei. Im Januar 2019 sagt er, wir würden den mexikanischen Biathlon-Verband gründen und ich sagte ihm, nimm Chris und mich. Als der Verband dann gegründet wurde, mussten wir es erst lernen, denn wir hatten es noch nie in unserem Leben Biathlon gemacht. Aber wir waren mexikanische Athleten.

Hat Ihr Training ein Geheimnis? Wie bereiten Sie sich vor? Und wie bereitet man so etwas vor, während man Vollzeit arbeitet?

Zwei Maß Bier am Tag, ein Glas Tequila am Abend, und zum Abschluss schmeißt du dir noch drei Tacos rein, dann bist du bereit (lacht). Nein, im Jahr 2019, als das alles begann, waren wir aktive Menschen. Als wir dann aber zum ersten Mal auf die Skier stiegen und nach zwei Stunden erschöpft waren, erkannten wir, dass wir Hilfe brauchten.

Aber im ersten Winter, wer hilft einem da schon? Erst im Oktober 2019 wurden wir von der IBU (Internationale Biathlon Union) akzeptiert – und das hat uns viele Anrufe, WhatsApp-Nachrichten, E-Mails und E-Mails mit Anrufen gekostet… Nachdem wir endlich akzeptiert wurden, hatten wir uns das anders vorgestellt. Unsere Trainer haben uns gesagt, dass wir 16 Jahre zu spät dran sind.

Die Vorbereitung eines Biathleten ist eine intergalaktische, eine kosmische Reise. Es ist eine der Sportarten mit der größten körperlichen Belastung: Man muss seine Herzfrequenz sehr stark erhöhen, um sie dann schnell wieder zu senken und die fünf Schüsse zu schaffen. Man muss ein intelligenter Mensch sein und einen kühlen Kopf bewahren.

Normalerweise trainiert man 15-20 Stunden pro Woche, zwei Einheiten pro Tag, mit verschiedenen Methoden, obwohl wir, da wir arbeiten, manchmal etwas weniger machen. Es ist eine lange Vorbereitung, bei der wir Übungen mit geringem Gewicht und Übungen zur Senkung der Pulsfrequenz kombinieren. Das allein sind schon viele Stunden Training.

©Mexikaner Biathlonsteam

Unsere Firmen sind fasziniert und haben uns für die ersten Rennen sogar gesponsert. Aber man muss sehr organisiert und sehr methodisch vorgehen. Der Schlüssel zum Erfolg ist die Organisation, positiv zu denken und die Motivation langfristig zu erhalten.

Sie haben sowohl Facebook als auch Instagram und sind beide ziemlich aktiv. Welche Bedeutung haben die sozialen Netzwerke für Sie?

Soziale Medien sind für uns alles: Sie sind die Art und Weise, wie wir unsere Sponsoren, unsere Coaches, die Unterstützung von der Regierung und von staatlichen Stellen bekommen haben. Für uns ist also Social Media sehr wichtig, aber auf diese Weise haben Chris und ich auch eine fixe Sache: Es ist nicht das Team von Raúl und Chris, sondern es ist der mexikanische Biathlon-Verband, dessen Ziel es ist, Chris und Raúl als Pioniere dieses Sports zu haben. Und dass vielleicht in 5, 10 oder 15 Jahren jemand kommt, der wirklich gut ist. Das Wichtigste ist das Team.

Wie wird ein solches Projekt finanziert?

Am Anfang muss man alles schlucken. Man muss alles selber zahlen. Zu aller erst muss man fest daran glauben. Letztendlich haben uns die Leute unseren Platz gegeben.

Die ersten Rennen wurden sowohl von meiner als auch Chris’ Firma gesponsert und dank der sozialen Medien und der Crowdfunding-Kampagne sind wir immer bereit für weitere Rennen. Oft haben uns die Leute, auch wenn sie nicht gespendet haben, einen Kontakt vermittelt. Jetzt gibt uns Salomon die Ausrüstung, Glorify die Brillen; ein paar lokale Firmen und mexikanische Firmen unterstützen uns auch.

Haben Sie einen Kriegsschrei oder ein Ritual, bevor Sie zu einem Rennen gehen?

Wenn wir uns treffen, sagen wir normalerweise drei Dinge (lacht):

Für dich, für mich, für Mexiko.

Was ist Ihr Ziel mit diesem Projekt?

In Mexiko gibt es einen Trend, der lautet: MEX I CAN. Jeder Mexikaner, der etwas erreicht, tut

das wegen MEX I CAN. In der Geschichte gab es schon so viele Wintersportler, die keine Mexikaner sind, die nicht einmal Spanisch sprechen. Wir finden, es reicht! Wir wollen, dass die Vertretung bei den Olympischen Winterspielen ein ‚MEX and Furious‘ wird. Wir motivieren die Leute wirklich. Nicht nur in Innsbruck. Wir wollen etwas Ernsteres, Motivierenderes machen. Wenn man das tun will, muss man sich dazu bringen. Man hat die Möglichkeit, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und zu sagen: Ich kann das. Trotz des Spotts und der Kommentare.

In der letzten Ausgabe der Spiele hat man eine olympische Mannschaft mit einem Trikot mit Catrina-Motiven und Mariachi-Inspiration gesehen. Wird Ihre ähnlich sein?

Dieses Trikot wurde von einem Deutsch-Mexikaner, Hohenlohe, entworfen. Er hat alle Stereotypen zusammengefügt und die Sportler fast als Kämpfer verkleidet. Wir lieben die Totenköpfe für das, was sie repräsentieren, für den Tag der Toten und für alles, was sie im Sinne der Wiedergeburt darstellen und dass die Energie weiterfließt. Deshalb haben wir unsere kleinen Totenköpfe auf unserer Uniform. Für uns war es wichtig, dass es etwas Buntes ist. Wenn Sie die Uniformen anderer Teams betrachten, sind sie in sehr schlichten Farben und repräsentieren unsere Persönlichkeit nicht. Wir sind ein Team mit viel Herz – das müssen wir fördern. Unsere Mission ist es, zu probieren und zu repräsentieren; wir wissen, dass wir nicht gewinnen werden, weil wir 30 Jahre zurückliegen. Aber was wir tun können, ist das, was die Olympischen Spiele machen: den besten Athleten jeder Nation antreten lassen. Schließlich ist es das, was die jungen Generationen motiviert: zu wissen, dass es möglich ist. Man muss ihn erst suchen, man muss an ihm arbeiten und man muss sich das Leben schwer machen, aber es gibt einen Weg.

Wenn Sie eine Medaille bekommen, wo ist die Feier? In Innsbruck oder in Mexiko?

©Mexikaner Biathlonsteam

Wenn ich eine Medaille gewinne, wow… wenn ich eine Medaille gewinne, dann will ich nicht zurück nach Innsbruck, sondern dauerhaft in Mexiko leben.

 

Raúl und Chris nahmen im Jahr 2020 an ihren ersten drei Rennen teil. Und obwohl viele Rennen  wegen der Pandemie abgesagt wurden, bereiten sie sich weiterhin auf die Rennen im Jahr 2021 vor, bei denen sie zum ersten Mal gegen die Besten dieser Disziplin antreten werden. Um ihr olympisches Abenteuer zu verfolgen, könnt ihr euch auf Facebook und Instagram auf dem Laufenden halten @biathlon.team.mexico.

Fotos: ©Mexikaner Biathlonsteam