Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

Wird es heuer wieder Weihnachten?

Ein Stimmungsbild zum ersten Schnee

Zitternd vergraben wir die Nasen in unseren Schals, das Licht der Straßenlaternen umtanzt von warm angeleuchteten Flocken. Die Wangen schon rot und taub, die Schultern hochgezogen und doch der Blick ganz verzaubert. Während der Schnee zwischen unseren Füßen knirscht und jeder Ton selbst der Atem durch die weißen Decken gedämpft wird.

Mit der Weihnachtszeit sind die verschiedensten Traditionen verbunden: In Spanien freuen sich die Menschen auf die „Loteriá de Navidad“ am 22. Dezember, in Polen können Tiere wohl an Heiligabend sprechen. In Tschechien wird die Zukunft anhand eines aufgeschnittenen Apfels vorausgesagt, Italiener*innen begnügen sich erst mit vier Weihnachtsfeiern, während im frostigen Russland sehnlichst noch auf Väterchen Frost gewartet wird.

Wir blicken den Feiertagen janusköpfig breit lächelnd und seufzend entgegen. Doch womit verbinden wir diese Melancholie an den Feiertagen? Sind es die farbigen Kindheitserinnerungen, deren Ferne sich uns erst mit diesen Traditionen manifestiert? Ist es die uns bewusste Flüchtigkeit dieser schönen Momente, in denen gemeinsam voller Elan angepackt, geschmückt und gebacken wird, ein Stück Geschichte gepflegt und damit auch ihre Bedeutsamkeit in uns evoziert?

Plausibel erscheint überdies das Dogma der inneren Heiterkeit. „Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum“ versprühen zu müssen, damit „Tochter Zion“ sich freut und jede*r von uns „den leise rieselnden Schnee“ auch vernehmen kann. Es ist eine Zeit der Achtsamkeit und Bescheidenheit – bis zum Geschenke kaufen jedenfalls. Danach gibt es kein Bremsen und Halten mehr. Jesus in der Krippe, überhäuft mit Geschenken, die nicht für ihn bestimmt sind – und das zudem an seinem 2021. Geburtstag. Wobei dies wohl unter christlicher Nächstenliebe verbucht werden könnte.

Doch Überschwänglichkeit und Ausgelassenheit sind ebenfalls bestimmend für diese Zeit. Wer es noch vor zwei Wochen an den Christkindlmarkt geschafft hat, hat wohl auch den einen oder anderen Glühwein in den Händen gehalten und ihn mit der sehnlichst vermissten Advents-Normalität verbinden können. Mit Familie und Freund*innen beisammenzusitzen und die gemeinsame Zeit zu genießen. Das, umgeben von grüner und roter Weihnachtsdeko, ist das Bild, welches die folgenden Monate beim Gedanken an die Weihnachtszeit vor dem geistigen Auge erscheint. Es riecht nach Zimt, Nelken, Harz, diesem Eigengeruch, den die Christbaumkugeln nach dem Jahr im Keller manchmal haben, nach Vanille und Kindheit.

Alle paar Stunden reißt uns „Last Christmas“ aus dem Weihnachtsmärchen, indem es inmitten der Endlosschleife an Weihnachts-Liedern immer wieder in die Warteliste aufzutauchen scheint. Die Erinnerung an all diese kleinen strahlenden Rahmenmomente wird dieses Jahr allerdings wieder durch den grauen Schatten der inzwischen zwei-jährigen Pandemie getrübt. Anhand der nun doch steigenden Befürchtungen von Eskalationen der Impfgegnerschaft (wohl exorbitant höher als bei Impf-Skeptiker*innen und abwartenden „Impf-Faulen“), deretwegen nun Polizeistreife und Sicherheitspersonal sogar bei Teststraßen erforderlich sind, verflüchtigt sich der Duft von Keks- und Zimtgerüchen aus den Gedanken.

Seit Längerem wird nun schon wieder von der Spaltung der Gesellschaft gesprochen, der Realität von Triage-Effekten an Krankenhäusern und dem ewig omnipräsenten Thema der FakeNews – angetrieben von einem manipulativen Schüren von Angst und fokussiert auf Wähler*innen-Stimmen kurzer Legislaturperioden, einer Politik, die keine Fehler eingesteht. Es wird einem dann eher übel beim Vorbeischlendern an dreistelligen Preisen für Adventskalendern an der Kassa, während es überall grell nach Weihnachten schreit, aber nirgends sich ebendiese Gesellschaft voller Solidarität und christlicher Nächstenliebe erscheint, als die sie sich darstellt.. Schuld sind wohl die „anderen“.

https://praxistipps.focus.de/weihnachtsbraeuche-aus-aller-welt-die-skurrilsten-traditionen_97551