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PolitFilmFestival vol. II: Indoor: Die Kraft des Ungesagten

45 Jahre Kindesmissbrauch, Folter, politische Gefangene, Indoktrination. Der Schaden, den Paul Schäfer und seine Sekte in Chile anrichteten, ist mit Worten kaum zu beschreiben. „Songs of Repression“ versucht es trotzdem – und erreicht sein Ziel auf behutsame, angemessene Weise durch das, was zwischen den Zeilen bleibt.

Den Abschluss des diesjährigen PolitFilmFestival machte der Dokumentarfilm Songs of Repression. Vielen wird die ehemalige Colonia Dignidad, von welcher der Film handelt, durch den gleichnamigen Spielfilm mit Emma Watson und Daniel Brühl ein Begriff sein. Es handelt sich dabei um eine evangelikale Sekte hauptsächlich deutscher Auswanderer*innen in Chile, wo systematische Misshandlung und Unterdrückung den Alltag der Bewohner*innen prägten. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und in einem perversen kommunalen System mit ständiger Kontrolle erzogen. Schläge und Folter waren an der Tagesordnung. Aber nicht nur die völlig indoktrinierten Dorfbewohner*innen, die sogenannten Colonos, litten unter den Misshandlungen. Zur Zeit der Pinochet-Diktatur unterstützte die Colonia den chilenischen Unrechtsstaat, folterte und tötete politische Gefangene. Bis heute laufen hierzu Untersuchungen der Behörden, immer wieder werden neue Massengräber entdeckt.

Indoktriniert bis heute

Der Ansatz der Filmemacher*innen Estephan Wagner und Marianne Hougen-Moraga unterscheidet sich deutlich von jenem des Spielfilms aus 2015. Durch einen Blick in die Gegenwart des Sektendorfes, welches heute Villa Baviera heißt, werden die Zuschauer*innen langsam an die schaurige Geschichte dieses Ortes herangeführt. In vielen Interviews erzählen die verbliebenen Bewohner*innen ihre Sicht der Dinge. Einige sind noch immer völlig indoktriniert – der Sektengründer, der verurteilte 25-fache Kinderschänder, Sadist und Nazi Paul Schäfer, ist für sie bis heute ein „Gottesmann“, unter dem „nicht alles schlecht“ gewesen sei. Bei anderen spürt man die Last ihrer Vergangenheit durch viele Andeutungen und Widersprüche. Je reflektierter sich die Colonos mit ihrer Vergangenheit beschäftigen, so scheint es, desto unerträglicher wird für sie ihre Beteiligung an den schrecklichen Vorgängen in der Colonia.

Tourismus auf den Gräbern politischer Gefangener

Neben dem persönlichen Schicksal der aktuellen und ehemaligen Dorfbewohner*innen geht es in dem Film auch um den aufstrebenden Tourismus in Villa Baviera. Findige Unternehmer*innen haben dort ein Hotel gebaut und unterhalten Tourist*innen mit einer unappetitlichen Mischung aus deutsch-bayerischer Folklore, Führungen durch die Siedlung, Missbrauchsgeschichten und Wellness. Menschenrechtsorganisationen laufen dagegen Sturm und kritisieren, dass all dies auf den Gräbern zahlloser politischer Gefangener aus der Pinochet-Diktatur geschieht. Sie fordern einen Ort der Erinnerung. Auch die Tatsache, dass schwer traumatisierte ehemalige Colonos im Auftrag externer, von Profitinteressen getriebener Unternehmer*innen Führungen durch die Stätten ihrer Misshandlung, Vergewaltigung und Unterdrückung geben, stimmt betroffen.

Was Songs of Repression so bedrückend macht, sind weniger die in den Interviews getätigten Aussagen der heutigen Bewohner*innen der Villa Baviera und mehr das spürbare Ausmaß der Ungeheuerlichkeit des ungesagt Gebliebenen. Als Beispiel lässt sich eine Szene nennen, in der ein Colono mit den Filmemacher*innen die Massengräber besucht, in denen politische Gefangene von der Sekte verscharrt wurden. Er nimmt die Aura des Ortes nur am Rande wahr und staunt auf kindliche Weise über einen großen Fliegenpilz, welcher am Rande der Ausgrabungsstätte wächst.
Auch aus diesem Grund war Songs of Repression wohl jener Festival-Film, welcher am meisten durch die anschließende Podiumsdiskussion aufgewertet wurde.

Zwischen den Zeilen, ausgesprochen

Die Stimmung im Saal 1 des Leokinos war bedrückt wie selten bei dieser Ausgabe des PolitFilmFestival, als der ehemalige Colono Winfried Hempel von seinen Erfahrungen berichtete. Die ersten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er in der Colonia Dignidad, alle Protagonist*innen des Films kannte er persönlich. Zu jedem und jeder konnte er Geschichten erzählen, welche für das Publikum kaum zu ertragen waren. Hempel ist heute Anwalt und zählt unter anderem Opfer der Colonia zu seinen Mandant*innen – nicht nur ehemalige Bewohner*innen, sondern auch ehemalige politische Gefangene und ihre Angehörigen. Der zweite Gast war Dieter Maier, ein Autor und Philosoph, welcher sich schon Mitte der 1970er-Jahre mit Amnesty International dafür einsetzte, dass vor allem der deutsche Staat Verantwortung für die Geschehnisse in der Colonia übernimmt. Seit fast 50 Jahren beschäftigt er sich immer wieder intensiv mit dem Thema und wusste dementsprechend viel zu berichten. Die Podiumsdiskussion unter der einfühlsamen Leitung von Margret Aull konnte somit eine zusätzliche interne und externe Perspektive auf das Thema liefern.

Fazit

Songs of Repression ist auch für sich, ohne Podiumsdiskussion, ein beeindruckender und bedrückender Film. Empfohlen wird, sich vor dem Ansehen etwas in die Geschichte der Colonia Dignidad einzulesen, da der Film schon ein gewisses Vorwissen voraussetzt und seine Wirkung erst dann richtig entfalten kann.

 

Anmerkung der Redaktion: Der Autor ist Mitorganisator des PolitFilmFestival.

Beitragsbild: © Final Cut For Real