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Eine nette Bescherung

In der Nacht des zweiten Advents liefern wir euch hiermit die zweite weihnachtliche Geschichte unserer Adventreihe. Wenn du bereits genug von generischer Ruhe und zwanghafter Besinnung hast, wird dich der folgende Text höchstwahrscheinlich unterhalten.

von Erich Kästner

Herr Arno Leinert stand vorm Schlafzimmerspiegel und klebte sich einen Vollbart. Genau betrachtet, handelte sich`s um höchst ordinäre, schmutzig graue Watte, die nur, weil sie ans Kinn gepeppt wurde (aus geografischen Gründen sozusagen), als Vollbart angesprochen zu werden verdiente. ­ Herrn Leinerts Verkleidungsbedürfnis ging aber weiter. Er band sich eine Larve vor, die ihn nicht eigentlich vorteilhaft veränderte: runde, blutunterlaufene Bäckchen wölbten sich unter unerträglich stupiden Schlitzaugen, und eine Kartoffelnase, due jede Vorstellung übertraf, zitierte wie nervöser Pudding über dem Wattekinn. Das, was Leinert im Spiegel sah, glich zehnmal eher einer geplatzten Matratze als einem Gesicht … Er lächelte der im Spiegel starr grinsenden Maske zu und stand im Begriff, vor sich selber Angst zu bekommen, als die Stimme seiner Frau durch den Flur klingelte: „Arno, mach schnell! Wir können mit der Bescherung nicht länger warten!“

Leinert stieß mehrere Worte hervor, die dem Heiligabend ­ denn um diesen handelte sich´s im vorliegenden Falle ­ in keiner Weise gerecht zu werden vermochten. Dann zerrte er seinen Gehpelz aus dem Schrank, stülpte ihn (den Pelz, versteht sich) um und kroch hinein, so dass er nahezu einem Tiger glich, der „Männchen“ macht. Als Kopfbedeckung erwischte er, eher zufällig als in Absicht, den Zylinder. Schließlich packte er den Teppichklopfer, warf eine zum Sack verarbeitet Chaiselonguedecke über die Schulter und stampfte flurwärts.

Der Effekt des weihnachtsmännisch verkappten Herrn Leinert übertraf jede Erwartung. Sogar die Erwachsenen wurden blass. Leinerts Frau nämlich und ihre Schwester, die mit einem Metallarbeiter Börner verheiratet war und diesen mitgebracht hatte. ­ Geradezu jammervoll wirkte Leinerts Äußeres allerdings auf dessen eigenen Sohn, der auf den Namen Egon härte und von Natur ängstlich war. Egon stand, bevor der Papa eintrat, am Christbaum und memorierte rücksichtsvoll ein paar Verse, die er ­ unbeschadet seiner fünf Jahre ­ erlernt und darüber hinaus begriffen hatte.

Es hat keinen Sinn, länger das Resultat der Leinert´schen Bescherung zu verheimlichen … Als jenes Ungetüm, zu dem Herr Arno Leinert sich verwandelt hatte, die Stube betrat, schrie Egon derart markerschüttert auf und setzte sich so unzweideutig auf den kleinen Hosenboden, dass Frau Leinert nichts Besseres wusste, als mit dem schreienden Söhnchen im Laufschritt das weihnachtlich duftende Gemach zu verlassen.

Gut Ding will Weile. Und Egon kam so bald nicht wieder zum Vorschein … Leinert kratzte sich die Watte vom Kinn, zerrte die Larve wütend vom Gesicht, stülpte den Zylinder auf die Goethe-Büste und sank mürrisch neben Börners in einen Stuhl. „Na, warum habt ihr eure Kinder nicht mitgebracht?“, fragte er die Schwägerin. „Max wollte nicht“, meinte Frau Leinerts Schwester und blickte verlegen auf ihren Mann. „Ist nichts für Arbeiterkinder“, erklärte Börner. „Neid ist schon für uns Große schädlich, Kinder ruiniert es in Grund und Boden. Ein Kind, das zwei Paar wollene Strümpfe kriegt, darf nicht zusehen, wenn andere mit elektrischen Eisenbahnen spielen und Hunde mit Marzipanbrot füttern.“ Arno Leinert schob sich aus dem Stuhl, kippte einen Kognak und sagte: „Knurre nicht, Schwager! Weihnachten ist bekanntlich das Fest der Freude.“ „Da fangt nur bald an, euch zu freuen!“, schlug Börner vor.

Leinert zuckte mit den Achseln und verließ das Zimmer. Dann hörte man irgendwo schreckliches Gebrüll und diabolisches Fluchen. Börner packte seine Frau bei der Schulter „Komm, Alma, wir gehen wieder.“ Die Frau stülpte ihr unscheinbares Hütchen auf den Kopf, blinzelte in die Christbaumkerzen hinein, trat vor den geschenkbeladenen Ausziehtisch, streichelte ein Pelzmäntelchen, bewunderte einen Stapel seidener Hemden, krampfte die Hände in Spitzen und Chinakrepp und sagte „Mann, nimm dir wenigstens noch eine von den guten Zigarren.“ Er sah sie ein wenig böse an und zog sie zur Türe.

Da sprang Leinert ins Zimmer und schrie: “So ein Quatsch verdammter! In was für `ne Kleinkinderbewahranstalt bin ich denn hier geraten!“ Und schon trampelte er, wie ein gereizter Elefant, auf der am Boden sorglich aufgestellten Eisenbahn herum, auf dem Bahnhof, auf dem Stationsvorsteher, den Signallampen und dem zierlichen Stellhaus. Ohne eine Wort zu verlieren, in stummer Verzweiflung, zerstampfte er, was ihm unter die Sohlen geriet. Dann stieß er, wie ein Fußballer, das vorzeitige Gerümpel unter die Schränke und brüllte „Blech!“ Schließlich riss er das Fenster auf und warf alles, was er erwischen konnte, zum Fenster hinaus: Bilderbücher und Dessous, Baukästen und Schlipse, Perlenkolliers und Kinderkleider, Dichterquartette, Uhrketten und Ölsardinen ­ alles sauste im Bogen aufs Pflaster.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Börner. Und als keine Antwort kam, fragte Börners Frau: „Wo sind denn Herta und Egon?“ ­„Im Bett ist die Bande!“, kreischte Leinert, „der Herr Sohn hat den Schreikrampf, und seine Mutter telephoniert zum Onkel Doktor, es stürbe wer! So eine schwächliche Bagage! Ich fahre fort. Und sie mögen um die Wette schreien, solange sich´s die Nachbarn gefallen lassen. Sie sollen ihre werten Nerven einmotten und ihre Stiefelchen mit Watte besohlen lassen! Ich hab genug!“ Damit stürmte er aus dem Zimmer, das aussah, als sei ein Gewitter niedergegangen. ­

Börners schlugen sich schleunig in die Büsche. Vor dem Haus standen und kauerten viele Menschen und suchten Weihnachtsgeschenke aus dem Dreck. In der Ferne tauchte der Schutzmann auf Die Menge fuhr eilends auseinander. Frau Börner blickte neugierig auf die Straße und flüsterte „Ob das Halsband noch daliegt?“ Aber der Mann packte ihren Arm und zog sie fort.

Beitragsbild: „nach der weihnachts bescherung 1901“ by janwillemsen is licensed with CC BY-NC-SA 2.0

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