Eine kleine Engelsgeschichte

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Ein kleiner Engel landete plötzlich auf meiner Bettkante. Er strich mein Haar sanft beiseite und flüsterte mir ins Ohr: „Komm! Komm mit, ich zeig dir was!“ Und ehe ich mich versah ergriff er meine Hand und wir sprangen mit einem großen Hops hinaus in die kühle Abendluft, hinein in den Wind. Er wirbelte uns herum. Ein leises Rauschen füllte meine Ohren. Ich versuchte etwas zu erkennen, aber außer graue Nebelschwaden war nichts zu sehen. Dann fielen wir, wie aus allen Wolken, mit einem leichten Rumps auf… ja auf was eigentlich?

Ich blickte mich um. Der Kleine Engel stand neben mir und ich saß verwirrt und noch ganz benommen auf etwas Weichem. Es schneite. Es schneite so viel, dass die Bäume und Dächer mit einer dicken weißen Schneeschicht bedeckt waren. Sterne leuchteten am Himmel und es duftete nach warmen Plätzchen. Und irgendwo in der nähe hörte ich Kinderstimmen, fröhliche Kinderstimmen die ein Liedchen sangen. Ein Weihnachtslied. Ja, es muss hier wohl bald Weihnachten sein. Ich stand auf und klopfte mir den Schnee von der Hose. Erst da fiel mir auf, dass der Engel jetzt so groß war wie ich. Nein, nicht er war gewachsen, sondern ich war geschrumpft. Er marschiert los und ich stolperte hinterher. Wie um Himmelswillen war das möglich, was passierte hier gerade. In meinem Kopf herrschte Chaos und meine Gedanken wirbelten umher, wie vorher der Wind. Da sagte der Engel, als er meinen ängstlichen Gesichtsausdruck sah: „Lass los, denke nicht nach, folge mir einfach und du wirst schon sehen.“ Er hielt mir seine Hand hin und blickte mir mit seinen großen dunklen Augen vertrauensvoll in meine leicht verängstigten.

Ich nickte langsam und ergriff seine warme Hand.

Da blickten wir durch ein Fenster in ein gemütliches Wohnzimmer. Es herrschte reges Treiben. An einem großen Esstisch saßen Erwachsene, sie aßen und lachten. Der Tisch war voll mit guten Leckereien… Lebkuchen, Stollen, Nüsse, Äpfeln… mir lief das Wasser im Mund zusammen. Auf der anderen Seite des Raumes spielten Kinder. Sie tanzten um den Weihnachtsbaum und sangen Weihnachtslieder, während sie sich zwischendurch Lebkuchen und Nüsse in den Mund stopften. Wie lustig das hier ist! Ich begann leise mitzusingen. Da flüsterte der kleine Engel mir ins Ohr: „Lass uns den Moment genießen!

Und schon tanzten wir lachend mit und naschten von den Süßigkeiten, als ob wir in unserem Leben noch nie etwas anderes getan hätten. War das herrlich!

Winterwunderland Innsbruck

Im nächsten Augenblick standen wir in einem Garten, abseits des Trubels. Hier war es ganz still, nur in der Ferne hörte man leises Stimmengewirr. Der Mond schien hell und beleuchtete schwach eine Holzbank, auf der ein alter Mann saß, allein. Der Alte, er war wirklich schon sehr alt, hatte einen grauen Rauschebart, buschige Augenbrauen und ein ganz verrunzeltes Gesicht. Er saß, zurückgelehnt, mit einer Pfeife im Mundwinkel und blickte gedankenverloren in die weite Ferne zu den Sternen. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seinen Mund, aus dem immer wieder in kurzen Abständen kleine Rauchwolken aufstiegen, die die kalte Luft mit einem angenehm würzigen und heimeligen Duft versetzten. Eine wohlige Wärme stieg in mir auf.

Der Engel blickte mich, fest meine Hand haltend, an und flüsterte mir zu: „Auch wenn du manchmal alleine bist, in deinem Herzen sind sie alle da. Alle, die dich lieben, ob auf der Erde oder im Himmel verweilend. Im Herzen sind sie da, lieben und wärmen dich, immer. Du musst es nur spüren wollen!

Und dann saßen wir alle drei, jeder für sich, und blickten mit einem zufriedenen Lächeln in die weite Ferne zu den Sternen.

Nun standen wir in einer Scheune. Überall stapelte sich Heu und bedeckte den ganzen Boden. Würde der Mond nicht so hell durch ein kleines Fenster unter dem Dach herein scheinen, wäre es stockdunkel. Doch so konnten wir erkennen, wer sich hier in dieser Nacht einen Schlafplatz gesucht hatte. Auf der einen Seite lag, halb sitzend, halb liegend und laut schnarchend ein Schäfer, der seinen Hut auf der Brust fest hielt. Neben ihm hatten sich zwei Schafe zusammengekuschelt. Weiter drüben schlief tief und fest eine Kuh mit ihrem neugeborenen Kalb. Und schließlich lag hier noch, nahe bei der Tür, ein struppiger Hund. Er döste, aber die Ohren waren aufmerksam in unsere Richtung gespitzt. Als ich sah, wie friedlich und ruhig sie alle schliefen, merkte ich erst wie müde ich eigentlich war und musste leise gähnen. Der Engel drückte meine Hand und flüsterte mir zu: “Siehst du, du brauchst nie Angst zu haben, sobald du dir und anderen vertraust und an dich und an das Gute glaubst, kommst du zur Ruhe! Alles ist immer und überall möglich!

Da krochen wir ins Heu und machten es uns gemütlich. Die Strohhalme kitzelten angenehm während ich mich auf der Seite zusammen rollte. Ich schloss die Augen und im Halbschlaf zog ich meine Bettdecke fest bis unter die Nase. In weiter Ferne hörte ich den kleinen Engel flüstern: “Auf der ganzen Welt gibt es schöne Dinge. Wenn du willst, kannst du sie alle sehen. Du musst nur die Augen und dein Herz öffnen und sie empfangen!

Fröhliche Weihnachten!

Fotos: Die Zeitlos/David Minatti

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