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Alle lauschen – Wer hört zu?

Musik-Streamingdienste, speziell Spotify, sind längst ein fester Bestandteil unseres Alltags geworden. Doch wie wirken sie sich auf unser Verhältnis zur Musik aus?

Schon seit einigen Jahren erleben nun nahezu alle von uns, was sich Musik Enthusiast*innen bis in die Anfänge des 21. Jahrhunderts nur erträumen konnten: Wir haben jederzeit einen Fuß im größten Plattenladen der Welt und dürfen hören, was, wen und wie viel auch immer wir wollen. Spotify, Apple Music und Co. haben uns das all you can eat Buffet der Musik vollkommen selbstverständlich über die letzten Jahre aufgetischt und ganz nebenbei den Musikmarkt von Grund auf revolutioniert. Und was kann es auch Schöneres für die Konsument*innen geben? Streaming erlaubt es uns, rund um die Uhr durch die (vermeintlich) ganze Musikwelt zu surfen, unsere Funde einzupacken, sie mit Freund*innen zu teilen oder uns durch zahlreiche Playlists inspirieren zu lassen. Dieses Privileg wird über alle Altersschichten, bis hin zu einer neuen Generation der Zuhörer*innen genutzt, die ein anderes Konsumverhalten in Bezug auf die Musik gar nicht mehr kennen. Doch so selbstverständlich das massige Musikangebot für uns auch sein mag, unser Hörverhalten ist dadurch enorm beeinflusst und verändert worden. Zum Guten, wie auch zum Schlechten.

Neue Wege in der Musiklandschaft erkunden

Die Verlagerung des Musikmarktes in das Internet durchbricht zunächst das bisher bestehende Problem des regionalen Marktes, auf welchem schlichtweg sehr wenig internationales Angebot bestand, vor allem, wenn es nicht aus den westlichen bzw. angloamerikanischen Teilen der Erde stammte. Künstler*innen und Bands wie Altin Gün aus der Türkei, welche derzeit die europäische Musikwelt mit ihrem Indie-Funk-Sound erobern, sind der Effekt eines gesteigerten internationalen Austauschs innerhalb der Streamingwelt. Auch die wieder aufkommenden Synthwave und Post-Punk-Welle bringt Bands aus Mexiko (Hvmvn), Deutschland (Edwin Rosen) oder Russland (Molchat Doma) mit sich. Doch nicht nur der Blick in Richtung internationaler Musikschaffender wurde erleichtert, sondern auch das Erkunden der Musik der Vergangenheit. Wie sonst würden die Synthesizer Sounds, Bass Lines und Drum-Computer der 80er bei den heutigen Stars wie The Weeknd oder Dua Lipa solche Erfolge hervorrufen? Der Kontakt mit den verschiedenen Genres vergangener Jahrzehnte hinterlässt klare Spuren in der neuen Musik. Revivals alter Musikstile scheinen durch das Musikstreaming also häufiger, aber auch kurzlebiger zu werden. 

Credits: Natalie Cardona

Der „kurze“ Weg zum Streaming Erfolg

Doch die Inspirationen anderer Regionen und Zeiten sind nicht die einzigen Einflüsse des Musikstreamings auf den Schaffensprozess heutiger Musiker*innen. Um den maximalen Erfolg auf den Streaming Plattformen zu erzielen, gilt es, die neuen Songs an die derzeitige Marktsituation anzupassen. Da der Erfolg auf den Streaming Plattformen in Abrufzahlen definiert wird, gibt es zwei wichtige Eigenschaften, die maßgeblich zum Erfolg einer Single beitragen. Zum einem müssen die Hörer*innen zumindest für die ersten 30 Sekunden am Track gehalten werden, da ein Stream erst ab dieser Abspieldauer gültig ist und bezahlt wird. Das Intro oder die erste Strophe werden also zugunsten des Refrains gekürzt oder ganz weggelassen, um möglichst schnell die volle Wirkung des Tracks zu liefern. Noch entscheidender und deutlicher zu spüren ist die Bedeutung des Wiederspielwertes. Um den Song also möglichst in Dauerschleife hören zu können, wird dieser insgesamt auch möglichst kurz gestaltet. Diese neuen Erfolgsstrategien machen sich im Vergleich der Top 50 Singlecharts der USA von 1980 und 2020 bemerkbar: Die durchschnittliche Songdauer ist in 2020 um 60 Sekunden kürzer als im Jahr 1980. Das Intro wurde im Schnitt um 8,76 Sekunden gekürzt. Selbstverständlich ist das Musikstreaming nicht der einzige Grund für diesen Wandel der Musik in den letzten 40 Jahren, es scheint jedoch so, als gehe der Trend eher ab von einer tiefen Auseinandersetzung mit der Musik. Darunter leidet auch die Rolle des Albums. Im Zeitalter der meist „Mood“-orientierten Playlists, werden Alben nur noch von den engsten Fans gehört. Um Woche für Woche Teil der großen Playlists zu sein und möglichst viele der Streams abzugreifen, ist es vor allem für junge, aufstrebende Künstler*innen sinnvoller, regelmäßig einzelne Singles herauszubringen, als alle paar Jahre mit einem ganzen Album auf der Bildfläche zu erscheinen. Auch die Shuffle-Funktion der Streaming Anbieter mag ihren Anteil an dieser Entwicklung haben, da wir uns durch sie an die Abwechslung beim Musikhören gewöhnen.

Im Ranking-Wahn

Letztendlich lebt die Musik schon immer von Veränderung und das ist auch das Schöne an ihr. Wir sollten uns jedoch bewusst sein, dass die Musik noch immer eine Kunstform darstellt, die durch die jetzige Streamingsituation immer mehr ausschließlich auf Zahlen heruntergebrochen wird. Am von Spotify eingeführten personalisierten Jahresrückblick namens „Spotify Wrapped“ lässt sich dieses Problem unschwer erkennen. Den Kund*innen wird dabei ihr letztes Jahr auf Spotify noch einmal vor Augen geführt, zudem noch schön aufbereitet in Bestenlisten und Zahlenwerte. Für das Teilen auf Instagram ausgelegt, wird einem der eigene, ja so ausgefallene und außergewöhnlich nischige Musikgeschmack serviert. Dass es schön ist, sein letztes Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen und dabei in Erinnerungen zu schwelgen, steht außer Frage. Dabei sollt man sich jedoch bewusst sein, dass dieses Zahlen- und Platzierungsbezogene Musikverständnis auch seine Schattenseiten hat. Abgesehen von der fehlenden Chancengleichheit und der ungerechten Verteilungsprinzipien von Spotify und Co., für welche man vor allem durch das Teilen seines „Spotify Wrapped“ den*die unbezahlte*n Influencer*in spielt, nimmt das Musikhören immer mehr einen Social-Media Charakter ein. „Du warst unter den Top 5% der Fans von…“, „Du hast 40.000 Minuten Musik gehört“ und andere derartige „Endergebnisse“ des Streamings regen zum Vergleich mit Freund*innen an, bei welchem ein gewisses Gefühl des Konkurrenzkampfes kaum verhindert werden kann. Und auch der Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Songs scheint in vielen Fällen eher am Ziel vorbeizuschießen. Ist der persönliche Top Song des letzten Jahres wirklich der Beat, den man sich jeden Abend zum Einschlafen angehört hat oder nicht doch eher der eine Track, den man zwar nicht zu jeder Gelegenheit auf Dauerschleife laufen lassen kann, der einen aber jedes Mal, wenn er läuft, wieder zum Lachen bringt? 

Credits: Patrik Michalika

Zu schätzen, was man bekommt

Gewisse Wettkämpfe fanden durch Chart Platzierungen und Ähnliches auch schon lange vor dem Musikstreaming statt, schleichen sich in letzter Zeit nur auch immer mehr in das persönliche Verständnis von Musik ein. Am Ende des Tages ist es wunderbar, einfach die Kopfhörer aufzusetzen zu können und sich in die riesige Musiklandschaft fallen zu lassen, sei es aktiv oder ganz nebenbei. Die Möglichkeit, auf so ein riesiges Musikangebot zuzugreifen wie noch nie zuvor, sollten wir genießen! Ab und an sollten wir uns aber vielleicht wieder daran erinnern, warum wir Musik hören und mit was wir es bei ihr zu tun haben: Mit Kunstwerken, entstanden aus harter Arbeit und Leidenschaft. Vielleicht prägt dieses Verständnis dann irgendwann auch endlich die Musikindustrie.

Titelbild: Haithem Ferdi