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Ein Ausflug ins gelobte Ländle

Eine geöffnete Gastronomie bedeutet für den Menschen auch soziale Freiheit. Um dieses Gefühl nach 5 Monaten geschlossener Gastronomie wieder erfahren zu können, machte ich mit Freund*innen einen Tagesausflug nach Feldkirch in Vorarlberg.

Da die Neuinfektionszahlen im Ländle im Vergleich zum Rest Österreichs in den letzten Wochen eher gering sind, entschied sich die österreichische Bundesregierung für die Öffnung der Gastronomie in Vorarlberg ab dem 15. März. Um an einen der Vier-Personen-Tische in Vorarlbergs Gastroszene zu kommen, muss man ein negatives Testergebnis vorweisen können und sich im Lokal online registrieren.

Der Weg ins Ländle

Der Ausflug begann bereits damit, dass ich den Zug, mit dem wir alle gemeinsam fahren wollten, verpasste und eine Stunde gelangweilt am Hauptbahnhof in Innsbruck verbrachte.

„Eire Maschkn sein koane Tischtiacher, Ellbognschoner oder Stirnlampln!“

Mit diesen Worten begrüßte der Triebfahrzeugführer eine Stunde später seine maskierten Fahrgäste im Railjet durch den Lautsprecher. In den folgenden zwei Stunden Zugfahrt mit mir selbst, stellte ich mir mit müdem Blick aus dem Fenster immer wieder die Frage, ob es Sinn macht, die Bundesländergrenzen auch als Virusgrenzen zu definieren. Die Waggons des Railjets, welcher von Wien nach Bregenz fuhr, waren wie ausgestorben. Gibt es keine Pendler*innen mehr oder bleiben wirklich alle zu Hause mit Home-Office und Take-away? Theoretisch könnte der Gastrotourismus nach Vorarlberg ja jetzt wirklich ein Ding werden, denn die Österreicher*innen brauchen ihr Beisl, oder etwa nicht?

Der Blick nach Freiheit aus dem Railjet

Glücksgefühle im Ländle

Im sonnigen Feldkirch angekommen, begebe ich mich auf den Weg zum ersten Lokal des Tages. Beim Beobachten der Feldkirchner*innen bilde ich mir ein, häufiger als in Innsbruck ein Lächeln in den Gesichtern der Menschen zu erkennen. Sind das bereits die Frühfolgen der Gastro-Lockerungen oder treten die erst nach 14 Tagen* auf? Als wir etwas später im Lokal sitzen und alle ein Bier zur Seite haben überkommt es mich: „Oh danke du Bundesbasti, dass du mir diesen Ausflug gewährst!“, rutscht es mir raus. Das Privileg so nah am gelobten Ländle wohnen zu dürfen und somit nur eine kurze, kontrollfreie Anreise zu haben, hat nicht jede*r Österreicher*in. Die Stimmung in der Gruppe gleicht ein bisschen der Stimmung beim ersten Festival im Sommer mit Temperaturen um die 30º und lauwarmen Dosenbier. Die sozialen und alkoholischen Bedürfnisse nach Exzess konnten jetzt bereits fünf Monate lang nicht in Bars und Cafés gestillt werden und das spürt man. Wir sitzen um 15:00 Uhr in einem „altösterreichischen“ Gasthaus, das wirkt als sei es nur für Tourist*innen eröffnet worden, trinken ein Bier nach dem anderen und warten nur darauf, dass der erste Akt endlich losgeht oder zumindest mal endlich eine Vorband kommt.

*der Ausflug fand am 23. März statt

Feldkirch: ein Ort der Glücksgefühle

Weniger Neuinfektionen durch Öffnungsschritte?

Doch macht die Öffnung der Gastronomie denn überhaupt Sinn oder werden die Neuinfektionen gerade deswegen im gelobten Ländle in den kommenden Wochen wieder hinaufschnellen? Momentan befinden wir uns in einer schwierigen Phase der Pandemie. Viele halten sich nicht mehr an die Ausgangssperren oder Personenbeschränkungen und ignorieren einige der geltenden Regeln. Mit häufigen Gesetzesänderungen und Skandalen, wie unter anderem mit der Hygiene Austria oder der Impfstoffbeschaffung, hat die Bundesregierung einen gewissen Vertrauensvorschuss verspielt. Die Frustration in der Bevölkerung ist dementsprechend hoch und die Motivation sich an die Regeln zu halten gering. Man muss den Menschen Perspektiven, wie die Öffnung der Gastronomie mit klarem Präventions- und Hygienekonzept, bieten. Das fordert auch der Public-Health-Experte Hans-Peter Hutter in einem Interview der 11. Ausgabe der Wiener Wochenzeitung „Falter“:

„Wir haben zwei Möglichkeiten: den Lockdown verschärfen und das Land ganz zusperren oder der Bevölkerung mit kreativen Maßnahmen Sozialkontakte, Kultur und Sport ermöglichen. Zweiteres wird eher erfolgreich sein.“

Hutter bezieht sich vor allem darauf, dass sich Menschen für den Besuch eines Lokals an einem Vierertisch testen lassen müssten. Sie tun es allerdings nicht, wenn sie sich privat mit mehreren Personen zu Hause treffen. Dazu kommt, dass man in den warmen Jahreszeiten hauptsächlich sowieso in Gast- bzw. Schanigärten konsumiert.

Fazit für Feldkirch

Nach einigen Bieren in insgesamt drei verschiedenen Lokalen, Spaziergängen durch den wunderschönen Ort und vielen Gesprächen mit sehr sympathischen Kellner*innen, finden wir uns am Bahnhof Feldkirch wieder und warten auf den Railjet, der uns wieder nach Virol bringen soll. Doch hat sich der Ausflug denn überhaupt gelohnt? Kann ich das Abenteuer weiterempfehlen? Auf jeden Fall, allerdings darf es nicht normal werden, in andere Bundesländer zu fahren, um in der Gastronomie zu konsumieren. Wir konnten in Vorarlberg ein Stück unserer sozialen Freiheit wiederentdecken, indem wir in verschiedenen Lokalen beim Essen und Trinken redeten, lachten, diskutierten und schimpften. Ein bisschen so wie früher halt. Deswegen kann ich nicht mehr darauf warten bis die Gastronomie auch bei uns mit sinnvollem Präventions- und Hygienekonzept (hervorzuheben ist die Antigen-Testpflicht) wieder aufsperrt und uns damit ein Stück Normalität zurückgibt. Vielleicht könnte dies sogar dazu führen, dass die Neuinfektionen sinken werden. Ganz sicher aber wird es dazu führen, dass wir alle ein Stück unserer sozialen Freiheit zurückbekommen werden.

ein Innsbrucker der gerne diskutiert, lacht, raunzt, isst und trinkt!