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Reflexionen aus dem Zugfenster

Ein gedanklicher Flickenteppich

Ich bin morgens um fünf Uhr aufgestanden, um den Zug um sechs am Bahnhof zu nehmen. Durch den Regen und die leise Stadt bin ich gelaufen, den vollen Wanderrucksack am Hinterkopf. Die erste Tram fuhr schon und ließ zusammen mit dem Grummeln meines Magens, der solch frühe Uhrzeiten nicht gewohnt ist, ihr Klingel ertönen. Bei diesem Laut bin ich mir nie sicher, ob es sich um eine wirkliche Klingel handelt oder doch um einen künstlich produzierten Laut, der den Klang einer Klingel nachahmt. Auf meinem Platz im Zug an einem Fenster auf der rechten Seite (damit ich den Sonnenaufgang betrachten kann, der komischerweise entgegen meiner Erwartung nicht zu sehen ist; links ist er auch nicht) habe ich vor, das Buch zu lesen, das ich gestern begonnen habe und das bisweilen so gut ist, dass ich sicherlich noch eine Rezension darüber schreiben werde; oder einen Artikel meiner liebsten Zeitung. Aber meine müden Augen sind ein Hindernis, das sich vorerst nicht überwinden lässt. Das Kleingeld in meiner Geldtasche hat für einen Kaffee beim Bäcker nicht gereicht. Jetzt dringt der Duft der frisch aufgebrühten Flüssigkeit von dem Sitz vor meinem durch meine sehnsüchtigen Nasenflügel. Als ich in einen Apfel beiße, knackt es laut in meinen Ohren und ich habe das Gefühl, das Geräusch fülle das ganze Abteil aus.

 

Der vorbeiziehenden Landschaft entsprechend, an der richtigerweise die Kapsel, in der ich mich befinde, vorbeizieht, fließen und springen meine Gedanken. Scheinbar unmittelbar schließen sie aneinander an und wechseln sich ab. Als ihre Impulse dienen Auffälligkeiten in der Landschaft, der Musik, die ich meinen Kopfhörern entnehme oder andere Personen. Einige sind dominanter als andere und kehren immer wieder zurück, zum Teil in anderen Kontexten. Und so verschmelzen Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart in meinem Körper, mit meiner Existenz, anderen Körpern, Sinneswahrnehmungen, Fragen und Rätseleien.

 

Unterbrochen wird der Gedankenfluss durch unaufhaltsamen Schlaf, der Nackenschmerzen und Desorientierung zur Folge hat. Ich habe gar nicht gemerkt, dass die Musik aufgehört hat. Jetzt dringen Gesprächsfetzen anderer Menschen zu mir und holen mich kurzzeitig aus meinen Träumereien heraus, bis ich sie einfach in dieselben einbinde. Mein Ziel ist mir aus den Augen geraten. Ein solcher Prozess des Ortswechsels in der Abgeschlossenheit eines Bahnwaggons befördert mein Hinterfragen jeglicher Ordnung. Hier ist es fast unausweichlich, dass ich mich damit auseinandersetze, was mir sowieso eigentlich immer im Kopf herumschwirrt – von dem mich ansonsten jedoch scheinbare Pflichten und andere Beschäftigungen ablenken. Und doch sind solche Gedankenflüsse keine Schlussfolgerungen, Entscheidungen oder Tatsachen. Kein Gedanke hat scharfe Umrisse. Wo die Reise hingeht, fällt mir schnell wieder ein.

 

Beim Aussteigen strömen wir alle, die stundenlang gemeinsam in diesem Vakuum gesessen haben, aus den Türen hinaus in verschiedene Richtungen zu sich überschneidenden Wegen, in verworrene Realitäten und verschränkte und doch entfremdete Beziehungen.

 

Auf dem Balkon, direkt an den Bahngleisen, sitze ich an einem schwülen Abend. Alles ist noch mit der Wärme der Sonnenstrahlen des Tages aufgeladen und der Regenguss des im Wetterbericht angekündigten Gewitters entlädt sich erst im nächsten Tal. Ein Zug fährt vorbei, ganz langsam, da der Bahnhof nah ist. Innen sitzen die Menschen in gelblichem Licht, alle zusammen und doch in ihren eigenen Universen blicken die meisten aus den Rechtecken heraus, durch die ich sie sehe. Manche blicken mir in die Augen – für sie bin ich eines vieler Objekte, das auf ihrem Weg an ihnen vorbeiziehen wird. Manche stellen sich vielleicht vor, wie die Wohnung aussieht, in die ich treten werde, wenn ich den Balkon verlasse, oder sie denken an eine Person, an die ich sie erinnere, oder sie befinden sich gedanklich auf einem ihnen vertrauten Balkon. Doch schon springen ihre, wie meine, Gedanken weiter – beeinflusst durch einen anderen Ausschnitt der Welt, die ihnen der rechteckige Ausschnitt ihres Zugfensters gewährt.

 


© Pixabay: LuidmilaKot