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Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum

Alle Jahre wieder stehen zu Weihnachten etwa 2,8 Millionen geschmückte Nadelbäume in Österreichs Wohnzimmern. Neunzig Prozent davon stammen aus heimischer Produktion. Am beliebtesten ist mit großem Abstand die Nordmann-Tanne, doch auch andere Tannenarten und Fichten werden als Weihnachtsbäume verwendet. Bevor ein Baum am Heiligen Abend festlich geschmückt über die Geschenke wacht, wächst er mehrere Jahre lang in einer Kultur heran und wird von den Forstwirt*innen gepflegt. Wir haben zwei Tiroler Christbaumproduzent*innen besucht.

Die kleinen Bäume schneidet Johann Baier immer von Hand.

Johann Beier stapft die steile Böschung hinter seinem Haus hinauf, eine gelbe Bügelsäge in der Hand. Der Schnee knistert unter seinen Füßen, einzelne Flocken treiben durch die klirrend kalte Luft. Jetzt reicht ihm der Schnee nur bis zum Knöchel, doch letztes Jahr musste er die Bäume regelrecht ausgraben, um sie umzuschneiden, erzählt er, denn Mitte Dezember lag bereits ein Meter Schnee im Sellraintal. Sichtlich stolz zeigt er uns die verschiedenen Tannenarten, die auf dem Abhang wachsen: Kork-Tannen, Korea-Tannen, Edel-Tannen und natürlich Nordmann-Tannen, der Klassiker unter den Weihnachtsbäumen. „Als ich hier in den 90ern die ersten Christbäume angepflanzt habe, haben mich alle für verrückt gehalten und gedacht, die würde niemand kaufen.“ Leben kann der pensionierte Bäcker vom Christbaumverkauf auch heute nicht, dafür sei sein steiles Feld viel zu klein. Doch die Arbeit mit den Bäumen ist für ihn „fast wie Urlaub“. Mit den Händen schiebt er den Schnee am Stamm einer bläulichen Kork-Tanne zur Seite und setzt geübt die Säge an. Keine zwei Minuten später landet der Baum sacht im Schnee.

Bis ein Weihnachtsbaum verkauft werden kann, vergehen zwischen fünf und zehn Jahre, wobei Fichten schneller wachsen als Tannen. Im Frühling pflanzen die Produzent*innen neue Setzlinge ein, denn eine Forstwirtschaft funktioniert nur, wenn jedes Jahr gleich viele Bäume nachgesetzt werden, wie aus dem Wald entnommen wurden. Die Weihnachtsbäume benötigen das ganze Jahr über Pflege. Damit sie gleichmäßig und gerade wachsen, müssen sie von allen Seiten genug Licht bekommen. Wachsen die Bäume zu dicht, werden einige gefällt. Wuchsfehler können oft mit speziellen Klammern korrigiert werden, die den Saftfluss unterbrechen und das Wachstum verlangsamen. Wenn die Äste ungleichmäßig wachsen, werden sie von Hand ausgerichtet und mit sogenannten Zweigreglern in Form gebracht. Gegen Schädlinge, wie die Tannentrieblaus oder bestimmte Pilze, setzen viele Produzent*innen Pestizide ein. Nicht so Johann Baier. Etwa fünf Prozent seiner Tannen verliert er aufgrund von Schädlingsbefall, doch das ist ihm das naturnahe Wirtschaften wert. Damit sich auch die untersten Äste gut entwickeln, muss im Sommer regelmäßig zwischen den Bäumen gemäht werden. Auf Johann Beiers steilem Abhang im Sellraintal übernehmen das seit einigen Jahren Shropshire-Schafe. Das Besondere an dieser englischen Rasse: Im Gegensatz zu anderen Rassen knabbern Shropshire-Schafe nicht and den Trieben von Nadelbäumen.

Auch direkt am Stadtrand von Innsbruck gibt es eine Weihnachtsbaum-Produzentin. Zwischen dem Tivoli-Stadium und dem Stift Wilten liegt Maria Tollingers kleiner Weihnachtsbaumwald. Der Tollingerhof geht auf das Mittelalter zurück und wurde damals als Lehen des Wiltener Klosters erbaut. Die Landwirtschaft haben die Tollingers inzwischen aufgegeben, aber seit über fünfzig Jahren wachsen hinter dem denkmalgeschützten Bauernhaus Innsbrucker Bio-Weihnachtsbäume. Auch Maria Tollinger betreibt die Forstwirtschaft vorwiegend als Hobby. In ihrem kleinen Wäldchen stehen viele sehr hohe Tannen und Fichten, die für einen normalen Haushalt viel zu groß sind. Umgesägt werden hier nur die Bäume, die sich die Kunden aussuchen. Die anderen dürfen weiterwachsen. Klammern oder Zweigregler, um die Wuchsform zu beeinflussen, verwendet Maria Tollinger nicht. „Meine Bäume sind alle Individualisten, so wie die Kunden auch.“, meint sie lächelnd. Eine Frau und ihre kleine Tochter spazieren gerade durch das Wäldchen, auf der Suche nach dem perfekten Christbaum. Sie entscheiden sich für eine Blau-Fichte. Maria Tollinger vermerkt den Namen auf einem Schild, das sie an den Baum hängt. Umsägen wird sie ihn erst kurz vor Weihnachten, wenn die Kundin ihn abholt.

Der Tollingerhof wurde bereits im Mittelalter als Teil der Sillhöfe erbaut.

In Österreich gibt es etwa 1000 Christbaumproduzent*innen, die auf einer Fläche von insgesamt 3500 Hektar Weihnachtsbäume aufziehen. Damit kann ein Großteil des Bedarfs gedeckt werden; etwa neunzig Prozent der hierzulande verkauften Weihnachtsbäume sind auch in Österreich gewachsen. Die restlichen zehn Prozent stammen großteils aus Deutschland und Dänemark, dem größten Weihnachtsbaum-Exporteur in der Europäischen Union. In Österreich entfällt mehr als die Hälfte der Anbauflächen für Christbäume auf Niederösterreich. Weniger als vier Prozent der Anbauflächen liegen in Tirol. Trotzdem haben sich die Tiroler Christbaumproduzent*innen 1994 zusammengeschlossen, einen Verein gegründet und die Markte Tiroler Christbaum geschaffen. Inzwischen gehören 25 Betriebe zum Verein. Gemeinsam produzieren sie jährlich über 30 000 Christbäume. „Das entspricht einem Marktanteil in Tirol von etwa zehn bis fünfzehn Prozent.“, sagt Obmann Hannes Astner. Fast alle Vereinsmitglieder produzieren ihre Bäume im Neben- oder Zuerwerb. Nur ein einziger Tiroler Forstwirt betreibt die Christbaumaufzucht im Haupterwerb.

Laut Hannes Astner hat Corona in einigen Betrieben letztes Jahr zu Umsatzverlusten geführt. Da Gastronomie und Hotellerie geschlossen waren, fiel dieser wichtige Absatzmarkt weg. Auch Firmen stellten vielfach keine Weihnachtsbäume auf, da die Mitarbeiter von Zuhause aus arbeiteten. Maria Tollinger hat von der Pandemie nichts gespürt, denn sie verkauft ihre Bäume hauptsächlich an Stammkunden. Doch der Klimawandel mache sich inzwischen auch in der Weihnachtsbaum-Produktion bemerkbar, erzählt sie. Vor zwei Jahren gab es im Sommer so wenig Regen, dass die im Frühling gesetzten Bäumchen vertrockneten. Sie musste deshalb im Herbst noch einmal nachpflanzen. Auch einige der größeren Fichten überlebten den Sommer nicht. „Tannen vertragen die Trockenheit besser als Fichten, weil sie Tiefwurzler sind.“, erklärt sie. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, pflanzt sie inzwischen mehr Tannen als Fichten. Nachhaltigkeit und Umweltschutz liegen ihr am Herzen. „Mein Wald ist auch ein Vogelparadies.“, meint sie. Und wirklich, überall zwitschert es in den Zweigen. Dass die Felder, die früher zum Tollingerhof gehörten, immer mehr bebaut und verstädtert werden, betrübt sie. Auch deshalb betreibt sie den kleinen Weihnachtsbaumwald: „Das ist mein Beitrag zum Stadtbild. Ich will diesen grünen Fleck erhalten.“



Bilder: Lea Hof