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Fünf Milliliter Blut und drei Tage Ungewissheit

Im vergangenen Jahr 2020 gab es 332 neue Humane Immundefizienz-Virus-Diagnosen, kurz HIV-Diagnosen in Österreich, 25 davon in Tirol. Zwar gibt es besonders vulnerable Gruppen, aber betreffen kann es jede*n: Jung, alt, Frau oder Mann. Die von HIV ausgelöste Krankheit Aids ist keine Krankheit, mit der ich bisher in Berührung kam oder die mir Angst macht. Und trotzdem lasse ich mich das allererste Mal gegen HIV testen und warte nervös auf das Ergebnis.

Der jährliche Check beim Zahnarzt gehört für viele einfach dazu. Auf HIV oder andere sexuell übertragbare Krankheiten lassen sich jedoch die wenigsten regelmäßig testen, denn es sind noch immer gesellschaftliche Tabuthemen. Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember, der 1988 von der Weltgesundheitsorganisation (englisch World Health Organization, kurz WHO), ausgerufen wurde, solidarisieren sich Menschen weltweit mit den Betroffenen. Dieses Jahr steht er unter dem Motto „End Inequalities. End Aids. End Pandemics.“ Vor allem während Corona soll HIV nicht in Vergessenheit geraten.

Das Vorgespräch

Montag, 17 Uhr. Es ist nass und kalt, die Autoscheinwerfer spiegeln sich auf den Straßen. Trotz Lockdown sind die Straßen rund um das Klinikum und die Aids-Hilfe in der Kaiser-Josef-Straße gut frequentiert. Ein herrschaftliches Haus mit lila Teppich im Eingangsbereich. Im Erdgeschoss befindet sich die Aids-Hilfe Tirol. Ich habe mich eine Woche zuvor online für einen Test angemeldet. Mithilfe eines selbst gewählten Losungsworts bin ich anonym. Innen sieht es ein wenig nach 80er Jahre aus. Grüner PVC-Boden, an den Wänden hängen bunte Plakate, die die Flaggen von Sexualitäten zeigen – mit einem Augenzwinkern. Bei der Anmeldung werde ich nur nach meinem Losungswort gefragt und warte anschließend kurz auf einem der bunten Stühle im engen Gang. Der Geschäftsführer Georg Gierzinger bittet mich in sein Büro und führt das Vorgespräch. Er fragt, ob es mein erster HIV-Test ist – ich bejahe. Weiter geht es mit dem Testgrund und ob ich einen kostenfreien Labortest machen möchte oder einen Schnelltest für 20€. Die Entscheidung fällt auf den kostenfreien Labortest, hier wird auf den Virus und Antikörper getestet, erklärt Gierzinger. „Dadurch wird das Ergebnis besonders sicher.“ Nach dem Gespräch sitze ich wieder kurz auf dem Gang, eine weitere Frau sitzt mit Abstand neben mir. Keine zwei Minuten später erfolgt der Aufruf zum Arzt. Es wird ernst.

Über die verschiedenen Sexualitäten lernen selbst die Mitarbeitenden der Aids-Hilfe in Workshops mit Jugendlichen immer wieder Neues, so die Beraterin Nora Kropf. Bild: Jasmin Eiglmeier

Anstieg der sexuell übertragbaren Krankheiten

Zwar ist die Anzahl der HIV-Neudiagnosen 2020 in Österreich gesunken (2019: 430; 2020: 332), dies ist jedoch trügerisch, so Gierzinger. Denn es wurde wegen der mehrfachen Lockdowns auch weniger getestet und etwas Fluktuation ist normal. Vor allem nach den coronabedingten Schließungen der Einrichtung ist die Nachfrage nach Tests besonders hoch – nicht nur auf HIV, sondern auch andere sexuell übertragbare Krankheiten bzw. Infektionen wie Syphilis, Gonorrhoe, Chlamydien und Hepatitis (engl. STD = sexually transmitted diseases und STI = sexually transmitted infections). Syphilis, Gonorrhoe (auch Tripper genannt) und Chlamydien können über Bakterien bei Vaginal-, Anal- und Oralsex übertragen werden.  Syphilis ist meist an einem Geschwür an Penis oder Schamlippen zu erkennen, das eine durchsichtige Flüssigkeit absondert. Gonorrhoe und Chlamydien verursacht bei Männern und Frauen oft Schmerzen beim Urinieren und Ausfluss aus der Harnröhre oder Vagina / Penis. Oft verlaufen sie jahrelang symptomlos, können bei Nicht-Behandlung jedoch beispielsweise zu Leberschäden oder Unfruchtbarkeit führen. Durch die Behandlung mit Antibiotika können sie geheilt werden. Die niederschwellige Online-Anmeldung zur Testung auf Geschlechtskrankheiten sieht die Aids-Hilfe positiv. Denn so kommen viele junge Menschen vor allem zwischen 20 und 35 Jahren vorbei, die sich testen und beraten lassen. Denn gerade in dieser Altersgruppe sind STI weltweit wieder im Kommen.

Die Blutentnahme

Dr. Peter Berger ist im mittleren Alter, trägt kurze graue Haare und eine knallrote, runde Brille. Er sieht auf den ersten Blick sympathisch aus. Ich warne ihn kurz vor, dass mein Kreislauf Blutentnahmen in der Regel nicht so feiert, aber er meint nur „das haben schon viele gesagt und in fast 30 Jahren ist mir erst einer wirklich umgekippt.“ „Challenge accepted“, denke ich. Für den HIV-Test braucht das Labor nur wenige Tropfen Blut, daher wird ein Röhrchen mit fünf Millilitern abgenommen. Der Arm wird mit einem Venen-Stauer abgebunden. Die Nadel spüre ich noch, aber das Blut fließt ohne Weiteres ins Röhrchen. Um mich abzulenken, schaue ich mich während der Blutabnahme im Zimmer um. Bergers kleines Zimmer ist halb Büro, halb Arztzimmer. Es stehen Schreibtisch und Regale darin, aber auch ein rot gepolsterter Patientensessel und Praxiszubehör wie Nadeln, Tupfer und Co. Nach wenigen Sekunden ist es vorbei. Der Arzt sticht so geschickt, dass ich seit Langem bei einer Blutabnahme bei Bewusstsein bleibe. Ich darf noch kurz sitzen bleiben. Wie Gierzinger zuvor erklärt auch Berger, dass ich am Donnerstag das Ergebnis abholen kann – persönlich. Das bedeutet drei Tage warten. Auch wenn ich mein persönliches Risiko für HIV als relativ gering einschätze, schweifen die Gedanken in den nächsten Tagen öfter ab und ich frage mich: „Was wäre wenn?“

Ganz normales Leben dank HIV-Therapie

Wichtig bei einem positiven Ergebnis ist das erste „Auffangen“. Deshalb wird das Ergebnis auch während des Lockdowns bevorzugt persönlich übermittelt, egal ob positiv oder negativ. Denn allein am Telefon eine solche Diagnose zu bekommen, kann den Boden unter den Füßen wegziehen. Sollten wirklich Antikörper oder der HI-Virus im Blut nachweisbar sein, so wird sofort ein Termin im Klinikum vereinbart. Ein*e Mitarbeiter*in begleitet den Patient*in dorthin, um die weitere medizinische Versorgung zu klären. Bereits seit 20 Jahren gibt es laufend verbesserte Medikamente, die den Betroffenen ein nahezu normales Leben ermöglichen. Ein oder zwei Tabletten am Tag und der*die Betroffene kommt schnell unter die Nachweisgrenze. Sind fast keine Viruskopien mehr im Blut nachweisbar, so kann man niemanden mehr anstecken – selbst bei ungeschütztem Sex. Für HIV-positive Mütter bedeutet das, dass sie auf normalem Weg Kinder bekommen können. Der Schutz durch Therapie zählt bei HIV auch zu den Safer-Sex Regeln. HIV-Infizierte haben heute eine normale Lebenserwartung, denn aus der tödlichen Krankheit Aids wurde die chronische Infektion mit HIV. Vor und nach einem potenziellen Ansteckungsrisiko hat jede*r von uns heute ebenfalls Möglichkeiten, sich zu schützen. Mithilfe der PrEP (= Prä-Expositionsphrophylaxe) und PEP (= Post-Expositionsprophylaxe) kann sich jede*r vorsorglich schützen und das Risiko für eine Infektion vermeiden. Letztere ist in jedem österreichischen Krankenhaus vorrätig.

Der Red Ribbon zeigt weltweit Solidarität mit HIV-Infizierten und wurde schon von Prinzessin Diana, Elizabeth Taylor und Alfred Gusenbauer in der Öffentlichkeit getragen. Bild: Anna Shvets (pexels.com)

Das Ergebnis

Drei Tage sind vorbei. Die Zeit verging dank Unistress schnell und ich bin auf dem Weg zur Aids-Hilfe. Und trotzdem: Die Passant*innen auf der Straße haben alle keine Ahnung, dass sich in wenigen Minuten mein Leben auf den Kopf stellen könnte, denke ich. Ich sperre mein Rad ab und folge dem ausgerollten lila Teppich wieder in das Haus. An das Losungswort kann ich mich mittlerweile auswendig erinnern. Nach dem Aufruf sitze ich schräg neben Nora Kropf, die für Prävention und Beratung in der Tiroler Aids-Hilfe zuständig ist. Sie legt mir den Befund auf den Tisch. „Nicht reaktiv“ steht in fett gedruckten Buchstaben darauf. Kurz dauert es, bis ich verstehe, dass der Test negativ ist. Ich HIV-negativ bin. Ein kleines Steinchen fällt mir dann doch vom Herzen.

Diskriminierung schlimmer als Krankheitsbild

Bei einer positiven HIV-Diagnose ist die psycho-soziale Betreuung für die*den Infizierte*n sehr wichtig, denn der*die Infizierte muss dieses Ergebnis für sich erst einmal verarbeiten. HIV ist immer noch eine „Zäsur im psycho-sozialen Gesamthaushalt eines Menschen“, so der Gesundheitspsychologe Dr. Fritz Aull der Aids-Hilfe Tirol. Vor allem in der Gesellschaft gibt es noch viel Diskriminierung aufgrund von Unwissenheit gegenüber der Diagnose. Zum Beispiel gibt es in Tirol keine*n einzige*n, in der Öffentlichkeit geoutete*n, Infizierte*n. Im kollektiven Gedächtnis herrschen noch immer die Bilder aus den 80ern vor, als Aids, plakativ gesagt, die Schwulen dahinraffte und vieles um die Krankheit ungeklärt war. Im beruflichen Kontext beispielsweise waren die Betroffenen aber noch nie ansteckend und sind es heute mit Therapie erst recht nicht. Aull: „Gerade deshalb wünsche ich mir statt dem Schweigen offene Gespräche über HIV – ohne Bagatellisierung, aber auch ohne Dramatisierung.“


Bei Fragen zu den Themen HIV, Aids oder sexueller Gesundheit kannst du dich z. B. bei der Aids-Hilfe Tirol jederzeit online informieren. Auch die Anmeldung für Tests auf HIV, Syphilis, Gonorrhoe, Chlamydien oder Hepatitis A, B und C findest du dort.

Titelbild: Klaus Nielsen (pexels.com)

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