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„Es braucht den Mut zur Veränderung“

Die gebürtige Osttirolerin Jessica Mair kann bereits auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken. Momentan arbeitet die ehemalige Studentin der FH Kufstein als General Manager für die Exklusivmarken bei Intersport International in Bern. Bei einem ist sie sich sicher: Der Mut zur Veränderung hat zum Erfolg geführt. Ich habe mit der Tirolerin über ihren Berufseinstieg, Erfolge, Herausforderungen und das Arbeiten in internationalen Teams gesprochen.

Die Zeitlos: Erzähl uns doch kurz was du bis jetzt gemacht hast.

Jessica: Während meines Studiums habe ich als Praktikantin bei adidas in Deutschland angefangen zu arbeiten und verschiedene Positionen bis hin ins Produktmanagement durchlaufen. Ich habe gelernt wie große Unternehmen ticken, insbesondere in Hinblick auf ihre Struktur und Professionalität. Nach 6 Jahren war es Zeit wieder näher an den Alpen zu sein. Die Bergsportmarke Mammut hatte eine offene Position zu besetzen. So übernahm ich die Verantwortung über die Ski- und Kletterkollektion. Ab 2016 erhielt ich die Möglichkeit nach Kanada „auszuwandern“. Bei Arc`teryx habe ich den Innovations- und Design-Bereich unterstützt. Jetzt bin ich wieder zurück in der Schweiz, bei Intersport International und bin, gemeinsam mit meinem Team, für den kommerziellen Erfolg der Eigenmarken zuständig.

Die Zeitlos: Das klingt als hättest du schon einiges erlebt. Was hat deinen Werdegang besonders geprägt?

Jessica: Ich würde sagen der Mut, bekannte Bereiche zu verlassen und offen zu sein, in etwas völlig Neues einzutauchen. Andere Kulturen, Umgangsweisen und neue Arbeitsbereiche sind große Herausforderungen. Man muss sich in neue Situationen wagen, neue Dinge probieren, bevor man weiß ob man sie meistern kann. An den Herausforderungen wächst man entsprechend.  Entwicklung findet außerhalb der Komfortzone statt. Zudem lese ich sehr gerne Wirtschaftsfachbücher in meiner Freizeit und möchte neue Erkenntnisse aus der Theorie beziehungsweise „Best Practices“ von anderen Firmen im Unternehmen umsetzen.

Die Zeitlos: Was zeichnet dich als Person aus? Was sind deine Stärken?

Jessica: Ich kann sehr gut zuhören und versuche mich in die Lage anderer zu versetzen. Mein persönliches Credo ist „Support others, that they can support themselves“. Ich möchte Tools und Arbeitsprozesse oder Denkanstöße liefern, mit denen andere selbstständig weiterarbeiten können. Ansonsten zähle ich vernetztes und lösungsorientiertes Denken und Handeln zu meinen Stärken. Mein Chef hat mich beschrieben als jemanden,  der die Probleme entfernt wie Pac-Man *Lacht*; der Computer-Charakter aus den 80-er Jahren.

Die Zeitlos: Wie wichtig ist die eigene Einstellung für Erfolg im Beruf?

Jessica: Sehr wichtig. Das Wichtigste ist für mich ein Growth-Mindset. Also eine Einstellung, dass man permanent lernen kann, egal von wem. Ob dies ein Kind oder ein älterer Mensch, ein*e Vorgesetzte*r oder ein*e Praktikant*in ist. Man kann aus jeder Begegnung etwas mitnehmen. Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass man nicht perfekt ist. Fehler zu machen gehört dazu. Man lernt daraus. Ein gewisses Durchhaltevermögen, aber auch eine Widerstandskraft in turbulenten Zeiten ist zudem notwendig. Es geht nicht immer geradlinig, eher spiralförmig vorwärts. In manchen Situationen dreht man sich im Kreis. Darauf muss man sich einstellen.

Die Zeitlos: Du hast erzählt, dass du viel mit Leuten im Austausch bist und bereits verschiedene Teams geführt hast. Was macht ein funktionierendes Team aus?

Jessica: Diversität ist wichtig. So kommen verschiedene Ideen, Praktiken und Ansatzweisen zusammen. Dadurch wird man auch herausgefordert an sich selbst zu arbeiten. Ist ein Team zu homogen, befindet man sich irgendwann quasi im Stillstand. Momentan haben wir über 15 Nationalitäten in unserem Team aus Südamerika, Nordamerika und Europa. Aktuell habe ich, was den Background angeht, sicher das spannendste Team bisher. 

Die Zeitlos:  Das klingt aber auch nach einer großen Herausforderung. Wie hast du gelernt so ein diverses Team zu leiten?

Jessica: Ich glaube durch aktives Zuhören und Beobachten. Ich habe gelernt, dass es nicht nur EINE Führungsart gibt, die für alle funktioniert. Manche brauchen detaillierte Vorgaben und Prozesse. Andere fühlen sich dadurch eher eingeengt und liefern auch ohne diese Maßnahmen pünktlich gute Arbeit ab. Um das Beste aus einem Team zu holen muss man sich Zeit nehmen die Persönlichkeiten kennenzulernen und sich individuell an die Mitarbeiter/-innen anzupassen. Ich setze dann eben meistens auf den adaptiven sowie auf den kooperativen Führungsstil. Meiner Meinung nach ist die Zeit der hierarchischen Führungsperson vorbei.

Die Zeitlos: Eine Karriere wie deine kann man nicht planen. Glaubst du persönlich an Glück und den richtigen Augenblick?

Jessica: Ja, definitiv. Ich denke, es ist es wichtig, dass man bescheiden bleibt. Jeder von uns hätte an einem anderen Ort geboren werden können. Wir sind privilegiert, allein schon durch unsere Herkunft. In anderen Ecken der Welt hat man nicht so viele Möglichkeiten und Freiheiten, auch insbesondere als Frau. Ich hatte sicher eine Portion Glück, dass alles so gekommen ist wie es jetzt ist.   

Die Zeitlos: Wenn man dein Instagram Profil besucht, sieht man, dass du jedes Wochenende draußen unterwegs bist. Ist die Zeit in der Natur für dich,  als Ausgleich zum Job, wichtig?

Jessica: Ja, absolut. Berge und Natur geben mir die nötige Energie, neue Impulse, aber auch die nötige Ruhe, gewisse Entscheidungen zu treffen, Stress-Situationen auszubalancieren, Lösungen zu finden.

Die Zeitlos: Schaffst du es auch unter der Woche Sport in deinen, doch sehr stressigen, Alltag zu integrieren?  

Jessica: Das ist nicht immer einfach. Für mich funktionieren am besten Zeitblöcke im Kalender: Wenn ich also auch unter der Woche Laufen möchte, setze ich mir selbst einen Termin oder versuche gewisse Routinen zu befolgen. Zum Beispiel, 10 Minuten Yoga am Morgen bevor der Computer eingeschaltet wird. Am besten man setzt sich kleine Ziele, die einfach im Alltag umsetzbar sind.

Die Zeitlos: Bei deiner Karriere würde man sicherlich von Erfolg sprechen. Wie siehst du das?

Jessica: Früher wurde Erfolg oft durch einen guten Job oder viel Geld definiert. Heute sollte Erfolg über verschiedene Bereiche ausgedehnt werden. Job, Freizeit, Freude am Tun, physische und psychische Stärke und ein intaktes soziales Umfeld sollte in einem Gesamtkontext stehen. Bin ich erfolgreich? Nicht in jedem Bereich; und definitiv nicht immer.  Aber ich arbeite an mir. *Lacht*

Die Zeitlos: Du hast sehr viel Erfahrung sammeln können. Was würdest du jungen Berufseinsteiger*innen noch gerne mitgeben?

Jessica: Klare Ziele für sich zu formulieren und den Mut zu haben diese zu verfolgen. Behaltet Eure Lernfreude, Entdeckergeist sowie Gestaltungslust. Weiter probieren, weiter machen, theoretisch Gelerntes Schritt für Schritt in die Praxis umsetzen.  Und ganz wichtig: Verliert nicht den Glauben an euch selbst, trotz Niederlagen oder Rückschlägen. Wie sollen Eure Ziele erreicht werden, wenn ihr selbst nicht an Euch glaubt?

Fotos: Jessica Mair