Die Galaxie raunzt –  Bilderbuch live in concert

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Wenn die Milchstraße gebürtige Oberösterreicherin wäre und es Sphärenmusik in irgendeiner Form gibt, dann klingt sie ganz genau so. Die vierköpfige Boyband Bilderbuch hat den Pubertäts-Punk überwunden und zeigt sich am Freitagabend in Innsbruck mit den neuesten Sounds. Ihre Musik bewegt sich stressfrei zwischen Art-Rock und Hip-Pop. Ein psychedelischer Weltraumspaziergang im elektronischen Musikuniversum mit kurzem Abstecher nach Berlin.

Ein psychedelischer Weltraumspaziergang mit kurzem Abstecher nach Berlin.

Ich sehe was, was du nicht siehst…

Und das ist die Music Hall. Anscheinend in Innsbruck. Irgendwo neben der Autobahnausfahrt Ost. Auf Google Maps. Wer die Location checkt, dem wird schnell klar, dass es ein verteufelt langer Abend wird, falls er mit dem Fahrrad zum Konzert fahren will. Bilderbuch scheint die Liebe ihrer Fans auf die Probe stellen zu wollen und verlegt ihren Besuch in die Innsbrucker Suburbs. Doch aufgepasst. Wer einen Auftritt im exklusiven Privatclub erwartet hat, liegt daneben. Wusstet ihr, dass es hinter den Bögen noch eine Welt gibt? Stellt euch vor, die Zone um DEZ und IKEA wäre die Sierra Nevada. Ganz in der Nähe befindet sich das kleine Vegas von Innsbruck. Hier, fern vom Großstadtlärm, fließen am Freitagabend die Drinks. Neben Burger-House und Bier-Pub gibt es noch so einiges zu entdecken. Direkt neben dem Hintereingang zur Baggersee-Liegewiese befindet sich der Eingang zum düsteren Rock-Tempel, der ganze Horden von wildgewordenen Bilderbuch-Fans fasst.

Die Music Hall: Düsterer Rock-Tempel in der Innsbrucker Vorstadt.

Sag Deinen Mädchen, sie sind wieder in der Stadt

Nach ihrem Auftritt beim vergangenen Air&Style 2017 sind die Vier ein Jahr später schon wieder in der Stadt. Bilderbuch sind Divas und darauf scheinen sie auch ziemlich stolz zu sein. Nicht genug, dass sie in der Innsbrucker Vorstadt performen. Sie lassen die Fans auch so lange auf ihren Auftritt warten, bis alle wieder ordentlich Pipi müssen. Dafür ist der dann umso epischer. Aus den Nebeln der Stage steigen sie im Drum-Solo empor wie die Götter der Großstadt. In Hemd aus schwarzer Porno-Seide und im hautengen Rollkragen machen die Nachwuchstalente keinen Hehl daraus, dass sie Sprösslinge der Falko-Nation sind. Auch wenn sie ihre Fans mit Witzen über Skiwasser und Bergsteigen nicht ganz gewinnen können, so tut die Performance ihr übriges. Der Auftritt rockt und die Frisur sitzt. Da gibt es nichts zu meckern!  

Fanta Rhei

Endlich mal einer, der nicht über die große Lovestory und das Drama nachher singt. Endlich mal einer, der sich mit dem echten Deep Shit befasst. Im Auto-Tune philosophiert sich die Band quer durch die Weltgeschichte. Es geht hier um Soft-Drinks, Bungalows und geliehene Ladegeräte. Mit ihren literarisch ausgefeilten Lines bringt Bilderbuch die Fans zum ausrasten. Babys mit Ohrenschutz von der Baustelle werden in die Höhe gehalten, Ü40-Muttis im Grufti-Outfit shaken zum Beat von Spliff. Genau so unfassbar und genrelos wie ihre Musik ist auch die Fan-Community. Es gibt ihn nicht. Den richtigen Lebensabschnitt oder den perfekten Moment, um Bilderbuch geil zu finden. Das kann man immer.

Philosophiestunde im Auto-Tune.

Guck mal!

Mit ihrer Show haben Bilderbuch nicht gerade auf Hochglanzpapier gedruckt. Wer die artsy Videos kennt, hat sich vermutlich mehr erwartet. Goldene Kronen, Bodypaint und zahme Panther mindestens. Ein bisschen mehr Schick Schock eben. Dabei ist das Lichtspektakel eher minimal gehalten und sieht ein bisschen nach Raumschiff Enterprise aus. Doch es steht den Jungs gar nicht schlecht. Sie beweisen in den zwei knappen Stunden, wie sehr sie die Stage lieben und bestechen mit einzigartiger Bühnenpräsenz. Neben einigen älteren Songs lässt Bilderbuch die Fans nicht hängen und spielt vor allem Frischfleisch und Lieblingshits. Bei Maschin und Bungalow singt die Crowd lauter als die Band und auch das notorische Brrr-Geräusch von Monikas Motorola in Baba ist genauso aufreizend und unnachahmbar wie auf Spotify.

Und was sagt der Öko-Test?

Wie erwartet kann Bilderbuch mit einem “Verdammt gut” abschneiden. Die smoothen Sounds und das abwechslungsreiche Programm sind eindeutig poger-tauglich, shake-freundlich und zum Verzehr in Kombination mit anderweitigen Substanzen geeignet. In ihrer Rolle als Buch zeigt sich die Band rotzfrech wie Max und Moritz, maßlos wie die Raupe Nimmersatt und hat für ein Bilderbuch ganz nebenbei ziemlich viele Seiten. Trotz der vielen Pop-Ups und Hingucker ist von einer Lektüre unter 18 Jahren abzuraten. Es handelt sich hier nämlich um gnadenlos geilen Hipsterscheiß aus echt österreichischer Eigenproduktion.

Ein Bilderbuch für die ganz großen Kinder.

Fotos: Edit Stuefer

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