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Aus dem Tagebuch einer Tinder-Skeptikerin

Der Online-Dating Markt boomt und die Prognosen sind vielversprechend. Laut dem Digital Market Outlook ist im Jahr 2024 weltweit mit einem Online-Umsatz im Dating Services Segment Casual Dating von rund 792,5 Millionen Euro zu rechnen. Deutschlandweit wird ein Umsatz von rund 58,7 Millionen Euro erwartet. Doch warum ist Online-Dating so beliebt? Hier ein kleiner Einblick.

 

Wie funktioniert Tinder?

Hätte mich jemand noch vor ein paar Monaten gefragt, ob ich Tinder verwende, hätte ich vermutlich die Augenbraue hochgezogen und mit Vorurteilen um mich geworfen. Das Schwärmen einiger meiner Freunde weckte dann aber doch mein Interesse, so dass vor ein paar Wochen die Download-Liste meines Playstores um eine App ergänzt wurde. Ein paar Bilder und Worte zu mir, schon war der Account erstellt. Nachdem die ein oder andere Person aus eigener Unfähigkeit unabsichtlich gelikt wurde, stellte sich die Bedienung dann doch recht einfach heraus. Anstatt im echten Leben jemanden ansprechen zu müssen, bietet die App einem die Möglichkeit an, durch eine Auswahl an Personen zu blättern, die sich durch Fotos, mehr oder weniger philosophische Lebensweisheiten oder andere Informationen darstellen. Je nach Richtung, in die gewischt wird, kann ein Like oder eine Ablehnung ausgedrückt werden. Treffen zwei Likes aufeinander, kommt es zu einem dieser berühmt-berüchtigten Matches. Dem folgt das nächste Hindernis. Einer muss den ersten Schritt machen und schreiben. Smalltalk, ein schlechter Anmachspruch oder eine Bemerkung über eins der eingestellten Bilder des jeweilig anderen – jeder Nutzer scheint da sein eigenes Allheilmittel zu haben.  Ein Verweis auf die eigene Instagram-Seite, um eigentlich nur Follower zu sammeln, oder eine aufmerksame Begrüßung – beim Online-Dating erlebt man wirklich alles. Mein Favorit? Eine Auswahl aus lustigen Geschichten und Fun-Fakts, von denen ich mir eine aussuchen sollte, die er mir dann erzählt. Wenigstens kann man sich da nicht über mangelnde Kreativität beklagen.

Genügen einem diese Funktionen ist die App vollkommen kostenlos. Schaut man sich jedoch nochmal die Umsatzprognosen an, verwundert eins nicht – natürlich gibt es auch eine kostenpflichtige Variante, an was einen die App auch immer wieder erinnert. Versprechen wie „Finde heraus, wer dich mag“ und eine Vielzahl von unkenntlich gemachten Profilen, die einen anscheinend geliket haben, sollen uns locken, ein kostenpflichtiges Upgrade auf ein sogenanntes Tinder Gold zu abonnieren. Im ersten Quartal 2020 konnten 6,03 Millionen zahlende Nutzer der mobilen Dating-App verzeichnet werden.

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Ego Booster

Bei Verwendung hat die App tatsächlich, gerade am Anfang, ein gewisses Suchtpotenzial. So sehr ich die App auch immer etwas verurteilt habe und sie als oberflächlich abgestempelt habe, war ich doch neugierig. Bekomme ich da überhaupt Matches? Was sind da so für Menschen? In manchen Momenten erscheint es fast wie ein Spiel, in dem Matches wie Punkte gesammelt werden, eine Weile hin und her geschrieben wird, bevor sich das Gespräch im Sand verläuft und jemand Neues schreibt. Wieder ein Match mehr, das uns beweist, dass wir vielleicht doch nicht so uninteressant sind, wie wir vielleicht manchmal denken. Dass wir mehr Möglichkeiten haben, als uns vorher bewusst war. Welchem Ego würde das nicht guttun? Permanent Komplimente zu hören, offen bekundetes Interesse und zusätzlich neue Menschen kennen lernen – ein „Ego Booster“, der seit Beginn der Pandemie immer seltener geworden ist. Ein unschuldiger Flirt, eine kleine Selbstbestätigung – wer denkt da nicht, einen kleinen Hauch nostalgisch, an frühere Partys und Club-Besuche zurück?

 

Wirklich Platz für alles

Die Angebote auf der Plattform bietet eine Vielfalt an, die zwar manchmal etwas verstörend wirken, aber dennoch scheinbar einen Bedarf in unserer Gesellschaft decken. Jede Person bekommt dort die Möglichkeit entsprechend seiner eigenen Bedürfnisse und Wünsche seine*n Seelenverwandten* zu suchen. Von der wahren Liebe über die seltsamsten Vorlieben, bis zu dem Typen, der eigentlich nur einen Bierpong-Gegner sucht, lässt sich alles finden. Erfreulicherweise lässt sich die Absicht der jeweiligen Personen oft schon im Profil oder zu Beginn des Gespräches erkennen, was wohl der Grund dafür ist, dass meine Gesprächspartner deutlich sympathischer waren, als ich erwartet hätte. So befinden sich unter den Profilen zwar auch immer mal wieder Personen, deren Anzeige ich dann doch etwas befremdlich finde, doch Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und mit einem Wischer ist das Profil für immer verschwunden.

 

Finde ich nun auf Tinder die große Liebe?

Der irische Dramatiker George Bernard Shaw sagte einmal „Niemals ist ein langes Wort. Sag niemals nie.“ So mag ein Kennenlernen auf Tinder vielleicht nicht unserer idealisierten Vorstellung von Romantik und Liebe auf den ersten Blick entsprechen, die uns von klein auf durch Märchen und kitschige Hollywood-Filme vermittelt wird, ist aber ein Weg, der für viele genauso zum Ziel führt. Entscheidend ist ja weniger, wie die Liebesgeschichte anfängt, sondern was sich daraus entwickelt. Ich glaube zwar weniger, dass es jetzt unbedingt mein Weg zur großen Liebe ist, aber es ist eine interessante Alternative, durch die schon viele ihr Glück gefunden haben.

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