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Cui bono? – Wem nützt die Pandemie?

Der US-amerikanische Unternehmer Bill Gates zieht massive Vorteile aus der Coronapandemie, denn nun kann er endlich alle Menschen microchippen. Also muss er sie auch geplant haben. Achtung: Verschwörungstheorie! Diese Aussage spiegelt weder die Meinung von Die Zeitlos, noch der Autorin wider.

Doch gerade jetzt blühen Verschwörungstheorien auf und finden massenhaft Anhänger*innen. Das liegt an den unsicheren Zeiten, wie Michael Lindenthal, Psychologe am Innsbrucker Institut für Psychologie, erklärt:

Ein einziges, riesiges Netzwerk

Verschwörungstheorien fußen grundsätzlich auf drei Annahmen: Erstens ist immer menschliches Handeln für eine Situation verantwortlich. Der Zufall wird ausgeschlossen. Zufälle oder auch Unsicherheiten sind übrigens für die meisten Personen schwer zu akzeptieren, so Lindenthal. Im Verschwörungskontext bedeutet dies, diejenige, die davon profitieren, müssen die Situation auch geplant haben. Zweitens ist nichts, wie es scheint. Der „Blick hinter die Kulissen“ ist notwendig. Und drittens kann man zwischen allen Organisationen, Institutionen, Regierungen, Mächtige*n und Ereignisse die Fäden spannen. Sie sind im Geheimen miteinander verbunden und planen gemeinsam.

Umgekehrte Wissenschaft

Aus einer Forschungsfrage heraus entsteht eine These, die dann anhand von Daten bestätigt oder widerlegt wird. © Jasmin Eiglmeier

Und genau hier liegt auch das Problem von Verschwörungstheorien: Sie bilden nicht existente Zusammenhänge. In der Wissenschaft werden zuerst Theorien aufgestellt und anschließend anhand von Ergebnissen entweder verifiziert oder falsifiziert. Verschwörungstheoretiker*innen dagegen zeigen erst die vermeintlichen Ergebnisse und suchen dann nach erklärenden Theorien. Sie drehen den Erkenntnisprozess einfach um, sodass er zu ihren Theorien passt.

So verstehen sich Verschwörungstheoretiker*innen nach eigenen Angaben auch als die „Aufgewachten“, denn sie durchschauen diese Strukturen – im Gegensatz zu allen anderen Menschen. Widerlegen Journalist*innen, Wissenschaftler*innen oder Politiker*innen die Theorien, akzeptieren Verschwörungsanhänger*innen die Belege meist nicht.

Vor 100 Jahren breite Verankerung in der Gesellschaft

Verschwörungstheorien gehen zurück bis in die Antike, als sie eine Erklärung für Mordkomplotte waren. Im 19. Jahrhundert waren Verschwörungen „von unten“ wie von Freimaurern, Juden und Jüdinnen sowie von Kommunist*innen gefürchtet. Heute dagegen sind es Verschwörungen „von oben“ – also von sogenannten „Eliten“ wie reichen und mächtigen Personen. Bis in die 1950er waren Verschwörungstheorien weit verbreitet und in gesellschaftlichen und politischen Diskursen verankert. So glaubten zum Beispiel Abraham Lincoln (1809-1865) oder später auch Winston Churchill (1874-1965) an Verschwörungstheorien.

Heute werden solche Theorien als Gefahr für die Demokratie angesehen. Auch, weil die Zuwendung zu ihnen viel passiver stattfindet als früher:

Ungeimpfte tragen gelben Stern

Lange nicht alle Demonstrierenden sind Verschwörungstheoretiker*innen. Auf den Demos treffen Althippies, junge Familien und Rechtsextreme aufeinander. Viele haben Angst vor den unmittelbaren Einschnitten in ihr Leben. Da die Coronapandemie im Gegensatz zu anderen Verschwörungstheorien unseren Alltag so stark betrifft, liegt es nahe, dass Theorien zu Corona momentan anschlussfähiger sind als andere, so Michael Lindenthal.

Einige, weit in ihre Blase eingetauchte, Demonstrierende vergleichen sich mit Opfern des Nationalsozialismus. Denn Impfungen und Antisemitismus haben eine lange gemeinsame Geschichte: Der Antisemit Eugen Dühring (1833-1921) verbreitete die Verschwörung, dass der „Impfaberglaube“ vor allem jüdischen Medizinern monetäre Vorteile bringt.  Heute wird der sogenannte inverse Antisemitismus benutzt, das heißt Impfgegner*innen tragen Judensterne mit der Aufschrift „Ungeimpft“ und stellen sich selbst als Opfer dar.

Dieser gelbe Stern, allerdings mit der Aufschrift „Ungeimpft“ ist auf Corona-Demonstrationen zu sehen.
© Daniel Ullrich (CC3.0-Lizenz)

Mit diesem Vergleich wird nicht nur das Leid der vielen Millionen Juden und Jüdinnen im Nationalsozialismus verharmlost, sondern Impfgegner*innen auch zu Widerstandskämpfer*innen erhöht.

Gefährliche Folgen

Verschwörungstheorien können Gewalt legitimieren, wenn eine fundamentale Opposition eingenommen wird, so Lindenthal. Denn wenn Bevölkerungsgruppen Existenzrechte abgesprochen werden und – wie zuletzt in Telegram-Kanälen – zur Tötung aufgerufen wird, endet die demokratische Diskussion. Dann ist der/die Verschwörungstheoretiker*in aufgrund straftätlichen Verhaltens ein Fall für die Behörden. Der Psychologe sieht jedoch auch eine Chance in der aktuellen Situation. Denn Wissenschaftler*innen wurde in den letzten beiden Jahren aufgezeigt, dass sie den Anschluss an einen Teil der Bevölkerung verloren haben. Diesen Kontakt zur Bevölkerung gilt es wieder zu finden, die eigene Arbeit transparenter zu gestalten und mehr Anknüpfungspunkte an die Realität der Mitmenschen zu bieten.

Was tun, wenn ein Familienmitglied oder eine Person aus dem Bekanntenkreis in verschwörungstheoretische Kreise abdriftet? Hier hat Psychologe Michael Lindenthal Tipps:

Wichtig ist also zuerst, die Gedankengänge der Gesprächspartner*in Intentionen zu verstehen und sich in die Person hineinzuversetzen. Erst später ist eine Annäherung an eine sachliche Diskussion möglich. Ziel ist vor allem eine gesichtswahrende Lösung für den*die Betroffene*n zu finden. Zusätzliche Hilfe befindet sich zudem bei der österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen.

Ziel des Artikels ist keinesfalls, Menschen anzugreifen oder ihnen ihre Meinungsfreiheit abzusprechen. Vielmehr sollen die Hintergründe so objektiv wie möglich erörtert und für das Thema sensibilisiert werden.

Bildquellen: Beitragsbild von © Cherubino (via Wiki Commons, CC 4.0-Lizenz); Forschung © Jasmin Eiglmeier; Judenstern © Daniel Ullrich (via Wiki Commons, CC 3.0-Lizenz)

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