Drei Tage Fasten – ein Selbstversuch

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„Wenn der Feenbaum mal nicht mehr steht, ess‘ ich drei Tage nichts!“.

…Mit diesen Worten habe ich mir meine dreitägige Fastenzeit eingebrockt. Ja, das mag verrückt klingen. Aber nicht weit von dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, gab es bis vor einigen Tagen noch eine Buche, jetzt musste sie wegen Pilzbefall gefällt werden. Unsichtbare, kleine Feen-Wesen bewohnten den knorrigen alten Baum, und viele geheime Wünsche hat sie schweigend von uns Kindern entgegengenommen. Sie war immer da: Bei jeder Joggingrunde stand sie zuverlässig am Wanderwegesrand. Kurzum: In Gedenken an meinen Feenbaum verzichte nun ich drei Tage lang auf Essen. Erlaubt sind: Tee, Fruchtsaft, Mandel- und Sojamilch.

 

Tag 1 – 09:00

Als ich aufwache, habe ich keinen Hunger, fühle mich angesichts meines zurückliegenden und sehr anstrengenden Wochenendes aber ziemlich schwach. Ich habe nicht allzu gut geschlafen. Keine gute Voraussetzung für drei Tage ohne Essen, denke ich. Trotzdem freue ich mich, begleitet von – haha – einer gesunden Portion Respekt. Noch im Bett google ich „Heilfasten“ und lande auf allerlei esoterischen Webseiten und Foren, in denen der zeitweise Verzicht auf Nahrung von erfahrenen FasterInnen in den Himmel gepriesen wird. Außerdem gibt es zigtausend verschiedene Arten, zu fasten: Nur Rohkost, keine feste Nahrung, nur bestimmte Fasten-Tees; und auch über die Dauer wird diskutiert: Die Meinungen reichen von mindestens drei Tagen bis hin zu mehreren Wochen… Und natürlich: Mit ohne Alles bitte, also gar keine Nahrung. Das ist mein Plan.

Tee: Mein Lebenselixier für drei Tage

Tag 1 – 16:00

Mein Magen fühlt sich erstaunlich voll an, ich habe kaum Hunger und bin einigermaßen konzentriert und gut gelaunt, während ich im Uni-Seminar sitze. Trotzdem wird mir angst und bange, als unser Dozent beginnt, mathematische Formeln an die Tafel zu malen. Das konnte ich noch nie, und ich habe Angst, mich überhaupt nicht konzentrieren zu können. Doch es klappt überraschend gut, die Rechnerei lenkt mich vom Hungergefühl ab. Dann aber kriege ich auf einmal schreckliches Kopfweh. Ist es der Föhn? Ist es die Mathematik? Ist es der Computerbildschirm vor meinen Augen? Hatte mein Mitbewohner recht, als er morgens zu mir sagte: „Boah, ich würd‘ ja schon nach einem Tag Schädelweh kriegen, dass es kracht“?

 

Tag 1 – 19:00

Abendessens-Zeit. Ich muss eine Stunde überbrücken, bis ich ins Kino gehe. Was soll ich machen? Da mein Magen knurrt, gehe ich, wie ferngesteuert, einkaufen. Ein Liter ungesüßte Mandelmilch und ein Liter direkt gepresster Apfelsaft – das scheint mir eine gute Film-Snackerei zu sein. Wie im Zoo laufe ich durch die Supermarkt-Regale und sehe mir die riesige Warenvielfalt an. Das Kühlregal ist der Raubtierkäfig: Ein kleiner Teil von mir will nach der Tiefkühlpizza, dem Schokoladeneis greifen, aber der größere, vernünftige Teil von mir warnt mich davor und zwingt mich, weiterzulaufen, noch zweimal die Süßwaren-Regale zu umrunden und schließlich zur Kasse zu gehen.

 


Meine Tipps an alle, die auch einmal fasten wollen:

  • Sorgt für ausreichend Ablenkung. Verplant euch die typischen Essenszeiten mittags und abends, sodass ihr keinen hilflosen Leerlauf habt, während alle anderen essen.
  • Habt immer und überall eine Trinkflasche dabei!
  • Trinkt viel Tee und Fruchtsaft, das gibt etwas Energie und füllt den Magen.
  • Schlaft viel!

 

Tag 2 – 11:00

Ich habe auf einmal unglaublich viel Zeit. Mir fällt auf, dass ich normalerweise mehrere Stunden täglich mit Sport und Essen verbringe. Diese Zeit steht jetzt groß und präsent vor mir wie ein Kampfsportler, der mich herausfordernd ansieht und fragt: „Na, was machst du jetzt mit mir?“ Der vernünftige Teil in mir, der mich zuvor bereits vor Pizza und Eis gerettet hat, flüstert: „Uni!“ Aber ich bin schlapp. Ausgelaugt, müde und schwach. Hungergefühl stille ich mit indischem Chai-Tee mit Reismilch und viel Wasser. Mein Bauch fühlt sich angenehm leer an, mein Kopf allerdings auch. Aus lauter Unkonzentriertheit und Prokrastination backe ich einen Nusskuchen, der dann seeeehr verlockend in der Küche steht. Ich Dummerchen.

Gähnende Leere auf dem Teller und im Bauch…

Tag 2 – 19:00

Ich habe Hunger. Mein Magen rumort, gluckert, knurrt. Ich kippe Wasser und Saft in mich rein, als hinge mein Leben davon ab. Entsprechend oft gehe ich aufs Klo. Die Fahrt von der Innenstadt bis auf den Berg zu mir nach Hause ist deutlich anstrengender als normalerweise. Zum Glück bin ich jetzt, abends, alleine in der Wohnung und muss niemandem beim Kochen und Essen zusehen. Ich lege mich aufs Sofa und verbringe den Abend extrem unproduktiv. Mir ist ein wenig schlecht von der vielen Sojamilch, die ich als Abendessen getrunken habe, aber das verfliegt nach kurzer Zeit wieder. Deutlich früher als gewohnt gehe ich ins Bett – ich bin einfach nur müde.

 

Tag 3 – 9:00

Obwohl ich lange geschlafen habe, bin ich unglaublich müde, als ich aufwache. Meine Beine sind schwach und ich schleppe mich ins Wohnzimmer. Gespräche fallen mir schwer und ich denke ununterbrochen an Essen. Beim Versuch, vor dem Computer produktiv zu sein, drifte ich nach wenigen Minuten auf Koch- und Rezeptseiten ab und sehe mir cremige Pilzsoßen, dampfende Knödel und haushoch geschichtete Lasagnen an. Zwar ist meine Laune noch gut, aber ich kann von Glück reden, dass es jetzt gerade niemand darauf anlegt, mich zu nerven. Ich bewege mich auf dünnem Eis.

 

Tag 3 – 19:00

Ich habe seit Stunden sehnsüchtig auf diesen Moment gewartet. Tausend verschiedene Gerichte habe ich mir ausgemalt und mir vorgestellt, wie ich sie zubereite und endlich, endlich zu mir nehme. Entgegen meiner Erwartungen habe ich mich keinesfalls daran gewöhnt, nichts zu essen. Ich bin einfach nur froh, etwas zwischen die Zähne zu kriegen. Und die Kürbissuppe, die ich mir vorsichtig mache, ist ratzfatz weggegessen. Und da stand ja auch noch ein Nusskuchen in der Küche… Und hatten wir nicht auch noch irgendwo geröstete Erdnüsse…?

 

Für dich, lieber Feenbaum, habe ich drei Tage lang nichts gegessen. Jetzt kannst du in Frieden zu Humus werden. Und ich in Frieden Hummus essen.


Fotos: Jutta Stackelberg

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