Der Ding im Hang – Straßenmusik aus Bayreuth

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Klare Rhythmen und Töne erfüllen die Bayreuther Innenstadt. Ihre Quelle sitzt im Zentrum der Maximilianstraße: Hangton spielt mit geschlossenen Augen und bewegt Nacken und Arme im Takt zur Musik. Nur das leise Klirren der Münzen im Korb vor ihm lässt ihn aufblicken.

Sebastian Röschke arbeitet als Straßenmusiker. Sein Künstlername ist Hangton. Sein Instrument ist ein Integralhang der dritten Generation. Es besteht aus zwei metallenen Halbschalen, die ein hohles Gefäß bilden. Die zentrale Klangzone befindet sich in der Mitte der Oberseite und wird als Ding bezeichnet. Sie verleiht dem Hang ähnliche Eigenschaften wie einem Gong. Sabina Schärer und Felix Rohner haben das Instrument im Jahr 2000 erfunden. Seither wird es von ihrer Firma PANArt hergestellt.

Jedes Instrument der Firma PANArt ist ein Einzelstück und besitzt individuelle Klangmerkmale. 

Im Sommer des Jahres 2009 hat Hangton sein Instrument bei demselben Unternehmen gekauft. Heute sitzt der 38-Jährige auf einem kleinen Campingstuhl in der Sonne; das Instrument in seinem Schoß. Bevor er sich für ein Leben als Straßenmusiker entschieden hat, arbeitete er in der Gastronomie. Damals hätte er diese Frühlingstage in einer Küche verbracht. Das Instrument gibt ihm die Möglichkeit ein Leben in Freiheit zu genießen.

Als ihm seine Partnerin Su im Sommer 2008 zum ersten Mal ein Video von einem Musiker zeigte der Hang spielte, wusste Sebastian Röschke sofort, dass er dieses Instrument besitzen wollte. Daher schrieb er PANArt einen Brief, in dem er um ein Hang bat. Ein Jahr später erhielt er die Antwort, dass sein Instrument fertig und zur Abholung bereit sei. Als er in Bern eintraf, wurde er jedoch in einen Lagerraum voller Hanghang geführt und sollte sich sein Stück aussuchen. Felix Rohner riet ihm den Ding zu spielen. Bei der Auswahl sei der Eindruck, den Sebastian von dessen Klang habe, das Wichtigste. Sebastian befolgte den Rat und entschied sich für das Instrument, das am längsten nachhallte und einen vollen Klang hatte.

Seinen ersten Auftritt als Straßenmusiker hatte er in Winterthur, einer Schweizer Stadt in der Nähe der deutschen Grenze. Unterstützung erhielt er von einem anderen Hang-Spieler, den er, eine Woche bevor er sein Instrument erhalten hatte, kennenlernte. Obwohl Sebastian Röschke als Klarinettist bereits in einem Orchester gespielt hatte, war das ein sehr großer Schritt für ihn. „Man setzt sich nicht einfach so auf die Straße und macht Musik. Das kostet Überwindung“, erinnert er sich. Dass er mit dieser Tätigkeit seinen Lebensunterhalt verdienen würde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geplant. Eine Reise nach Sizilien und anschließend eine Ausbildung zum Gärtner halfen bei der Entscheidung.

Auf der CD „Hangover“ befinden sich 4 Lieder: Streetplay, Relaxed, After Work Blues, Happy Chill. 

Mittlerweile wohnt Hangton mit seiner Familie in Tausa, einem Ortsteil in Thüringen. Ein paar Mal in der Woche spielt Hangton in den umliegenden Städten und verkauft dort seine CD „Hangover“. Allein von der Arbeit als Musiker kann er jedoch nicht leben. Daher verdient er noch Geld als Leihkoch und -arbeiter. Zwar müssen er und seine Frau weniger für Nahrungsmittel ausgeben, da sie als Selbstversorger auf einem Bauernhof leben, doch auch das Saatgut kostet Geld und der Hof muss erst abbezahlt werden. Hangton würde gerne mehr als Koch arbeiten, doch das würde seine Versicherung gefährden. „Ich bin bei der Künstlersozialkasse versichert. Daher muss die Kunst meine Haupteinnahmequelle sein“, erzählt er. Eine gänzliche Rückkehr in die Gastronomie ist natürlich auch kein Thema. Stattdessen versucht er, mehr Konzerte zu geben und einen größeren Bekanntheitsgrad zu erreichen. „Ich wehre mich nicht gegen das System, aber ich bin auch kein Befürworter. Ich gehe einfach meinen eigenen Weg.“

Fotos: Christina Vettorazzi

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