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ZFN #1: Geld – Nährboden für die Klimakatastrophe?

Das 1,5°-Ziel des Pariser Klimaabkommens soll eingehalten und globale Klimagerechtigkeit erreicht werden – so simpel klingt die Forderung von Fridays for Future. Aber ihr Wunsch ist teuer. Die Europäische Union, die sich im Jahr 2050 als ersten klimaneutralen Kontinent rühmen möchte, muss in den kommenden zehn Jahren mindestens eine Billion Euro dafür in die Hand nehmen. Ihr ambitioniertes Ziel haben sie im Green Deal beschlossen. Wo sie dieses Geld drucken werden, sei dahingestellt.

Der teure Weg zum ersten klimaneutralen Kontinent

Zwischen 2021 und 2027 investiert die EU 150 Milliarden Euro, um allen EU-Mitgliedsstaaten einen gerechten Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu ermöglichen. Denn die EU möchte den Planeten seinen Kindern und Kindeskindern lebenswert und lebensfähig übergeben, so von der Leyen. Das ist ein teures und herausforderndes Unterfangen, für das sich die EU-Kommissionspräsidentin stark macht. Mit diesem Fonds werden Menschen in Europa, die von dem notwendigen Wandel besonders betroffen sind, gefördert. Beispielsweise können sie grüne Umschulungsmaßnahmen in Anspruch nehmen, um ihre Beschäftigungschancen langfristig zu erhalten. Unternehmen und Branchen in Co2-intensiven Tätigkeitsfeldern werden unter anderem durch Investitionen in Innovationen unterstützt. Die EU fördert außerdem Mitgliedsstaaten und Regionen, die besonders stark von fossilen Brennstoffen abhängig sind. Dafür investiert die EU im Rahmen ihrer Mobilitätsstrategie beispielsweise in emissionsfreie Autos und digitalisierte Verkehrssysteme.

Finanzieren möchte die EU das im Rahmen des vielversprechenden Green Deals:

Gerechte Klimafinanzierung auf dem Kipppunkt

In Afrika stehen ganze Landstriche unter Wasser, Dürren zerstören die Ernte und die Temperaturen steigen stärker an als in anderen Teilen der Welt. Afrika ist für drei Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, Europa für ein Drittel. Die Klimadebatte wird meist größtenteils von westlichen Protagonist*innen getragen. Die Presseagentur Associated Press hat die ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakate sogar aus einem Bild vom Weltwirtschaftsforum in Davos rausgeschnitten, auf dem sie mit Thunberg und anderen europäischen Aktivist*innen abgelichtet wurde. Klimagerechtigkeit ist das nicht.

Genauso unfair ist die Verteilung der finanziellen Mittel, um die Anpassungskosten an den Klimawandel zu stemmen. Klimagerechtigkeit wäre, dass die Industrienationen, die den Großteil der weltweiten Treibhausgasemissionen verursachen, die Anpassungskosten der Entwicklungsländer mittragen. Und das als kostenfreies Darlehen. Im Jahr 2010 haben sich die Industrieländer dazu verpflichtet, ab dem Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar an Klimafinanzierung bereitzustellen. Passiert ist wenig. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn statt Darlehen an die Schwellenländer zu vergeben, ziehen die Industrienationen selbst daraus Profit. Sie fordern das Geld von Klimakrediten zurück, mit Zinsen und zu Konditionen, die nicht einmal günstiger sind als auf dem freien Markt. Im Durchschnitt müssen die leidtragenden Länder 45% der Kredite an die EU zurückzahlen. Angeführt wird die Summe der Kredite von der Kohlenation Deutschland – mit „großzügigen“ 6,3 Milliarden Euro.

Jährlich sterben 800.000 Menschen weltweit vorzeitig an den giftigen Abgasen von Kohlekraftwerken.

Genug Geld ist vorhanden, wenn man die enormen Ausgaben in der Coronakrise betrachtet. Auch die EU kann plötzlich 750 Milliarden Euro für einen Corona-Aufbaufonds locker machen. Jedoch fließen dabei lobenswerte 30 Prozent in Klimaschutz und weitere 50 Prozent in Modernisierungsmaßnahmen, wobei bei Letzteren die Klimawende ebenfalls im Vordergrund steht. Das ist nicht nur in Hinblick auf das Klima weitsichtig, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Ein Beispiel: Je mehr erneuerbare Energien wie Photovoltaik in das europäische Stromnetz eingespeist werden und je höher die Preise für Treibhausgasemissionen werden, desto ökonomisch konkurrenzfähiger sind erneuerbare Energien. Folglich wird es realistischer, den Traum vom ersten klimaneutralen Kontinent zu verwirklichen und finanzieller Klimagerechtigkeit zumindest in der EU näher zu kommen.

„Wir können jetzt die Grundlagen legen für eine Union, die klimaneutral ist, die digital ist, die robuster ist und die sozial ist – besser aufgestellt als je zuvor. Wir sind das der nächsten Generation schuldig.“

(Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin)
Durch Investitionen in Windparks und andere erneuerbare Energien soll die Energiegewinnung aus fossilen Quellen langfristig vom Markt verdrängt werden.

Kostenreduktion durch großzügige Klima-Investitionen

Aus volkswirtschaftlicher Sicht macht es auf lange Sicht Sinn, Klimainvestitionen in großem Stil zu tätigen. Denn wenn die globale Erderwärmung so weiter geht wie bisher, dann schießen die Kosten für das Abfedern der Klimakatastrophe so in die Höhe wie die Temperatur unseres Planeten. Bereits jetzt sind die kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Kosten enorm. Denn um die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren, fallen für Industrieunternehmen, Hauseigentümer*innen, private Verbraucher*innen, Besitzer*innen von Ölheizungen und vielen weiteren große direkte Vermeidungskosten an. Beispielsweise können Bürger*innen ihr Haus sanieren lassen, damit es besser isoliert ist. So können sie 30 bis 50 Prozent der benötigten Energie zum Heizen einsparen. Der Haken daran ist, dass eine Dämmung der Hausfassade pro Quadratmeter je nach Art und Qualität der Isolierung zwischen 50 und 250 Euro kostet. Diese Beträge können viele Menschen schlicht nicht aufwenden.

Vor allem auf der Südhalbkugel der Erde ist der Klimawandel schon heute ein Fluchtgrund für Millionen von Menschen. Sie fliehen zum Teil über Grenzen hinweg aus ihrer Heimat, in der ihr Haus, in dem sie lebten, von den Wassermassen verschlungen wurde. Hungrige Selbstversorger*innen wandern vom Land ab in die Städte, weil ihre Nahrungsmittel auf dem ausgetrockneten Boden nicht mehr wachsen. Die UNO prognostiziert, dass in den kommenden 50 Jahren zwischen 250 Millionen und einer Milliarde Menschen weltweit auf der Flucht sein werden, um zu überleben. Auch wenn es nicht möglich ist, die Kosten für Asyl exakt zu beziffern, ist ein Vergleich an dieser Stelle angebracht. Im Jahr 2017 leben in Österreich 1,97 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund und knapp 25.000 Geflüchtete stellen einen Antrag auf Asyl. 2017 hat der Bund zwischen 2,1 und 3,1 Milliarden Euro für das Asylwesen ausgegeben, so viel wie 2016 für den gesamten Hochschulsektor. Es ist zu erwarten, dass der Klimawandel riesige Migrationswellen auslöst. Wer soll die Kosten für diese asylsuchenden Menschen tragen? Die Konflikte, die dadurch entstehen – Ressourcenknappheit und aufeinanderstoßende Kulturen sind nur zwei der unzähligen Gründe dafür – werden hier nicht erläutert. Als Kritik an den Schutzsuchenden soll dies ebenfalls nicht aufgefasst werden, denn diese sind nur Opfer der Klimagewalt durch die brutale Vernachlässigung politischen Handelns der Industrienationen.

Heute fliehen die meisten Menschen hauptsächlich vor Krieg und Gewalt in ihrem Heimatland. In Zukunft werden sich Millionen von Menschen auf die Flucht begeben, da die Lebensgrundlagen in ihrer Heimat wegen des Klimawandels zerstört wurden.

Aufgabe der Politik ist, die vielseitigen Interessen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Das heißt, Wirtschaft, Klimaschutz, globale Gerechtigkeit, politische Beziehungen, Einzelschicksale und viele weitere Interessen müssen unter einen Hut gebracht werden. Allerdings interessiert es die globale Erderwärmung nicht, dass viele der bisher getroffenen Entscheidungen und Verträge der Politik rein symbolisch sind und den Anforderungen der Klimakrise nicht einmal annähernd gerecht werden. Es geht – wie so oft – scheinbar immer nur um Geld. Die Politik wartet, der Klimawandel nicht.

Die Sozialbewegung Fridays for Future setzt sich seit 2018 für ein effektiveres Handeln in der Politik gegen den Klimawandel sowie für Klimagerechtigkeit ein.

ZFN – Zeitlos für Nachhaltigkeit – ist eine Artikelreihe, bei der wir Themen rund um den Klimawandel und Nachhaltigkeit in den Fokus stellen.