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Die Leere in uns

Wir haben alles und wollen trotzdem immer mehr; wir sind nie zufrieden und befinden uns in einem Teufelskreis, dem nur schwer zu entkommen ist. Dennoch können wir uns zu unseren Wünschen jederzeit bedenkenlos kritisch verhalten, wir müssen uns ihnen nicht unterwerfen. „I had a dream, I got everything I wanted, it might have been a nightmare” singt die US-Amerikanerin Billie Eilish, untermalt mit melancholischen Tönen. Bietet die Nichterfüllung womöglich die Erfüllung, die wir suchen?

Es fällt uns oft schwer, unsere wahren Bedürfnisse zu erkennen und darüber nachzudenken, warum diese Bedürfnisse unerfüllt bleiben – wir machen meist einen großen Bogen darum, uns damit bewusst zu beschäftigen. Mittel zur kurzfristigen Flucht aus dieser Problematik gibt es viele. Das kapitalistische System bietet eine Fülle an Möglichkeiten, um sich abzulenken. Es kanalisiert sie in Form von Beschäftigungen, die man unter den allseits bekannten Begriffen Arbeit und Konsum zusammenfassen kann. Vielleicht liegt die Erfüllung eventuell doch im neuen Smartphone, für das so manch eine*r nächtelang vor dem neuen Flag-ship-Store in der Stadt campiert hat.

Schriftsteller*innen und Philosoph*innen wissen schon lange, dass die meisten unsere Wünsche nicht ebenso natürlich sind wie unsere elementaren Bedürfnisse Hunger oder Durst. Denn subjektive Wünsche sind oft geprägt von den gesellschaftlichen Diskursen, die unsere Vorstellungen beeinflussen, sie leiten, lenken – und manipulieren. Nicht zu unterschätzen ist dabei die gewaltige Einflussmacht des Geldes.

Wer regiert wen

Geld ist per se ziemlich unspektakulär, ein paar Stücke eines Metalls, bedrucktes Papier und ein paar Zahlen auf einem Bildschirm, dennoch zählt es zu den größten Erfindungen der Menschheit. Neben der wirtschaftlichen hat es ohne Zweifel auch immer eine psychologische und soziale Bedeutung. Geld beeinflusst unser Leben, unsere Gefühle, unser Denken und Handeln auf mannigfache Weise. Manches davon ist uns bewusst, all dem, was aber im Unterbewusstsein passiert, sind wir nicht mächtig. Eine rein objektive Beziehung zu Geld zu haben ist kaum vorstellbar, denn es ist immer auch mit gewissen Emotionen besetzt. Geld ist quasi eine Projektionsfläche unserer Innenwelt: wir Menschen haben uns im Laufe der Zeit dazu entschieden, dass es für Erfolg, Sicherheit, Freiheit und Anerkennung steht, aber auch für Abhängigkeit, Isolation und Ängste – eine große Rolle spielen dabei auch oft Gefühle wie Stolz und Neid. „Unsere Beziehung zu Geld ist voller Emotionen. Wir begehren es, wir pflegen eine sinnliche Beziehung zu ihm und erhoffen durch das Geld die Befriedigung unserer geheimsten Wünsche. Wer hier wen regiert ist allerdings fraglich.“ resümiert Silvia Breier, ehemalige Bankerin und jetzt psychologische Beraterin. Die Erfüllung emotionaler Bedürfnisse durch Geld sei oft nicht von langer Dauer – und reiche Menschen sind nicht per se glücklicher als Arme.

Ein bisschen mehr

Die moderne Gesellschaft hat dennoch das zwanghafte Verlangen nach unnützen Dingen, die mit Geld erwerblich sind und als Mittel zum Glück dienen sollen. In der heutigen Überflussgesellschaft arbeiten Menschen nicht, um gemeinschaftlich gut leben zu können. Sie arbeiten, um ständig Neues zu produzieren, das wieder gekauft werden kann. Wir befinden uns in einem Teufelskreis, einem immerwährenden Hamsterrad, in dem wir bis zum Tod durch Ermüdung laufen. Das war der Grund, warum der Philosoph Herbert Marcuse das Versprechen der Aufklärung – die Befreiung von überflüssigen Zwängen – für gescheitert erklärte. Die Macht des Kapitalismus, alle zu beglücken, die eingeführte Ökonomie der Wünsche, die pausenlose Produktion von Waren; all das habe den westlichen Menschen in eine Knechtschaft geführt. Der Markt produziert nicht mehr nur Gebrauchswaren, sondern versucht, all die angebotenen Dinge mit Bedeutung zu überladen. Gutes Marketing ist es dann, wenn Dingen ein kultureller Mehrwert auferlegt wurde. Alles dafür, dass Konsument*innen glauben, dieses Produkt mache sie erst richtig lebendig, erfülle ihre verspürte innere Leere mit etwas lang Ersehntem – zumindest für einen Moment.

Denn selbst wenn die vermeintlichen Wünsche durch Materielles erfüllt werden, bleibt tief im Inneren dennoch dieses künstlich aufrechterhaltene Begehren nach mehr. Niemals kommt dieses Verlangen zur Ruhe, und was auch immer erreicht wird, es scheint nie das Wahre und das Ganze zu sein. Jedes Mal öffnet sich mit der vorerst befriedigenden Erfüllung von Wünschen ein Abgrund und eine einschüchternde Dunkelheit, aus der die Unzufriedenheit hallt; eine Leere, die immer neu und immer anders mit Dingen gefüllt werden muss. Ein „nimmer sattes“ Monster, dass in uns allen lebt.

Noch ein bisschen mehr

Der Kapitalismus ist deshalb so erfolgreich, weil es ihm gelingt, diese Leere für einen vergänglichen Augenblick zu füllen und den ewigen Wunsch nach dem Mehr für einen flüchtigen Moment zu befriedigen vermag. Der Markt verkörpert das Paradies an Waren, bietet die verbotenen Früchte, die uns zur Erkenntnis führen sollen. Doch all die bunten, schimmernden, scheinenden Konsumgüter, die die Regale zieren, führen nicht zum Glück, nicht zur Erfüllung. Wenn einem das vor Augen geführt wird, entsteht meist bedrückende Stille wie in einem luftleeren Raum. Der Mensch verfällt in dieser aufkommenden Stille in Panik, dass die plötzlich bemerkbare innere Leere droht, ihn zu verschlingen und lenkt sich erneut mithilfe von Konsumgütern ab.

1900 erschien passend hierzu Georg Simmels Buch mit dem Titel Philosophie des Geldes. Darin beschreibt der Soziologe den doppelten Effekt des Geldes: einerseits ist es wie ein irdischer Gott – ein großer Vermittler, der alles mit allem verbindet und unsere Freiheit im Umgang mit der Welt und den Dingen auf eine vollkommen neue, unerhörte und früher unbekannte Weise steigert. Andererseits ist Geld in der modernen Gesellschaft ein symbolisches Medium, es ist also nicht nur ein Zahlungs-, sondern zugleich ein Weltdeutungsmittel. Ist also Geld der Stoff, aus dem die Wünsche sind? Simmel reagiert mit seiner Studie auf den Siegeszug der Konsum- und Massenkultur, die zu dieser Zeit ihren Aufschwung erlebt.

Vielleicht noch ein bisschen mehr

Wenn also das Ziel nicht erreicht werden kann, die Leere in sich durch Kauf und Konsum zu füllen, braucht es andere Möglichkeiten, dennoch Glück zu verspüren; Wege, um das Gehirn auszutricksen, einfach vorzutäuschen, dass man glücklich sei. Die Soziologin Eva Illouz befürchtet in ihrem Buch Wa(h)re Gefühle, der Konsumkapitalismus dringe in „die geheimsten Winkel der Tinder-Seele und zerstöre ihre Bindungsfähigkeit“. Per Dating-App, so schreibt sie, werben Glückssucher*innen neue Partner*innen an, um diese nach temporärem Gebrauch oder spontanem Nichtgefallen gegen neue Wunschobjekte auszutauschen.

Soweit ist es also schon gekommen, dass Mensch sich seinesgleichen als etwas Glücklichmachendes und als Endorphinspender bedient. Sobald die eigene Begierde – in welcher Form auch immer – gestillt ist, kommt das Verlangen nach etwas Neuem, nach mehr. Kann die Erfüllung und das wahre Glück also überhaupt noch erreicht werden?

Jetzt ist es zu viel

Die breite Masse der Bevölkerung ist davon überzeugt, dass die vorherrschende Gesellschaft und ihre Systematik die beste aller möglichen sei, welche man nur an wenigen Stellen korrigieren müsse. Trotz Klimawandels, Umweltzerstörung, Flucht, Verfolgung, Vertreibung, Krieg und sozialer Verwerfung halten die wenigsten es für notwendig, die Wirkungsweisen dieser „aufgeklärten“ Gesellschaft zu hinterfragen. Der Glaube daran, dass die negativen Folgen mittels Verschiebung von Geld in den Griff bekommen werden können, ist allgegenwärtig.

Der Klimawandel, eine globale Pandemie, Krieg, Verfolgung und Flucht – alles Zeichen, die wahrgenommen werden sollten. Wir zerstören uns, indem wir unseren Planeten zerstören. Wir zerstören unseren Planeten, indem wir uns zerstören. Ein kritisches Hinterfragen der geltenden Normen und dem ominösen und omnipräsenten System namens Kapitalismus wird benötigt; alles schreit nach einem Wandeln, gegen den sich noch fast alle sträuben. Dann, vielleicht, wenn sich unsere Blicke klären, können wir endlich sehen, wie wir die Leere in uns füllen können. „I had a dream, I got everything I wanted, it might have been a nightmare”.

 

© Edward Howell

 

Beitragsbild: © Jon Tyson via unsplash.com

Bild: © Edward Howell via unsplash.com

Hi, ich bin Nicole und die Chefredakteurin von unserem Magazin Die Zeitlos. An der Universität Innsbruck studiere ich im Master Medien sowie im Master Gender, Kultur und sozialer Wandel. In meiner Freizeit bin ich mal mehr sportlich, mal weniger sportlich. Schreiben und journalistisches Arbeiten zählen definitiv zu meiner größten Leidenschaft. For more Information: folge einfach den Verlinkungen!