Fack ju, Shakspier: Romeo & Julia etwas spiced up

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Romeo hat Stress mit den Babbos aus seiner Gang, weil er bei der letzten Party unbedingt mit der kleinen Schwester von Bernardo, dem Gangleader der verhassten Sharks, rummachen musste. Testosteron steigt, Muckis unter den Tanktops spannen sich, Pistolenläufe klicken. Das Landestheater Innsbruck präsentiert die Musicalversion des Shakespeare-Klassikers kraftvoll und nebenbei auch ziemlich sexy.

Ghetto, Bitchez!

Wie sieht das aus, wenn sich Romeo und Julia nicht im mittelalterlichen Charme des Künstlerstädtchens Verona kennenlernen, sondern im New Yorker Vorstadtghetto von 1950? Wenn aus dem Efeu am Balkon eine kleine Feuertreppe wird und aus einer blaublütigen Familienfehde eine Messerstecherei an der Autobahnbrücke? Der amerikanische Komponist und Dirigent Leonard Bernstein gibt mit seinem Musical West Side Story, das 1957 in New York uraufgeführt wurde, eine überzeugende Antwort. Die Musik ist abwechslungsreich und nicht mit dem typischen Musicalsound aus der Familie Elisabeth und Tanz der Vampire zu vergleichen.

Der Komponist Bernstein, welcher einer jüdischen Einwandererfamilie aus der heutigen Ukraine entstammt, ist mit seinem schicksalshaften Durchbruch zum Pelé der Musikgeschichte geworden. Der junge Musiker studierte Komposition und Dirigieren an verschiedenen Musikhochschule und verbrachte die Sommermonate als Assistent in der ländlichen Festivalstädte Tanglewood in Massachusetts. 1943 musste er für den plötzlich erkrankten Dirigenten Bruno Walter einspringen und ein Konzert dirigieren, das landesweit im Rundfunk ausgestrahlt wurde. Das Konzert begeisterte so viele Hörer und Produzenten, dass der damals 25-jährigen No Name über Nacht zum Star wurde. 15 Jahre später hatte er die musikalische Leitung der New Yorker Philharmoniker übernommen.

Ikeabett und Schmalzkuchen

Die Inszenierung des Landestheaters bleibt mit der Interpretation des bekannten Musicals auf der klassischen Seite. Auch wenn die Schauspielszenen in deutscher Sprache gesprochen werden, gibt es die Songs auf Englisch. Wer das Musical in- und auswendig kennt, kommt auf seine Kosten. Bei den berühmten Gesangsnummern wie Tonight und America muss man fast aufpassen, nicht laut mitzusingen. Ein Hingucker sind die eindrucksvollen Tanzeinlagen. Stumme Aggression und zunehmende Gewaltbereitschaft sprechen aus den Choreographien, die ins heruntergekommene Bühnenbild passen. Sie stehen in etwas krassem Kontrast zu den Inszenierungen der Gesangsnummern. Wer kein Fan von musicalischem Schmalzkuchen ist, sollte vielleicht einen Anti-Stressball mitbringen. Oder sich zumindest emotional darauf vorbereiten, dass Julia alias Maria in einem rosaroten Ikea-Zimmer wohnt und sich mit Romeo alias Tony in dem nicht gerade minimalistischen Brautgeschäft verabredet, in dem sie als Verkäuferin arbeitet. Gesangstechnisch überzeugen die Darsteller aber allemal.

Peace, Love und Mauerpower

Romeos Gang, die Jets, bestehende aus jungen und sozial niedrig gestellten Einheimischen, wird vom Komponisten durch den damals modernen Progressive Jazz dargestellt. Julia ist Teil einer Gruppe junger Einwanderer aus Puerto Rico. Ihre Tänze und Nummern lassen die Rhythmen Lateinamerikas durchklingen. So schafft es der Komponist, den ethnischen Konflikt auch auf die Musik des Stücks zu übertragen. Auf der Bühne stellen Stahlzaun und Maschendraht die unüberwindbare Barriere dar, die zwischen einem versöhnlichen Ausgang des Dramas steht. Zwischen einem friedlichen Zusammenleben der verfeindeten Mitglieder von Jets und Sharks.

Mauern und Zäune, Hass und scheinbar unüberwindbare Verfeindung von Gruppen mit unterschiedlicher Hautfarbe: Obwohl das Musical schon einige Jahre auf dem Buckel hat, ist das Kernthema brandaktuell und eine Inszenierung in dieser Saison absolut passend.

Fotos: Lorenz Zenleser

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