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VERBALE BELÄSTIGUNG IST KEIN KOMPLIMENT: Interview mit Catcallsofibk

Wir haben Kim von Catcallsofibk getroffen – einer Gruppe Studentinnen, die Erfahrungen zu verbaler Belästigung mit Kreide auf Innsbrucks Straßen niederschreiben – und mit ihr über Catcall-Erfahrungen in Innsbruck, Feminismus und die MeToo -Bewegung gesprochen.

Die Zeitlos: Hi Kim, du bist eine von 25 Mitgründerinnen von Catcallsofibk. Was genau macht ihr und was versteht man eigentlich unter Catcalling ?

Kim: Im Organisationsteam selbst sind wir nur acht Leute. Wir haben aber eine separate, größere Gruppe, mit der wir auch ankreiden. Verbale Belästigung, also Catcalls, können ja so gut wie jedem im öffentlichen Raum passieren. Das betrifft also nicht nur Frauen. Das Ankreiden dient dazu, diese auch sichtbar zu machen.

Euch gibt‘s ja jetzt noch nicht so lange. Wieso habt ihr beschlossen, dass diese Botschaften auch in Innsbruck notwendig sind?

Sexuelle Belästigung passiert überall. Da ist Innsbruck auch nicht ausgeschlossen. Wir wollen einfach, dass die Leute diese Erfahrungen lesen. Oft sind das Nachrichten, die uns unsere Follower*innen geschickt haben, die wir dann wirklich wortwörtlich ankreiden. Wir möchten einfach, dass diese Menschen gesehen werden und dass dadurch bei anderen Gedankenprozesse ausgelöst werden. Gerade wenn wir beim Ankreiden sind, bekommen wir viel positives Feedback von vorbeilaufenden Passanten. Daran merkt man, dass in Innsbruck der Bedarf, über verbale Belästigung zu reden, da ist.

Woher kommt Catcalls denn ursprünglich?
Angefangen hat das in New York. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaub sogar schon 2018. Dahinter steckt das Chalk Back movement –

© Isabella Strieder, Catcallsofibk bei der Kundgebung gegen Gewalt an Frauen in Innsbruck am 10.12.2020

© Isabella Strieder, Catcallsofibk bei der Kundgebung gegen Gewalt an Frauen in Innsbruck am 10.12.2020

eine Organisation, die sich genau gegen sowas einsetzt: Belästigungen im öffentlichen Raum.

Ein weiter Weg von New York in die Alpen …
Ja, hat dann doch ein bisschen gedauert bis das zu uns rübergekommen ist. Aber es gibt mittlerweile weltweit um die 120 aktive Facebook-Profile. Es ist richtig beeindruckend zu sehen, wie viele Städte sich an dieser Bewegung beteiligen.

Kämpfen wir 2020 noch immer gegen das Patriarchat oder ist die Revolution bereits geschafft?

Wir kämpfen auf jeden Fall noch dagegen an! Wir haben alle Strukturen davon internalisiert. Genau deshalb ist das Ankreiden von sexueller Belästigung so wichtig. Damit sollen Frauen merken: „Hey, das geht so nicht“. Es gibt leider immer noch Menschen, die so etwas sagen wie, „Das ist doch nur ein Kompliment, freu dich doch drüber“. Bei vielen ist einfach die Sensibilität noch nicht da. Wir versuchen, durch unsere Aktionen dieses Bewusstsein hervorzubringen.

Könnte man euch als sowas wie das Comeback der MeToo-Bewegung bezeichnen?
Nein. Sowohl bei MeToo, als auch bei Catcalls geht es um das Sichtbarmachen von Belästigung, Sexualisierung und Objektivierung. Aber das Besondere an der MeToo-Bewegung war, dass das erste Mal alle verschiedenen Formen von Belästigungen von Frauen sichtbar gemacht wurden, dadurch dass sie ausgesprochen wurden. Es wurden also sowohl über Catcall-Erfahrungen als auch über Belästigung am Arbeitsplatz bis hin zu Vergewaltigungen gesprochen.

Welche Auswirkungen hat verbale Belästigung auf das Opfer? 

Das ist ganz unterschiedlich. Wichtig ist aber: Es gibt nicht die eine Reaktion, die eine Person hat, wenn ihr ein Catcall zugerufen wird. Oft sind es Angstgefühle oder der Verlust von Sicherheit. Es passiert ganz oft, dass uns Leute schreiben: „Ich hab mich da nicht mehr sicher gefühlt!“; „Ich hab so Panik bekommen, ich wollte einfach nur noch weg“. Bei manchen kann‘s aber auch passieren, dass sie dadurch wieder getriggert werden, dass vielleicht andere verletzende Traumata oder emotionale Erlebnisse dadurch wieder hochkommen und dann ist damit viel mehr verbunden. Du weißt nie, was gerade bei einer anderen Person los ist und was ein für dich harmloser Satz bei jemand anderem auslösen kann. Aber ich glaube, meistens löst es einfach ein Unwohlsein aus, dass den Menschen ein Stück weit ihre Freiheit weggenommen wird.

Sind es hauptsächlich Männer, die verbale Belästigung ausüben?
Ja. Zumindest bei den Erfahrungen, die wir zugeschickt bekommen, ist eher von einem Mann die Rede. Da gibt‘s auch auf Instagram ein Video von einer Frau, die Catcalls nachgestellt hat. Und das war irgendwie einfach ungewohnt, von einer Frau solche Aussagen zu hören. Man kann also schon sagen, dass das hauptsächlich Männer sind, die Catcalls machen.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass in sexistischen Äußerungen besonders oft auf typisch weibliche Körperregionen wie Brüste Bezug genommen wird.

Das stimmt. Wir bekommen oft Meldungen zugeschickt, die sich spezifisch auf das Aussehen der Frau beziehen. Also, dass sehr oft in Catcalls der Körper der Frau als Objekt der Begierde des Mannes dargestellt wird.

Sind das noch Evolutionsüberreste oder woran liegt das?
Ich glaube das liegt in erster Linie an unserer Sozialisation. Wie du schon meintest leben wir in patriarchalen Strukturen, in denen dann genau sowas wiedergegeben wird: Aussagen, die die Frau erniedrigen oder als Objekt darstellen.

Das passiert auch in vielen Filmen, Werbungen, Videospielen, etc. Führt das auch dazu, dass das Frauenbild außerhalb der Medien anders wahrgenommen wird?

Ich finde auf jeden Fall, ja! Das, was die Leute beispielsweise in Film und Fernsehen sehen, auch wenn sie wissen, dass das kein Normbild ist, daran wird sich halt trotzdem unbewusst orientiert. Ich hoffe aber dennoch, dass sich durch Aktionen wie das Ankreiden was tut.

Wie reagiert man richtig auf Catcalls ?
Es gibt keine richtige oder falsche Reaktion auf Catcalls. Egal wie man reagiert, ist es gut so. Jede Situation und jede Person unterscheidet sich von der nächsten. Was wir gehört haben von Leuten, die uns Erfahrungen schicken, ist oft einfach, dass Leute schweigend weiter gehen, weil sie zum einen überfordert sind mit der Situation, oder sich auch nicht sicher fühlen. Kommt ja auch immer drauf an. Wenn ich jetzt als Frau alleine nachts nach Hause laufe und da stehen drei Typen, die mir irgendwas zurufen, dann würde ich auch nicht den Mut haben, groß was zu sagen. Die richtige Reaktion ist einfach die, bei der man sich am sichersten fühlt.

Was kann man als Opfer sonst noch tun? Ist Catcalling strafbar?
Leider nein.

Warum glaubst du gibt es in Österreich noch kein Gesetz gegen sexuell belästigende Äußerungen?

Ich glaube zum einen liegt das daran, dass Gesetzgebungen echt ewig lange dauern. Ich hab das Gefühl, bis so ein Gesetz entsteht, ist vorher schon die ganze Gesellschaft davon überzeugt, dass die Sache wichtig ist. Und genau dafür gehen wir ja auch Ankreiden: dass einfach mehr Aufmerksamkeit da ist für Catcalls, und dass da was gemacht wird. Und zum anderen ist auch ein Problem, dass viele Menschen Catcalls gar nicht so als Belästigung wahrnehmen, und dass jetzt erst mehr und mehr dieses Bewusstsein kommt, dass wir im Jahr 2020 sind, in dem Gleichberechtigung einfach ein Muss sein sollte.

Ist es das finale Ziel, dass sich bei der Gesetzeslage was tut?

Nein. Wäre natürlich cool wenn es zu einer Gesetzesänderung kommt, auf jeden Fall. Aber unser Ziel ist es erstmal den Leuten, denen sowas passiert, einen Raum zu geben, in dem sie ihre Erfahrungen erzählen und in dem wir ihre Erfahrungen sichtbar machen können.

 

Beitragsbild: © Isabella Strieder, Catcallsofibk bei der Kundgebung gegen Gewalt an Frauen in Innsbruck am 10.12.2020