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Eine urige Tradition – das „Goaßlschnöllen“

Jede*r von uns kennt eine typische regionale Tradition oder einen originellen lokalen Brauch. Das „Goaßlschnöllen“ ist das Paradebeispiel einer urigen Tradition für die Region Trentino-Südtirol. Eine traditionelle Augen- und Ohrenweide für jede*n aufmerksame*n Beobachter*in, egal ob von nah oder fern stammend. Eine Tradition, welche seit Generationen lebendig gehalten wird. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Brauch und woher stammt sein Ursprung?

Die Namensgebung

Aufbau der „Goaßl“ ©Thomas Silgoner, Bearbeitung: Heidi Siller

Namensgebend für diesen uralten Brauch ist die bairische „Goaßl“ oder die deutsche „Geißel“. So wird nämlich eine lange Fuhrmanns-Peitsche, deren Bestandteile ein Stock aus Fichtenholz und einer ledernen Schnur sind, genannt. Diese „Goaßl“ kann aber auch aus Hanffasern hergestellt werden und ist dabei mehrere Meter lang. Das „Schnöllen“ oder „Schnalzen“ betitelt dann das Krachen oder Knallen, welches mithilfe dieser Peitsche durch eine spezielle Technik hervorgerufen wird.

 

Die spezielle Technik

Übung macht den Meister ©Thomas Silgoner

Ursprünglich weist diese Tradition bayerisch-österreichische Wurzeln auf und wird daher in diesen Regionen als „Goaßlschnalzen“ bezeichnet. Das „Schnöllen“ oder „Schnalzen“ betitelt eben das Geräusch, welches durch eine spezielle und gleichzeitig durch eine seit Generationen weitergegebene und gelehrte Technik erzeugt wird. Mithilfe der Peitsche wird nämlich eine liegende Acht in der Luft gezeichnet und durch die Gegenbewegungen kommt es zu einem Überschall-Knall, der somit das akustische Knallen erzeugt.

Der wichtigste Bestandteil dieser Fuhrmannspeitsche ist aber der sogenannte „Schmitz“, da er das typische Geräusch, nämlich jenes des Überschall-Knalls, verursacht. Der Schmitz ist das Verschleißteil und wird durch das Knallen und durch die spezielle Technik ausgefranst. Ob ein „Goaßlschnöller“ diese Technik besonders oder weniger gut beherrscht, kann am Schmitz erkannt werden. Denn, wenn dieses Verschleißteil schmutzig ist, dann bedarf es noch ein wenig an technischer Übung und Präzisierung, da er zu lange über den Boden gezogen wurde und folglich zu wenig oder zu kurz in der Luft war.

 

 

Also bedarf es viel Übung, Erfahrung und Geduld, um die Kunst des „Goaßlschnalzens“ zu erlernen, denn wie uns allen bekannt ist: nur die Übung macht den Meister. Dabei haben die Kinder besonders Glück, wenn sie in einer „Goaßlschnöller- Familie“ hineingeboren werden, denn da wird die Technik über Generationen hinweg gepflegt, gehegt und weiter gelehrt und das schon von Kindesbeinen an.

 

Die Historik der Tradition

Der Verwendungszweck dieses Brauchtums ist vielfältig. Historisch gesehen wurde das „Goaßlschnöllen“ vor allem von Fuhrleuten genutzt. Dies brachte die folgenden Nutzen hervor: Entweder versuchten sie bei der Einfahrt von Ortschaften mit dieser Peitsche zu knallen, um auf sich aufmerksam zu machen oder sie knallten, um bei unübersichtlichen Kurven oder bei Gefahrenstellen den Gegenverkehr zu warnen. Dabei wurden im Laufe der Geschichte multiple spezifische Knallfolgen entwickelt, um sich von anderen Fuhrwerken abzugrenzen. Aus dieser Zeit stammen die diversen Schlagarten: Vorhandschlag, Rückhandschlag, Doppelschlag und Triangel. Somit hatten sich mit der Zeit Melodien entwickelt, anhand derer die verschiedenen Fuhrleute identifiziert werden konnten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Mobilität nur mehr sehr selten von Fuhrleuten mit Ochsen- oder Pferdegespann geprägt. Präziser noch: Eher sind sie sogar von den Straßen verschwunden.  Aufgrund dieser Mobilitätswende wurde das „Goaßlschnöllen“ nur mehr dafür verwendet, um das Vieh im Zaum zu halten oder sich auf Almen und Bergbauernhöfen zu verständigen.

 

„Goaßlschnöllen“ in der heutigen Zeit

Thomas mit seiner„Goaßl“ ©Thomas Silgoner

Nichtsdestotrotz ist dieses Brauchtum nicht in Vergessenheit geraten. Auch heute noch wird das „Goaßlschnöllen“ sowohl als Sport (durch Goaßlschnöll-Meisterschaften und Wettkämpfe) und als regionaltypische Tradition gehegt und gepflegt. Vor allem kann dieser Brauch in verschiedenen Tälern zu diversen Anlässen erlebt und bestenfalls erlernt werden. Solche Anlässe sind beispielsweise der Almabtrieb im Herbst, wenn das festlich geschmückte Vieh von den Almwiesen ins Tal und somit in die jeweiligen Ställe getrieben wird. Umrahmt wird das Ganze meist durch ein Fest, wobei für Speis und Trank immer reichlich gesorgt wird. Auch an den Kirchtagsfesten wird des Öfteren das „Goaßlschnöllen“ vorgeführt, allerdings wird es hier dann „Kirchtagskrochen“ genannt. In ganz Südtirol gibt es mehrere Vereine, wo Jung und Alt ihr „Goaßlschnöll-Talent“ unter Beweis stellen und darbieten können.

 

Wenn auch du dein „Goaßlschnöll-Talent“ unter Beweis stellen willst, dann darf die passende Körperhaltung, ein wenig Taktgefühl, Kraft und das nötige Material nicht fehlen und ein bisschen Glück schadet nie, denn vielleicht waren deine Ururgroßeltern bekannte „Goaßlschnöller“ und damit fließt womöglich auch ein wenig von ihrem Talent in deinen Adern.

 

Beitragsbild: ©Thomas Silgoner

Eine waschechte Südtirolerin, die in Innsbruck studiert und liebend gern in den Bergen unterwegs ist, ganz nach dem Motto: Du bist nicht du, wenn dir die Bergluft fehlt!