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Schön, aber nicht zu schön …

Das Buch Untenrum frei von Margarete Stokowski aus dem Jahr 2016 schafft es tatsächlich, einem zu den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Themen die Augen zu öffnen. Einen besonderen Aspekt möchten wir uns heute, in diesem Kommentar zu Stokowskis Text, aber genauer ansehen: das Schönheitshandeln. Welchen Druck Kosmetik und Schönheit in unserem Alltag auf uns ausüben, ist uns meist nämlich nicht einmal bewusst.

„Ich wusste, dass es um etwas geht. Dass es relevant ist, was ich als Frau aus mir mache. Und das ich ungepflegt aussehe, wenn ich nicht genug mache.“

– Stokowski

Mache ich genug aus mir? Sehe ich gut aus? Wirke ich ungepflegt? Diese Fragen kommen einigen von uns sicher bekannt vor. Kaum etwas prägt das Leben in unserer heutigen Zeit so sehr, wie der Wunsch nach dem bestmöglichen Aussehen. Der damit verbundene Prozess ist aber ein durchaus schwieriger, der durch viele Widersprüche und Paradoxien geprägt ist. Die Schönheitspraktiken, die für diesen Prozess notwendig sind, beschränken sich aber keinesfalls auf Make-Up. Stokowski sieht auch in Handlungen wie dem Rasieren, der Hautpflege oder dem Friseurbesuch eine Schönheitspraxis. Ein Zurechtfinden in diesen gesellschaftlichen Normen kann also für nahezu jeden zu einer großen Herausforderung werden. Trotzdem scheinen wir unseren Idealen und Vorurteilen nicht entkommen zu können.

Authentisch maskiert?

Obwohl wir erhebliche Anstrengungen in Kauf nehmen, um unser Aussehen zu verändern, wird das Ergebnis oft als unauthentisch angesehen. Umso offensichtlicher wir unser Aussehen optimieren, desto unechter wirken wir. Personen, die Make-up tragen, werden zum Beispiel sogar als falsch wahrgenommen. Dies kann so weit gehen, dass ihnen ein niedriger moralischer Charakter zugeschrieben wird. Die Authentizität einer Person geht somit verloren. Dahinter steckt unsere Annahme, dass Schönheitsarbeit durch Selbstverbesserung motiviert ist und somit vor allem den Sinn hat vermeintliche Imperfektion zu verbergen.

Dieses Streben nach Anerkennung wird auch im Alltag deutlich. Jemand der sich scheinbar zu viel um sein Aussehen kümmert, wird schnell als dumm, arrogant und oft auch einfach zu haben dargestellt. Sogar fehlender Erfolg wird dabei manchmal durch zu viel Interesse am eigenen Aussehen begründet. Besonders Mädchen wird oft eingetrichtert, es sei besser, sie würden sich mehr um die Schulbücher kümmern als um ihre Frisuren und die richtige Mascara. Die Arbeit am eigenen Körper bleibt aber ein unverhandelbares Muss. Dem Druck nach dem perfekten Aussehen, scheinen wir nicht entkommen zu können. Und trotzdem bleibt es Arbeit, wie Stokowski so treffend formuliert:

„Denn unseren Körper so hinzubekommen, wie wir uns das wünschen, ist Arbeit, wenn auch nicht direkt bezahlte. Wir stecken Zeit, Kraft, Nerven und viel Geld in das Bild, das wir als Ziel vor Augen haben, und werden nie fertig damit.“

– Stokowski

Anerkannt wird diese Arbeit aber nicht. Es wird oft zu einem regelrechten Wettbewerb, wer morgens am wenigsten Zeit braucht, um sich fertig zu machen. Das eigene Aussehen soll zwar möglichst makellos aber dennoch, natürlich, mühelos und leicht wirken.

Natürlich schön?

So ergibt sich auch die scheinbare Antwort auf die Frage nach dem richtigen Styling: Verbirg einfach schlicht die Tatsache, dass du etwas für dein Aussehen machst. Denn in gewisser Weise wird Natürlichkeit zum wichtigsten Bestandteil der wahren Schönheit. Der Begriff der Natur wird dabei mit Konzepten wie Ursprünglichkeit, Einfachheit oder Unaufwendigkeit verbunden. Somit wird das eigene Aussehen, sowie die damit verbundene aufwendige Inszenierung zu etwas, das mühelos wirken soll:

„Sei schön – aber nicht zu schön. Kümmere dich um dein Äußeres – aber nicht so, dass man sieht, wieviel Arbeit du da reingesteckt hast.“

– Stokowski

Natürlichkeit wird dadurch vom eigentlichen, unbearbeiteten Naturzustand zu einer erst hervorgebrachten Täuschung, die so authentisch und unbemerkbar wie möglich sein soll. Schmink-Tutorials mit Titeln wie Einfaches und natürliches Tages-Make-up oder Natürlicher Glow für deinen Alltag kommen den meisten wahrscheinlich bekannt vor. Das Motto scheint folgendes zu sein: Natürliche Schönheit ja gerne, aber nur auf eine optimierte Weise! In unserem Schönheitshandeln liegt also nicht nur ein indirekt wirkender Zwang, sondern auch ein ziemlicher Wiederspruch.

Zwang oder Möglichkeit?

Gerade deshalb bleibt nun die Frage, warum wir da überhaupt mit machen. Ganz freiwillig treffen wir diese Entscheidung tatsächlich nicht. Wer den Text von Stokowski liest, dem wird bewusst, dass solche Schönheitspraktiken notwendig sind, um in der Gesellschaft anerkannt zu werden. Diesem Druck geben, laut ihr, nämlich sogar jene Personen nach, die sonst keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten legen. Hauptsächlich betreffen diese kosmetischen Schönheitspraktiken aber auch heute noch junge Mädchen. Stokowski sieht den Grund dafür darin, dass Mädchen und Frauen stärker, wie sie es nennt, über ihren Körper bewertet werden. Die Ideale würden zwar für Frauen und Männer gleichermaßen gelten, Frauen würden jedoch stärker als Körper bewertet werden. Sie werden also eher auf ihre Äußerlichkeiten reduziert und nach diesen bewertet. Dabei scheint es für Männer ein weniger großes Hindernis zu sein, wenn sie der Schönheitsnorm nicht entsprechen.

Doch woher stammt nun unser Wunsch, unser Aussehen zu optimieren? Darüber hat auch Stokowski nachgedacht und ist zu dem Schluss gekommen, dass sie nie auf die Idee eines Zwanges gekommen wäre:

„Würde mich jemand fragen, warum ich das mache, würde ich sagen: Weil ich es schöner finde […] was ich bestimmt nicht sagen würde: Weil diese Gesellschaft den weiblichen Körper kontrolliert, […] und weil ich die Ideale und Zwänge, die für den weiblichen Körper gelten, schon so sehr internalisiert habe, dass es mir nicht einmal mehr auffällt, dass sie von außen kommen.“

– Stokowski

Die geltenden, kosmetischen Praktiken nicht als absolut notwendig, sondern als optional, wahrzunehmen, muss aber erst wieder erlernt werden. Es kann anfangs sogar durchaus zu einer regelrechten Mutprobe werden, das Haus ungeschminkt zu verlassen. Dabei spricht absolut nichts dagegen, wenn gerne zu mehr Make-up gegriffen wird. Tatsächlich soll es sich dann aber mehr nach einer freien Entscheidung anfühlen. Dem Zwang vollkommen zu entkommen, wird keinem von uns gelingen, aber gerade deshalb sollten wir ihn bewusst im Hinterkopf behalten. Was dabei auch keinesfalls schadet: Bücher wie jenes von Stokowski lesen! Denn dadurch wird uns oft erst bewusst, wie absurd die Situation ist, die uns als so normal erscheint, denn:

„Den Körper eines Menschen im natürlichen Zustand als sündig zu bezeichnen – das kennt man sonst höchstens von religiösem Fundamentalismus.“

– Stokowski

Bilder: Maria Camila Castaño (Pexels)

Hi, ich bin Hannah. Hier findest du den ein oder anderen Artikel von mir. Wenn ich nicht gerade an etwas schreibe, studiere ich an der Universität Innsbruck. Abseits des Schreibtisches bin ich meistens irgendwo zwischen Innsbruck und Lienz zu finden, dort am liebsten draußen. Du willst mehr wissen? Sieh dir einfach meine Verlinkungen an!