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Gesprächsbedarf: Kommunikation zwischen Hörsaal und Lockdown

Fast schon zwei Jahre ist es her, dass ein weltweites Virus unser aller Leben von einem Tag auf den anderen komplett auf den Kopf gestellt hat. So abrupt unsere Kommunikation auf einmal pausierte, so schnell wurden innovative Lösungen geschaffen. Vorlesungen wurden zu e-Lectures, Präsenzunterricht zu Distance Learning. Anstatt abends gemütlich zusammen zu sitzen, trafen wir uns online via Houseparty, Zoom oder Facetime, gemeinsame Filmabende verlegten wir auf Netflix Party. 

Grenzenlos und doch beschränkt

Dank den Wundern der Technik schien sich unsere Kommunikation zu Beginn der Coronakrise von nichts und niemandem aufhalten zu lassen – weder von lokalen Quarantäneregelungen noch Landesgrenzen. Mit Mikrofon, Webcam, Monitor und Internetverbindung waren wir trotz Pandemie ständig miteinander verbunden, immer up-to-date, allzeit erreichbar. In Zeiten, in denen man außer den Mitgliedern des eigenen Haushalts und den Mitarbeiter*innen des nächsten Supermarkts fast niemanden persönlich zu Gesicht bekam, waren wir doch ununterbrochen umgeben von Gesprächen, Interaktionen, Diskussionen – nur eben virtuell. Ein Onlinemeeting nach dem anderen, täglich neue Gesichter auf dem Bildschirm, dank Wireless-Kopfhörern ständig eine Stimme im Ohr. Fast könnte man meinen, unsere Kommunikation hätte sich durch den Wandel der Gesellschaft sogar verstärkt. Doch so praktisch die technischen Hilfsmittel im ersten (und ja, teilweise auch im zweiten, dritten, vierten, …) Lockdown waren – vieles können sich nicht ersetzen. 

Virtuelle Lehre, emotionale Leere

Sich Vorlesungen online anzuschauen, klingt zunächst vor allem nach einem: es ist bequem. Tatsächlich funktioniert diese Herangehensweise auch in der Praxis gut. Eine*r redet, 80 hören zu. Mitschreiben und mehr oder weniger aufpassen ist auch von zuhause aus möglich. Man kann dabei sogar im Bett liegen bleiben, ob man eine Hose anhat oder nicht, bemerkt niemand – top! Problematisch wird das Prinzip von Lehrveranstaltungen in virtueller Form jedoch bei Kursen, in denen es vor allem um aktive Teilnahme geht. Ein Referat vor Online-Stille und einem Raster aus tiefschwarzen, ausgeknipsten Webcams zu halten, macht wirklich keinen Spaß. Unmittelbares Feedback? Fehlanzeige! Hat man noch die Aufmerksamkeit der Mitstudierenden? Redet man zu schnell, zu leise, zu undeutlich? Um derartige Informationen zu erhalten, benötigt es den direkten Kontakt zu unseren Mitmenschen. Wir sind auf Gestik, Mimik und Körpersprache angewiesen, um die Situation gut einschätzen und unser Verhalten anpassen zu können. Doch für alles Zwischenmenschliche bieten BigBlueButton & Co. keinen Raum: Kein Austausch vor der Lehrveranstaltung, kein spontanes Kaffee-Trinken danach, keine Situationskomik durch Umstände, die sich halt nur in Präsenz ergeben.

Zwischenmenschliche Leerstellen

Diese Abwesenheit des Zwischenmenschlichen im virtuellen Raum beeinflusst auch die Dynamik von Gruppenarbeiten. Zoom-Treffen in kleinen bis mittelgroßen Gruppen sind eben nicht das Gelbe vom Ei. Zu zweit funktioniert eine Unterhaltung über den Bildschirm noch, wollen aber drei, vier oder acht Personen lebhaft, fokussiert und tiefgründig miteinander diskutieren und ernsthaft an einem Projekt arbeiten, herrscht entweder pures Chaos oder Todesstille (wobei sich letzteres nach eigenen Erfahrungswerten eindeutig öfter ereignet). Dabei sind Gruppenarbeiten vor allem zu Beginn des Studiums sehr hilfreich, um sich an den neuen Uni-Alltag heranzutasten und sich in gelockerter Atmosphäre auszutauschen. Hat man seine Mitstudierenden aber noch nie „in echt“ gesehen, geschweige denn mit ihnen interagiert, wird das zu einer echten Herausforderung. 

Social Skills 101

Reden bedeutet nicht automatisch, einander auch zu verstehen. Kommunikation zwischen Menschen ist mehr als „A sagt, B sagt“, es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern auch Billionen zwischenmenschliche Zwischentöne, mit denen man sich auseinandersetzen muss, um ein gegenseitiges Verständnis sowie ein Gefühl für das „Miteinander“ aufzubauen. Und genau die Stärkung dieser Aspekte ist digital leider nur sehr schwer möglich. Um dennoch Beziehungen zu pflegen und sich ein soziales Umfeld aufzubauen, benötigt es viel mehr Eigeninitiative als sonst. Wichtig ist zudem, die beschränkten Möglichkeiten, die existieren, auch wirklich zu nutzen. Webcam anschalten, auch wenn es unangenehm ist. Aktiv beteiligen, auch wenn die Hemmschwelle groß ist. Damit bietet man seinen Mitstudierenden einen Zugang zur eigenen Person. Machen das alle oder viele so, haben wir zumindest begrenzt die Möglichkeit, auf zwischenmenschliche Signale zu achten und auf sie einzugehen.

Ein Hoch auf die Gemeinsamkeit

Selbst wenn man für seine Studienrichtung brennt – gemeinsam zu lernen und sich auszutauschen, bringt in vielen Fällen einfach so einige Vorteile mit sich. Und mit der Freude daran kommen auch Motivation, Interesse, Ehrgeiz und viele Chancen für die persönliche Weiterentwicklung. Es ist also allerhöchste Zeit, den Fokus wieder mehr auf das Miteinander und Gemeinschaft zu legen. Mit physischer Anwesenheit geht das natürlich am besten. Es lohnt sich also, Lehrveranstaltungen, die in Präsenz angeboten werden, auch wirklich zu besuchen. Auch wenn das Bett angenehm warm und halb neun Uhr morgens für Studierende schon ziemlich früh ist. Ergeben sich private Treffen, sollte man diese Chance auf alle Fälle nützen. Jetzt ist nämlich genau der richtige Zeitpunkt, all dem, was in den letzten Monaten viel zu kurz gekommen ist, wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Mehr Gemeinschaft, mehr persönlicher Austausch, mehr Gelegenheiten, den eigenen Horizont zu erweitern. Wir sollten uns wieder näherkommen (zumindest so gut es geht) und auf die Art und Weise wie wir miteinander kommunizieren achten – egal ob bei Karaoke-Night, Spieleabend oder Nachmittags-Kaffeetscherl. 

Beitragsbild: Eva Unterrainer