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Spieglein, Spieglein, du Hund!

Spieglein, Spieglein, du Hund! Du Verräter! Du unglaublich verachtenswertes verabscheuungswürdiges Fenster zu meinen Unsicherheiten. Wie du sie mir aufdrängst, aufzwängst, wie du mich in meinem Kopf verzerrst, und dich daran verzehrst, an meinen Ausschreitungen zerberstest.

Die Brüche und Kanten in deiner unglaublich gleichmäßig glatten Oberfläche tun mir leid, aber so spiegelst du mich und meine Oberfläche wohl trotzdem ehrlicher als ohne. Spieglein, Spieglein, wie kannst du mir diesen Körper, dieses Gesicht, dieses Ich so wahnsinnig unverblümt entgegenhalten, hast du denn kein Erbarmen? Wie kannst du so wahnsinnig kalt einfach die Tränen spiegeln, ohne einen Funken Mitleid? Wie sie laufen und laufen, über mein Gesicht, das so blass ist, über die Lippen, die nicht kirschrot sind. Ich weiß, dass du da vor mir stehst ist meine eigene Entscheidung, aber wenn du da nicht wärst, worin sollte ich mich spiegeln? Woher sollte ich wissen, was ich anderen Menschen tagtäglich zumute, wenn ich ihnen entgegentrete, woher sollte ich wissen, was sie sehen, und ob sie auch sehen, was ich will, dass sie sehen? Würdest du mir nicht diese grausame Realität vor die Nase halten, sondern einfach eine verlieblichte Form davon, würde ich es ja niemals herausfinden. Und ich könnte durch die Welt laufen und so aussehen, wie ich mich fühle, weil ich mich so fühle, wegen dem wie ich denk, dass ich aussehe. Spieglein, Spieglein, mein fiesester Freund, und ehrlichster Feind. Bist immer nur ein exaktes Ebenbild von mir, du feiger Hund, mein Widerlicher Widersacher! Verwendest deine gesamte Oberfläche, um mich zu reproduzieren, und wenn ich nicht da bin, bist du nichts! Spieglein, Spieglein, du bist nichts, ohne mich. Du bist leer und emotionslos, ohne Nutzen bis ins Unendliche leer und in einem Kreislauf wiederkehrend leer, nur um noch unendlicher nichts zu sein. Vielleicht bin ich mutig, dir entgegenzutreten, und meine Makel durch dein unwirsches, spiegelndes Vergrößerungsglas zu sehen. Denn ich bin auch unendlich, aber anders als du, Spieglein, Spieglein. Mein Wesen führt unendlich in die Dimension nach hinter meinen Augen. Aber im Gegensatz zu dir wiederhole ich mich nicht. Ich bin nicht berechenbar, ich bin nicht logisch, ich bin anders, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde. Du kannst nur einen einzigen Moment von mir einfangen und nur von außen. Kannst nur ein Hundertstel Bruchteil von dem sein, was ich bin, und nur so lange, wie ich dir diese Aufmerksamkeit schenke, denn im Gegensatz zu dir ist meine Oberfläche nicht mein Nutzen, nur meine Hülle, meine Schale. Du bist deine Oberfläche, du dimensionsloses, einfältiges Objekt. Ich bin mehr, als du sehen kannst, weil du mich nicht sehen kannst, weil dir die Augen fehlen und du mich nicht fühlen kannst, weil dir die Seele fehlt. Weil dir die Tiefe fehlt, auf die es ankommt. Du gibst vor sie zu besitzen, mehr als nur zwei Dimensionen, dabei bedienst du dich nur der Illusionen, dass es da unendlich weitergeht in deiner Welt, eben wie in meiner Welt. Aber wenn man dann dahinter sieht, merkt man, dass du bloß ein Bilderrahmen bist. Nur der Rahmen eines Augenblicks, in dem man dir Aufmerksamkeit schenkt. Und eigentlich auch nicht mal dir, sondern letztendlich sich selbst durch dich hindurch. Spieglein, Spieglein, du bist verabscheuungswürdig und letztendlich auch nicht, weil du nur ein Spiegel bist, und deine Oberfläche meine widerspiegelt. Alles was ich zu dir sage und dir gegenüber fühle, sage ich letzten Endes zu mir selbst. Immerhin steh ich vor dir, liebes Spieglein, oder besser: Steh ich vor dir, liebes Ich! Und da stehen wir jetzt beide und blicken uns an, und keiner rührt sich. Wir haben uns so oft verletzt, gehasst, wir haben uns hässliche Namen gegeben und uns ins Unglück getrieben, uns voneinander weggetrieben, anderen so viel unverzeihliches Verziehen, aber nie uns selbst. Wollten alle möglichen Menschen von tiefstem Herzen lieben, sind viel zu oft stattdessen allein am Boden liegen geblieben, haben uns immer und immer wieder für die falschen Auswege, die eigentlich ein Irrgarten waren entschieden. Wir sind in hundert Teile zersprungen, und alle haben sich gegenseitig abgestoßen, weil sie alle negativ geladen waren. Wir waren so negativ geladen, für so eine lange Zeit, dass wir den Zusammenhalt verloren haben und wir in einer endlosen Weite verteilt waren, weil die Kraft gefehlt hat, diese Teile noch länger zusammenzuhalten. Wir haben einfach losgelassen, einander losgelassen, und sind gefallen, und zerfallen. Und jetzt können wir uns nicht berühren, weil da dieses Spiegelglas zwischen unseren Händen ist. Diese Mauer, mit der wir Teile von uns abgetrennt und eingesperrt haben, die wir nicht als Teil von uns haben wollten oder konnten. Und jetzt sind wir voneinander separiert, von der Außenwelt irgendwie isoliert, haben uns in uns selbst verirrt. Und wenn du mich dort hören kannst, liebes Ich, es tut mir leid, okay? Ich verspreche ich werde es besser machen. Ich werde all den Teilen Flügel geben, damit sie aus ihrem Gefängnis entweichen können. Sie werden nicht mehr so schwer sein dann, und sie werden mich nicht mehr unten halten können. Wir werden wieder Mut finden zu wachsen, vielleicht zusammenzuwachsen irgendwann. Diese negativen beflügelten Teile werden noch einige Zeit in mir herumschwirren, aber irgendwann dann davonfliegen, zum Sterben in den Westen, oder in den Süden, um zu Überwintern und vielleicht auch nicht mehr wiederkommen. Und dann werden wir und alles, und wir für andere nicht mehr so schwer sein.

Und zu dir: Spieglein, Spieglein, du zeigst mir nichts, was ich nicht schon weiß, denn Spieglein, Spieglein, du bist nur ein Spieglein, und Spieglein, Spieglein, mehr wirst du nie sein, als ein Spieglein allein!