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Atomkraft – der Wolf im Schafspelz

Ein Kommentar von Heidi Siller

Vor nicht allzu langer Zeit, genauer gesagt zu Beginn des Jahres 2022 wurde von der EU-Kommission eine Presseerklärung veröffentlicht, in der sie der Atomkraft und somit der Kernenergie eine besondere Rolle zuschreiben. Denn die Atomkraft ist nicht nur fähig den Übergang zu erneuerbaren Energien zu erleichtern und somit den Ausstieg von fossilen Brennstoffen zu ermöglichen, sondern durch diese alternative Energieform sollte die Erreichung der festgelegten Klimaziele leicht von der Hand gehen.

Die EU-Taxonomie – eine Erklärung

Die Taxonomie beschreibt Vorgaben für nachhaltige Investitionen und damit auch eine Klassifizierung von Finanzprodukten, die ein Transparenzinstrument für Unternehmen und Investoren darstellen. Diese Vorgaben wurden im Rahmen der EU-Verordnung vom Juni 2020 beschlossen. Durch ihre einheitliche Sprache und diversen Kriterien wird es den Investoren erleichtert, eine Entscheidung zu treffen, ob sie in ein Projekt oder Unternehmen investieren sollen, welches umweltfreundliche und nachhaltige Ziele anstrebt. Damit soll verhindert werden, dass Unternehmen „Green-Washing“ betreiben und sich somit als nachhaltig präsentieren, obwohl sie es nicht sind. Inhalt dieser Taxonomie Verordnung sind auch Offenlegungspflichten für Unternehmen und Finanzmarktteilnehmer. Mit dieser Vorgaben möchte die EU-Kommission schlussendlich eine ökologische Mobilisierung durch Privatinvestitionen in der Ökonomie erreichen.

Atomstrom – ein nachhaltiges Paradoxon

©pixabay.com

Doch inwieweit kann Atomstrom als nachhaltiger Strom gelten? Atomkraftwerke werden oft als emissionsfreie Energiequelle bezeichnet, da Atomstrom oder nuklear erzeugter Strom mit nur wenig Kohlenstoffdioxid und somit mit wenig Emissionen erzeugt wird. Betrachten wir allerdings den gesamten Lebensweg des Atomstroms mitsamt des Uranabbaus, der Urananreicherung, der diversen Transporte (innereuropäische und außereuropäische oder gar weltweite), die Atommüll-Konditionierung, die Lagerung des Atommülls sowie den Bau oder Abriss von Atomkraftwerken, so ist die CO2-Bilanz nicht mehr allzu rosig. Erwartungsgemäß ist Atomstrom somit reicher an Treibhausemissionen als erneuerbare Energien. Wenn wir uns hier nur die CO2-Bilanz des Uranabbaus anschauen, so können wir erkennen, dass bereits große Mengen an hoch konzentriertem Uran abgebaut wurden. Aufgrund dieser Ressourcenknappheit wird nun häufig Uranerz aufbereitet, welches niedrigere Konzentrationen enthält. Durch diese Aufbereitung entstehen allerdings Emissionen und 99 Prozent des zutage geförderten Gesteins können nur mehr als Abfall verwendet werden. Diese Uranerzschlämme können allerdings aufgrund diverser Arten von Lagerstätten, Gewinnungsmethoden oder Lagerungen noch Verbindungen von Uran oder anderen Schwermetallen enthalten und damit das Grund- und Trinkwasser und durch die Staubverbreitung mittels des Windes das Gebiet kontaminieren.

Unkalkulierbare und unverantwortbare Risiken

Das Reaktorunglück in Tschernobyl und die Katastrophe in Fukushima zeigen uns deutlich, dass Atomkraft eine hochsensible Technologie ist, die ein Spiel mit dem Feuer darstellt. In Tschernobyl wurde der Reaktor durch einen unkontrollierten Anstieg der Reaktorleistung zerstört und bei den anschließenden Bränden des im Reaktor enthaltenen Graphits gelangten große Mengen an radioaktiver Strahlung in die Umwelt und kontaminierten diese. In Fukushima hingegen, wie wir alle wissen löste das Tōhoku-Erdbeben einen Tsunami aus, der das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi traf und dadurch die Stromversorgung und Nachkühlung zunichtemachte, wodurch es in drei Reaktorblöcken zu Kernschmelzen kam und enorme Mengen an radioaktiven Stoffen freigesetzt wurden. Diese Strahlenbelastung kann in drei verschieden Typen unterschieden werden, nämlich in unmittelbare oder akute Schädigungen (Übelkeit, Erbrechen, Blutarmut), in stochastische oder Spätschäden (Leukämie) und genetische also Erbschäden (bei den Nachkommen vor allem) unterteilt werden. Diese Unfälle und deren Folgen betrafen aber nicht nur Japan oder die Ukraine, denn radioaktive Staubpartikel und Stoffe wurden durch den Wind auch nach Europa katapultiert. Somit finden wir diese Schädigungen auch heute noch unmittelbar vor unserer Haustür vor, nämlich beispielsweise vor allem in Wildschweinfleisch oder Wildpilzen.

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Dennoch gibt es weitere Gründe, wodurch diese Energiequelle definitiv nicht als ökologisch betitelt werden darf. Wenn wir uns nur die Entsorgung von Atommüll ansehen, welcher in schwach, mittelstark oder intensiv unterteilt werden kann, so stellt auch sie ein Problem dar, denn es herrscht ein generelles Unwissen darüber, wie viel es von solchem Müll es wirklich gibt. Selbst die Internationale Atomenergie- Organisation (IAEO) mit ihrem Sitz in Wien, hat keinen Forschungsstand oder Wissensstand über die Menge des gegenwärtig vorherrschenden Atommülls.

Weiters kann dem noch hinzugefügt werden, dass durch den anthropogenen Klimawandel diverse Naturkatastrophen und klimabezogene Extremereignisse wahrscheinlicher werden, wodurch Atomkraftwerke nicht nur durch Tsunamis, Lawinen, Erdrutsche oder Erdbeben zerstört werden können.

Zu guter Letzt noch ein Sicherheitsaspekt. Die Terrorgefahr bleibt weltweit kontinuierlich hoch. Terroristische Organisationen und Vereinigungen können wir nicht mehr an einer Hand abzählen. Terrorakte gehören somit auch zum jährlichen Programm und Atomkraftwerke sind dagegen aber nur mangelhaft geschützt (als Beispiel ein gezielter Flugabsturz). Aber auch Atomkraftwerke oder Zwischenlager dieser Konstruktionen, die vom Boden gut für Terroristen erreichbar sind, haben keine Chance gegen Panzerwaffen oder Ähnliches. 

Deswegen Atomkraft? – Nein Danke!

Also wollen wir wirklich ein Atomkraftwerk in unserer unmittelbaren Nähe oder im schlimmstmöglichen Szenario vor unserer Haustür? Wie kann eine solche unvorhersehbare Energieform, welche zudem solche verheerenden Folgen für den Menschen aufweist, als „green“ oder ökologisch eingestuft werden? Mir erschließt sich diese Zuordnung nicht ganz. Auch wenn Atomstrom aus einiger Politolog*innen Sicht als ökologische oder nachhaltigere Alternative dargestellt wird, so hoffe ich doch sehr, dass im Rahmen der Institutionen der Europäischen Union der Fokus auf alternative und erneuerbare Energiequellen gelegt wird, wie Solaranlagen, Windenergie, Biomasse oder Wasserkraft.

Bildquellen:
Beitragsbild von ©pixabay.com

Eine waschechte Südtirolerin, die in Innsbruck studiert und liebend gern in den Bergen unterwegs ist, ganz nach dem Motto: Du bist nicht du, wenn dir die Bergluft fehlt!