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Gedanken zum Herbst & zur Vergänglichkeit

Jedes Jahr fallen mir die Blätter wieder etwas zu schnell. Ich möchte mich auflehnen, sie aufheben und zurück an ihre Bäume kleben. Ich möchte ihre ganze Pracht erhalten, sie bestaunen und mich in ihren Farben verlieren. Ich möchte das Rot-Gelb-Grün, die Unordnung und das weiche Gefühl unter meinen Schuhen noch eine Sekunde, einen Tag länger genießen. Ich möchte mittelmäßig weich in Laubhaufen fallen, wenn nichts anderes mehr da ist, was mich halten kann. Ich möchte durch ein Spalier aus bunten Bäumen stolzieren und mein Gesicht der Sonne zuwenden, ohne Gedanken an die nahende Kälte zu verschwenden, die mir eisige Tränen in die Augen treibt. Nur einmal würde ich gerne noch den einen Moment genießen, an dem alles gut, alles in rot und gelb eingefärbt um mich herum existiert.

Es vergeht keine Minute ohne das Gefühl, dass mir die Momente der bunten Blätter wie Sand zwischen meinen Fingern davon rinnen. Festhalten, Standhalten, Dagegenhalten bringt alles nichts, wenn der Baum sich entschieden hat, seinen Ballast abzuwerfen. Aber ich möchte dieses Gefühl länger behalten. Diese Frische am Morgen, diese Weite des Nebels, die Stunden, in denen die Sonne fast spätsommerlich durch die Gläser meiner Sonnenbrille scheint. Den Wind, wie er meinen Kopf leer fegt von allen noch in Ecken und Windungen verkrochenen Gedanken, mich leer und atemlos zurücklässt.

Doch ich kann die Blätter nicht mehr zurück an ihre Stammplätze kleben. Ich habe den Moment verpasst. Den Moment, an dem alles gut erschien, die Schwere der Welt durch das Rascheln der Winde durch die Baumkronen verdrängt war. Es ging mir zu schnell. Viel zu schnell, wie so vieles in meinem Leben rasant an mir vorbeizieht, ohne Rücksicht auf meinen immerwährenden Zustand der Nostalgie. Ohne Rücksicht auf mein Festhalten, Anhalten, nicht Los- oder Sein lassen. Mein starrer Blick schließt sich wie eine schützende Hand um die letzten Farben, die am Himmel wie kleine Wolken zu schweben scheinen. Ich möchte sie einfangen, eingebrannt auf der Netzhaut meiner Augen, als ständig begleitender Filter, durch den ich mein Leben betrachten will.

Doch das Bild fällt mir aus dem Kopf, kullert auf den Boden, zerschellt in seine kleinsten Einzelteile, still und leise. Jedes Blatt, gefallen auf die feuchte Erde vor meinen Füßen, hält meinen Blick eine Sekunde zu lange fest. Sollte ich weinen, weil sie gefallen sind? Oder zukunftsfreudig nach vorne blicken, wenn aus ihren letzten Ästen wieder Neues sprießt? Ich sehe wie im Tunnelblick nur den Verfall, habe Angst. Angst vor der Schwere und Dunkelheit, der kargen, eintönigen Landschaft draußen, wie auch in mir drinnen. Der bunt erleuchtete Herbst gibt mir Hoffnung, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Der Herbst lässt mich aufblicken aus dem Sumpf, der mich sonst umgibt. Er erhellt mir meine Gedanken, lässt mich meine Fehler ein wenig weniger bereuen. Diese Jahreszeit schafft es, dass ich aufatme, einatme, Luft ein-Luft aus, einmal mehr atme, Kraft habe weiter zu atmen.

Doch jedes Jahr wieder habe ich das Gefühl mehr zu verpassen als zu erleben. Jedes Jahr mehr fällt es mir schwerer, die bunte Zeit zu genießen, als nicht schon in Angst vor der Vergänglichkeit getrieben durch die Blätterhaufen zu irren. Die Blätterhaufen, die sich viel zu schnell auf der Erde vergrößern, als ein Mahnmal der Vergänglichkeit, der fehlenden Statik des Lebens. Wackelig steht ihre Existenz auf den Beinen, meinen Beinen, die wie verirrt ihre Aufgabe vergessend nachgegeben haben. Nicht standgehalten in Momenten, als der Herbst sich zum Winter wand, mich einkreiste und mir die Farben aus den Augen riss.

Wird es sich je ändern, dieses Gefühl des Nicht-genug-da-Seins? Des vielleicht-habe-ich-es-schon-verpasst-Seins? Meine Traurigkeit schreibt auf jedes gefallene Blatt ein Gedicht. Jedes verwelkte Stück des Baumes über mir treibt mir mit den schönsten Worten die Tränen in die Augen. Die Poesie der Natur vermischt sich mit meinen Gedanken und Worten, meinen verwirrten Kopfgespinsten. Worte, die klar und deutlich ihre Wege durch meine Synapsen schlagend, mich aufheulen und doch vor Freude und Wärme weinen lassen. Die mich einhüllen in ihre Scheinwelt aus Sonne und Unschuld, gebettet auf weichem Moos auf der Lichtung der Freiheit meiner Gedanken. Wird der Herbst mir je lang(sam) genug sein?


Bild: Valentina Adriana Ranseder


Studentin in Innsbruck. Irgendwo zwischen zwei Studiengängen hängengeblieben. Sensibel, Bücherwurm, Hundenärrin. In mein Gedanken-Wirrwarr könnt ihr in meinen Artikeln eintauchen.