Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

Zwischen Stress und Vorfreude – die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes

Es ist der 1. November. In vielen Schaufenstern wird die Halloween Dekoration entfernt. Kürbisse, Süßigkeiten, Hexenhüte und falsche Vampirzähne werden durch Christbaumschmuck und Lebkuchen ersetzt. Weihnachten steht wieder vor der Tür und damit auch das wiederkehrende Problem der Fragen um die Weihnachtsgeschenke.

„Wem schenke ich was? Für welche Person gebe ich freiwillig Geld aus und von wem kann ich dasselbe im Gegenzug erwarten?“ Der Monat Dezember ist überschattet von einem leeren Geldbeutel, Stress und der Frage nach der Eingrenzung von enger Familie und guter Freundschaft. Aber was wird denn nun tatsächlich gefeiert? Die Geburt Christi oder unsere mangelnde Selbstbeherrschung? Denn in keinem anderen Monat wird so viel eingekauft wie im Dezember.

Wir konsumieren zu viel

copyright: Getty Images

Im Jahr 2020 gab jede*r Deutsche im Schnitt knappe 500 Euro für Weihnachtsgeschenke aus. Dabei landete jedoch jede siebte Bestellung wieder als Retoure in der örtlichen Postzentrale oder dem nächsten ThaliaGeschäft. War nun etwa jedes siebte Geschenk ein fataler Fehlgriff? Ein wesentlicher Grund für diese Zahlen spielt dabei das Verlangen, unsere Mitmenschen glücklich zu sehen. Deswegen schenken wir ihnen etwas­­ – sozusagen als Ausdruck unserer Zuneigung. Wir möchten ihnen sagen: „Hey. Du bist mir wichtig.“ Und daran ist doch überhaupt nichts verwerflich. Oder?

Jedoch kann es sehr schnell passieren, dass wir viel Stress in Kauf nehmen. Der Druck, ein schönes Geschenk zu finden, nimmt dabei mit jeder weiteren Besorgung zu. Oftmals kaufen wir ein Geschenk weniger, weil wir uns sicher sind, dass es Gefallen finden wird, sondern einzig und allein, um an Weihnachten nicht mit leeren Händen dazustehen. Ganz nach dem Motto: „Kaufen um des Kaufens Willen.“

Worum es beim Schenken geht

Dabei sollten wir uns nicht dazu verpflichtet fühlen, große Summen für Geschenke auszugeben. Ziel ist es doch, mit den verteilten Gaben so lange wie möglich Freude und Begeisterung bei dem*der Beschenkten zu generieren. Natürlich zaubert der 50 Euro Amazon-Gutschein ein Lächeln auf das Gesicht. Aber das schafft auch ein gemeinsamer Ausflug oder ein Erlebnis, welches in Zukunft mit schönen Erinnerungen verbunden werden kann. Vielleicht eine gutdurchdachte Aufmerksamkeit oder sogar etwas Selbstgemachtes. – Diese Dinge werden in der Regel auch weitaus mehr wertgeschätzt als rein materielle Geschenke.

Den meisten von uns geht es an Weihnachten gar nicht darum, sich gegenseitig auf die möglichst teuerste Art zu beschenken. Mit steigendem Alter sinkt zum Beispiel der Wunsch nach materiellen Geschenken. So freuen sich unsere Eltern und Großeltern oftmals einfach nur darüber, ihre Kinder und Enkelkinder während der Feiertage bei sich zu haben. Weihnachten ist ein Fest der Besinnung und Harmonie. Es ist eine Zeit des Zusammenseins und der Familie. Geschenke sollten, wenn überhaupt, nur eine zweitrangige Rolle spielen.  

Was uns von den Feiertagen bleibt

Wochenlang zerrt also die Koordination von Weihnachtsgeschenken an unseren Nerven.  
Und dann? Nach nur wenigen Stunden ist alles wieder vorbei. Die Reste des mühsam vorbereiteten Abendessens stehen noch auf dem Esszimmer-Tisch. Unzählige Verpackungen liegen zusammengeknüllt auf einem Stapel in der Ecke, die Geschenke verteilt am Boden. Und jede*r von uns stellt sich die Frage: „War es das schon?“ Auch die Tage danach sind von einem seltsamen Gefühl gekennzeichnet. „Was kommt jetzt?“ Die Arbeit, Planung und Mühen in den Wochen zuvor haben ihr Ende gefunden. Das heimliche Verstecken der Geschenke, das Durchkämpfen durch die Massen im Kaufhaus oder das nächtliche Scrollen auf den Websites sämtlicher Onlineversandhäuser fanden einen Abschluss. Aber auch das Backen von Plätzchen, der Glühwein am Weihnachtsmarkt und der Geruch von gebrannten Mandeln – das Gefühl von Weihnachten – es bleibt als eine verschwommene Erinnerung in unseren Köpfen. Der Zauber der weihnachtlichen Vorfreude ist mit einer solchen Plötzlichkeit restlos aus unserem Leben verschwunden und hinterlässt lediglich ein dumpfes Gefühl im Bauch.

Hat sich das gelohnt?

Auch wenn jede*r von uns sich jedes Jahr wieder aufs Neue für all diese Strapazen entscheidet, ist es das dennoch wert. Denn macht die Vorfreude nicht insgeheim Spaß? Die Feiertage sind ein Ereignis, welches uns der Familie näherbringt. Manch eine*r nutzt die Zeit, um seine/ihre weit entfernt lebenden Verwandten einzuladen. Andere fahren selbst in die Heimat. Wir durchleben drei Tage, die wir doch so ganz anders verbringen als die restlichen 362. Während dieser Zeit, so könnte gesagt werden, steht die Welt still. Wir haben Zeit zum Durchschnaufen und um zur Ruhe zu kommen und sehen aufgeregt dabei zu, wie unsere Geschenke geöffnet werden.

Der Höhepunkt der Weihnachtszeit wurde also erreicht. Bereits am 27. Dezember werden die Schaufensterdekorationen wieder abgehängt. Christbaumschmuck und Lebkuchen weichen Wunderkerzen und Sektflaschen. Weihnachten ist nun endgültig vorbei. Die Geschenke verteilt, bis es nächsten Dezember wieder heißt: „Auf ein Neues.“

Fotos: Getty Images