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PolitFilmFestival vol. II: Indoor: Heimat versus Kapital

Im Vier-zu-drei-Format begrüßt Filmdirektor Christoph Eder als glückliches Kind die Zuschauer*innen im Dokumentarfilm Wem gehört mein Dorf?. Hierbei fiel mir sofort der Spruch „Früher war alles besser!“ ein. Das scheint auf das kleine Dorf Göhren, auf der Insel Rügen in der Ostsee tatsächlich großteils zuzutreffen. Mit alten Videoaufnahmen von intakter Natur und glücklich spielenden Kindern, die aus seiner Heimat stammen, schafft Eder den Kontrast zur heutigen Wirklichkeit. Denn heutzutage ist der wunderschöne Badeort auf dem Weg, eine überlaufene Tourismusattraktion zu werden. Szenen von Männern mit Bierbäuchen und Schlagermusik zwingen den Zuschauer*innen sogar Vergleiche mit Mallorca auf. Was ist dort in den letzten Jahren und Jahrzehnten passiert? Wodurch ist dieser Wandel entstanden?

Vier in Göhren alteingesessene Männer, welche sich selbst „Die Vier von der Stange“ nennen, winken mit ihrer Mehrheit in den Gemeinderatssitzungen regelmäßig die Bauvorhaben des Großinvestors Wilfried Horst durch. Unter dem Vorwand Wohnraum zu schaffen, baut Horst jedoch immer mehr Ferienappartements und Hotels. Dagegen formiert sich eine kleine Bürgerinitiative, welche auch bei den Gemeinderatswahlen antritt.

Zwei sehr relevante Gegenspieler*innen von den diesen sogenannten „Vier von der Stange“ sind Nadine Förster und ihr Vater Bernd Elgeti. Während sie sich für eben jene neue politische Kraft mobilisieren, aus der sich die Bürgerinitiative entwickelte, sieht man Markus von der Stange auf einem Strandbuggy mit vier Deutschland-Flaggen auf dem Weg zur Stammkneipe, wo sich die vier Männer regelmäßig über neue bauliche Großprojekte austauschen. Immer wieder zeigt Eder auch die Sitzungen des Gemeinderats und somit Kommunalpolitik in ihrer puristischsten Form. Interessenskonflikte und hitzige Gespräche werden mehrmals durch die erzählerische Stimme Eders, sowie durch ruhige Bilder von der Ostsee und den Wäldern unterbrochen. Der Regisseur zwingt damit die Zuschauerschaft regelmäßig zur Reflexion der vorausgegangenen Szene. Gleichzeitig ist der Film von einem unverwechselbaren norddeutschem Flair gekennzeichnet. Fischbrötchen und die kühlen sozialen Interaktionen zwischen den Protagonist*innen prägen die Wahrnehmung der Zuschauer*innen.

In Wem gehört mein Dorf? schafft es Christoph Eder globale Probleme der Gegenwart im kleinen Rahmen des Dorfes Göhren darzustellen und trotzdem eine ordentliche Spannungskurve, sowie Charme und Humor miteinzubauen. Somit ist Wem gehört mein Dorf? bestimmt kein üblicher Dokumentarfilm über Tourismus, sondern eine gleichzeitig witzige und sehr ernst zu nehmende Reflexion der Wirklichkeit in vielen, vom Tourismus geprägten Orten der Welt.

Wem gehört Tirol?

Anschließend an den Film wurde eine Diskussion am Podium abgehalten. Die Diskutant*innen Anna Burton (WIFO, Forschungsbereich: Tourismusökonomie und Freizeitwirtschaft), Martin Neururer (Bürgerinitiative Lebenswertes Oetz), Thomas Praxmarer (Bürgerinitiative Feldring) und Sepp Niedermoser (Bürgerinitiative Gebiet Kitzbühel) holten das Thema Heimat versus Kapital unter der Moderation von Ö1-Redakteurin Juliane Nagiller nach Tirol. Nach ersten Schilderungen und Erzählungen von den Bürgerinitiativen in Tirol wurde die Diskussion eröffnet und der Dialog mit dem Publikum gestartet. Dabei kam auf, dass das Tourismusland Tirol ein großes Problem mit Hauptwohnsitzen, die eigentlich keine sind und sogenanntem „Overtourism“ hat.

 

v.l.n.r.: Juliane Nagiller, Anna Burton, Thomas Praxmarer, Sepp Niedermoser, Martin Neururer  © Alena Klinger

 

Wie üblich gelang es dem großartigen Team vom PolitFilmFestival, dieses Jahr mit insgesamt vier Filmen, viele verschiedene politische Themenfelder zu projizieren, zu diskutieren und zu reflektieren. Ich hoffe sehr, nächstes Jahr wieder dabei sein zu können und dich vielleicht für diesen Film oder das Festival begeistert zu haben.

ein Innsbrucker, der gerne diskutiert, lacht, raunzt, isst und trinkt!