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Sexarbeiter*innen: stigmatisiert, verdrängt, ungehört

Direkt oder indirekt in die Illegalität getrieben, sind sexuelle Dienstleister*innen einem hohen Risiko an gewalttätigen Übergriffen, Schutzlosigkeit und Betrug ausgesetzt. Seit Jahrzehnten versucht die Politik mit verschiedenen Lösungsansätzen die Prostitution im jeweiligen Land mehr oder weniger im Sinne der Betroffenen umzustrukturieren. Was sind die Forderungen von Sexarbeiter*innen selbst, die bei dieser Debatte so oft überhört werden? Welches Modell gibt ihnen am meisten Sicherheit? Dieser Artikel geht auf vier verschiedene Systeme im Umgang mit Sexarbeit ein, die sich alle damit rühmen, mehr Schutz für Sexarbeiter*innen zu gewährleisten.

Illegalität: Das schlechteste Modell

In vielen Ländern dieser Welt ist sowohl die Nachfrage als auch das Angebot sexueller Dienstleistungen verboten, kriminalisiert und sanktioniert. In Europa ist das beispielsweise in Bulgarien, der Ukraine, Kroatien und Litauen der Fall. Hier werden Prostituierte strafrechtlich verfolgt. Doch nur weil Sexarbeit kriminalisiert wird, heißt das nicht, dass es keine Prostitution mehr gibt. Sie rückt nur in die Dunkelheit, an unsichere Orte, in die Schutzlosigkeit. Denn ein reines Verbot von Sexarbeit löst keines der Probleme, die viele Sexarbeiter*innen in ihren Beruf treibt. Nicht immer, aber oft liegen der Sexarbeit strukturelle Schwierigkeiten zugrunde, die dafür sorgen, dass Gesellschaftsgruppen wie beispielsweise Migrant*innen ohne Aufenthaltsberechtigung durch diese Tätigkeit schnell und einfach viel Geld verdienen können. Eine Gesetzgebung, die die Illegalität von Sexarbeit feststellt, schützt also niemanden und erschwert es vor allem sowieso schon marginalisierten Personen den Weg in die Legalität zu finden. Es funktioniert schlichtweg nicht. Modelle, die versuchen, sich mehr mit den Lebensrealitäten betroffener Personen auseinanderzusetzen, sind das schwedische Modell, die Entkriminalisierung von Sexarbeit und das neuseeländische Modell.

Schwedisches Modell: „end demand“

Das schwedische Modell oder auch „Nordisches Modell“ genannt, wird so oder so ähnlich in den skandinavischen Ländern und seit 2016 umgesetzt. Bei diesem Umgang mit Prostitution werden nicht die Sexarbeiter*innen kriminalisiert, sondern die Freier, also Menschen, die Sex kaufen. Außerdem machen sich nach diesem Modell dritte Beteiligte, die Menschen zur Sexarbeit anleiten oder zum Beispiel Bordelle betreiben, strafbar. Dieser Ansatz beruht also auf der Idee, dass Sex nicht verkauft werden sollte, eine solche Handlung immer demütigend wäre, gegen Menschenrechte verstoßen würde und niemals in einem vertretbaren Machtverhältnis stattfinden könnte. Das Ziel ist es, Betroffene zu schützen und dafür zu sorgen, dass niemand mehr Sexarbeit in Anspruch nimmt.

Das Modell nimmt auf den ersten Blick jegliche Schuld und Strafbarkeit von den Schultern der Sexarbeitenden und legt sie den Freiern auf. Für viele Menschen ist das nordische Modell das Vorzeigemodell und wird immer wieder auch für Österreich gefordert. Doch mit einem zweiten Blick und mit Einbezug der Lebensrealitäten von Sexarbeiter*innen zeigen sich ungewollte Probleme. Wie beim Modell der völligen Illegalität schon angeschnitten, gibt es eben viele Menschen, die auf die Sexarbeit angewiesen sind. Wenn jedoch die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen kriminalisiert ist, verkleinert sich der Kundenstamm der Sexarbeiter*innen. Diese sind auf das Geld immer noch angewiesen, haben nun aber eine kleinere Auswahl und es fällt ihnen schwerer, einen Freier abzulehnen, auch wenn dieser gefährlich oder zwielichtig erscheint. Das Geldverdienen wird erschwert. Um die Freier vor Strafen zu bewahren und somit ihre Kund*innen zu erhalten, werden verstecktere Orte für die Dienstleistungen gewählt und keine Personalien aufgenommen. Zusätzlich können sich aufgrund der Regelungen im schwedischen Modell Menschen, die sexuellen Dienstleistungen nachgehen, nicht mehr zusammenschließen, obwohl das ein großer Bestandteil der Sicherheit gegenüber Freiern wäre. Arbeiten mehrere Prostituierte zusammen, gilt das als Bordell, was ausdrücklich verboten ist. Die Folge ist, dass wieder viele Sexarbeiter*innen in die Illegalität getrieben werden.

Studien aus Schweden und anderen Ländern mit diesem Modell haben gezeigt, dass die Zahl der gewalttätigen Übergriffe auf Sexarbeiter*innen im Vergleich zurzeit vor der Einführung des Modells stark zugenommen und sich teilweise sogar verdoppelt hat. Ähnliches gilt für die angezeigten Gewalttaten in den Folgejahren. Auch wenn sich das schwedische Modell Menschenwürde auf die Fahne schreibt, konnten weitere Untersuchungen jedoch feststellen, dass Sexarbeiter*innen in der schwedischen Gesellschaft stärker stigmatisiert werden als zuvor. Inzwischen sind weitaus mehr Bürger*innen Schwedens für eine vollständige Kriminalisierung von Sexarbeit als vor der Einführung des Modells. Dabei wäre eine Entstigmatisierung ein wichtiges Mittel, um Prostituierte aus dem Schatten zu bringen und somit aus der Schutzlosigkeit. Dieser Meinung sind auch Sexarbeiter*innen-Kollektive, da sich die eigentliche Situation der Prostituierten in Schwedenverschlechtert habe.

Deutschland: Das Bordell Europas

In Deutschland sind sowohl das Angebot von Sexarbeit als auch die Nachfrage legal, wobei dieser Berufszweig bestimmten Auflagen unterlegen ist. Sexarbeit kann also tatsächlich als ein Geschäftsmodell betrachtet werden und als ein solches ausgenutzt werden. Dass Sexarbeit als ganz normale Arbeit angesehen wird, und damit Prostituierten mehr Rechte statt Verbote zugesprochen werden und eine Gleichberechtigung zu anderen Berufen geschaffen wird, sind häufige Forderungen von Sexarbeiter*innen und Menschenrechtsorganisationen. Doch die Umsetzung in Deutschland ist alles andere als perfekt – der Begriff „Bordell Europas“ kommt nicht von ungefähr. Dieses Modell der Legalität von Sexarbeit nutzt vor allem denjenigen, die die Arbeit wirtschaftlich angehen, Ahnung von Bürokratie haben und somit ein Businessmodell entdeckt haben. Die Sexarbeit in Deutschland bewegt sich immer weiter weg von individueller Arbeit hin zu riesigen Bordellen und Organisationen, die Zwangsprostitution begünstigen oder diese sogar fördern. Menschen werden unfreiwillig in den Markt gedrängt und andere schlagen daraus Profit.

Das Prostituiertenschutzgesetz von 2016 führte dann den sogenannten „Hurenpass“, eine Anmeldebescheinigung für Prostituierte, ein. Nur wenn Sexarbeitende diesen Ausweis mit sich tragen, können sie ihrem Gewerbe legal nachgehen. Doch auch hier finden besonders schutzlose Menschen keine Hilfe und werden in die Illegalität getrieben. Viele Menschen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, sind nicht-anerkannte Migrant*innen, die bei einer offiziellen Anmeldungen sofort des Landes verwiesen werden würden. Tatsächlich ist in der Praxis nach Umfragen in Bremen nur ein kleiner Teil der Sexarbeiter*innen offiziell gemeldet. Und auch bezüglich der Entstigmatisierung leistet der Umgang Deutschlands mit Prostitution keinen nennenswerten Beitrag. Vielmehr wird ein offener Umgang mit dem Thema Sexarbeit gefordert, anstatt ständige Restriktion und Auflagen.

Österreich: Prostitution ist Ländersache

Wie auch in Deutschland ist Prostitution, die von Erwachsenen ausgeübt wird, in Österreich unter bestimmten rechtlichen Regelungen legal. Auf der Bundesebene gelten die allgemeinen steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Bestimmungen, wie es sie in allen anderen Berufszweigen auch gibt. Das erklärt Sexarbeitende zu normalen Selbstständigen. Jedoch gibt es eine Einschränkung: Im Abstand von sechs Wochen werden gesundheitliche Untersuchungen durchgeführt . Auf der Landesebene wird dann spezifischer geklärt, wer wann und wo sexuellen Dienstleistungen nachkommen darf. Damit sind Altersgrenzen, Arbeits-Orte oder spezifische Auflagen für Betriebe gemeint. Die Regelungen sind sehr heterogen und komplex. Besonders viel Wert wird auf die Gesundheit von Freiern und Sexarbeiter*innen gelegt. Betreiber*innen von Bordellen sind beispielsweise verpflichtet, unentgeltliches Präventionsmaterial wie Kondome zur Verfügung zu stellen und Safer-Sex-Broschüren auszulegen. Die regelmäßigen medizinischen Untersuchungen sollen sexuell übertragbare Krankheiten möglichst schnell feststellen, sind aber auch ein Werkzeug, um die Anzahl der Prostituierten nachvollziehen zu können. Es gibt jedoch auch Kritikpunkte am österreichischen Umgang mit Prostitution. Ein großer Punkt sind eben die regelmäßigen verpflichtenden Untersuchungen. Sie stigmatisieren die Berufsgruppe wieder und rücken sie wieder in ein Feld, in dem der Job eines Sexarbeiters oder einer Sexarbeiterin nicht als normal betrachtet werden kann. Weiters sind manche Regelungen zu spezifisch und detailliert, sodass wenig Flexibilität für die Behörden bleibt. Wird beispielsweise das Prinzip der Schutz-Zonen betrachtet, so fällt einem auf, dass die Regelungen häufig überholt sind und die Verbannung von Bordellbetrieben aus den belebten Teilen der Städte dazu führt, dass Sexarbeiter*innen isoliert oder in größere Abhängigkeit von schutzbietenden Dritten gedrängt werden.

Neuseeländisches Modell: Liberalisierung der Sexarbeit

Die Situation der Sexarbeiter*innen in Neuseeland hat seit der Einführung neuer Gesetzgebungen 2003 einen kompletten Wandel erlebt. Das Modell ist entstanden, indem sich die Politik mit Sexarbeiter*innen, Menschenrechtsorganisationen und der Zivilbevölkerung abgesprochen hat. . Das neuseeländische Modell besagt, dass sexuelle Dienstleister*innen dieselben Rechte wie andere Arbeitnehmer*innen haben, die gleichen Regulierungen wie für andere Berufe gelten und weder Sexarbeiter*innen noch Freier für ihre Tätigkeiten bestraft werden können.

Die ständige Angst, aufzufliegen oder ohne Absicherung an einen gewalttätigen Freier zu geraten, hat sich nach der neuen Gesetzgebung durch eine gute Zusammenarbeit mit der Polizei quasi in Luft aufgelöst. Sexarbeit ist in Neuseeland zu einem normalen Job geworden. Freier, selbstbestimmter, enttabuisierter. Umfragen zeigten, dass sich 96 % der Sexarbeiter*innen durch das Modell beschützt fühlen. Dies ist ein starker Hinweis dafür, dass das Modell in seiner Zielsetzung funktioniert – besser als das viel gelobte schwedische Modell. Für den neuseeländischen Umgang mit Sexarbeit sprechen sich auch die meisten Vereinigungen von sexuellen Dienstleister*innen aus, da dieses Modell die Lebensrealitäten der Betroffenen anspricht und nicht durch Verbote versucht, strukturelle Probleme zu lösen.

Wandgemälde zur Sexarbeit in Tirol

Forderungen Innsbrucker Sexarbeiter*innen

iBus“, die Innsbrucker Beratung und Unterstützung für Sexarbeiter*innen, ist eine von mehreren Organisationen in Tirol, die Sexarbeiter*innen in ihrem Beruf und auch nach einem Ausstieg begleiten. An der aktuellen Gesetzgebung kritisiert die Beratungsstelle vor allem die vielen Pflichten von Sexarbeiter*innen im Austausch zu nur wenigen Rechten sowie die Drängung in eine Opferrolle und die Versäumnisse einer Entstigmatisierung in der Gesellschaft. Statt der verpflichtenden Kontrolluntersuchungen wäre viel eher ein niederschwelliges kostenloses Beratungs- und Behandlungsangebot angebracht, das ohne Zwang aufgesucht werden kann. Neben der Abschaffung der obligatorischen Kontrolluntersuchungen und Registrierung wird gefordert, dass konkrete Maßnahmen gegen Diskriminierung und Stigmatisierung getroffen werden. Auch sollen Sexarbeiter*innen bei sie betreffenden politischen Entscheidungen nach ihrer Meinung gefragt werden und alles dafür getan werden, dass sexuelle Dienstleister*innen selbstbestimmt und sicher arbeiten können. Um die Situation für Sexarbeiter*innen nachhaltig zu verbessern, sind Entkriminalisierung und der Kampf gegen ausbeuterische Strukturen die wichtigsten Maßnahmen.

Empfehlenswerte Quellen zum Thema:

Beitragsbild: © Alina Rubo via unsplash

Hallöchen, ich heiße Sofie und versuche mich hier bei Die Zeitlos im Schreiben. Ich habe im Bachelor Wirtschaftswissenschaften studiert und mache jetzt mit Politikwissenschaft weiter, um das Studierendenleben voll und ganz auszukosten. Ansonsten genieße ich den Innsbrucker Lifestyle sehr. Wandern, Mountainbiken, Klettern oder Skitour gehen versüßen mir den Alltag. Viel Spaß beim Lesen der vielen spannenden Artikel!