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Studieren mit Invalidität: unmöglich?

Genau das Gegenteil beweist Max Silbernagl. Er ist Geschichtsstudent im zweiten Semester und sitzt im Rollstuhl. Ich habe mich mit Max virtuell getroffen und er hat mir erzählt, welche Hindernisse oder Schwierigkeiten für Studierende mit Invalidität auftreten und dass es trotz alledem nicht unmöglich ist, ein Studium zu absolvieren.

Die Zeitlos: Was gefällt dir an Innsbruck und warum hast du dich für ein Studium in Innsbruck entschieden?  

Max Silbernagl auf der Bühne mit seiner Band „Chaos Junkies“

Max Silbernagl: Ich habe mich für Innsbruck entschieden, weil mir die Stadt an sich sehr gut gefällt, da sie nicht zu groß aber eben auch nicht zu klein ist. Die Menschen wirken sympathisch und die Strecke von Innsbruck nach Seis am Schlern (Südtirol), wo ich wohne, ist nicht zu lange. Das waren meine Kriterien, um in Innsbruck zu studieren.

Was ist aktuell die größte Belastung für dich im Studienalltag? Und wie versuchst du diese Belastung zu minimieren?

Hinsichtlich der Belastung im Studienalltag ist für mich aktuell die größte Belastung die Corona-Pandemie, weil ich ein ziemlich sozialer Mensch bin. Aber ich denke das betrifft so ziemlich alle Studierenden. Dabei fehlen mir ein wenig einfach die Kontakte zu den Mitstudierenden und vor allem aber auch die Debatten oder Diskussionsrunden mit Kommiliton*innen [Anmerkung d. Autorin] in der Universität. Zudem stellt für mich das Homeschooling eine Herausforderung dar, weil ich technisch nicht so affin bin und weil es sehr mühsam ist, immer nur vor dem PC zu sitzen. Trotz der aktuellen Umstände freue ich mich, wenn die Uni und unser Studienalltag wieder in die Präsenzlehre zurückkehren und wir somit einem Schritt in Richtung Normalität näherkommen können. Sonstige schwere Belastungen fallen mir gerade keine ein, weil mir mein Studium gefällt und sowohl die Dozent*innen [Anmerkung d. Autorin] als auch die Behindertenbeauftragte der Uni Innsbruck sehr hilfsbereit sind.

Wo treten die häufigsten Schwierigkeiten auf und warum?

Dadurch, dass ich die Unterstützung von meiner Assistentin (vom Verein Selbstbestimmt Leben) bekomme, habe ich eigentlich fast immer jemanden bei mir, der mir Hilfe leisten kann und mir Hilfe leistet, wenn ich etwas brauche.

Welche Verbesserungsvorschläge in puncto Barrierefreiheit oder Invaliditätsunterstützung wünscht du dir von den Universitäten?

Durch die Corona-Pandemie war ich erst einige Male in der Universität, aber was mir aufgefallen ist, als ich einmal dort war, ist folgendes: Es ist ziemlich schwierig an der Uni Innsbruck eine behindertengerechte Toilette zu finden. Aber alles in allem sind die Menschen sehr hilfsbereit, denn man kann sowohl immer die Lehrenden per E-Mail kontaktieren als auch im Sekretariat Fragen stellen und sich beraten lassen bei Problemen. Das betrifft die Digitale Form der Lehre, aber vielleicht treten durch den Umstieg auf die Präsenzlehre wieder einige andere Schwierigkeiten auf.

Welche Verbesserungsvorschläge betreffend die Barrierefreiheit oder Invaliditätsunterstützung wünscht du dir von der Politik hinsichtlich des Studierens?

Um eine Assistentin zu bekommen, musste ich den Hauptwohnsitz von Italien nach Österreich verlegen. Das ist vielleicht ein Kritikpunkt, wo die Politik anknüpfen sollte. Dennoch möchte ich hiermit nochmals klarstellen, dass der Verein Selbstbestimmt Leben super organisiert ist, weil sie einem helfen, eine Assistenz zu finden. Solche Hilfestellungen bezüglich Assistent*innen [Anmerkung d. Autorin] gibt es in Südtirol nicht und wären dort sicherlich auch von Vorteil und Nutzen. Selbstbestimmt Leben ist eben ein eigenständiger Verein und somit die Tiroler Interessenvertretung behinderter Menschen in Politik, Öffentlichkeit und Gesellschaft. Wie gesagt, bräuchte man in Südtirol auch einen solchen eigenständigen Verein, der eine Anlaufstelle für Menschen mit Beeinträchtigung darstellen sollte. Denn durch die Schaffung eines solchen Vereines, könnte man Fragen beseitigen und Menschen mit Invalidität hinsichtlich des Studierens informieren. Um jedoch Forderungen oder Lösungsansätze für die österreichische Politik zu formulieren bin ich ehrlich gesagt zu wenig lange in Innsbruck.

Welche Hindernisse sind unlösbar und welche Lösungsansätze zu welchen Problemen im Studienalltag hast du für dich selbst erfunden beziehungsweise entwickelt?

Es gibt wenige Hindernisse die unlösbar sind, am ehesten stellt die Nachtbereitschaft eine Herausforderung dar, weil ich bis jetzt immer jemanden gebraucht habe, der mir hilft in der Nacht die Toilette zu benutzen, aber seitdem ich da eine Lösung gefunden habe, brauche ich dabei nun auch keine Hilfe mehr. Anfangs jedoch war das schon recht herausfordernd.

Symbolbild: Rollstuhl

Hast du jemals an deiner Entscheidung zu Studieren aufgrund deiner Invalidität gezweifelt? Falls ja, warum? Und wenn ja, inwieweit stellt dich deine Invalidität vor die Entscheidung, das Studium aufzugeben?

Logisch zweifelt man. Ich habe auch gezweifelt und habe erst spät entschieden zu Studieren. Zuerst habe ich zwei Jahre lang gearbeitet, hatte aber schon immer im Hinterkopf, dass ich so bald als möglich gern Geschichte studieren würde. Vor allem aber habe ich daran gezweifelt, weil mir eine Fixanstellung beim Verband Lebenshilfe ONLUS in Südtirol angeboten wurde.

Trotz der Tiefschläge und Hindernisse sage ich: „Das ist mein Studium, welches mich interessiert, fasziniert und begeistert und deswegen bin ich da!“ Aber zweifeln gehört bei einem Neustart immer dazu, egal was man beginnt oder egal was man neu startet. Aber trotz der ganzen Zweifel, die man hegt, sollte man trotzdem die Kraft, den Mut und den Willen aufbringen einen Neustart zu wagen. Man weiß nie, was das Leben einem nahelegt, aber ich bin glücklich mit meiner Entscheidung nach Innsbruck gegangen zu sein.

Welche Form und Schwere der Beeinträchtigung trifft auf dich zu?

Ich habe eine spastische Tetraparese, welche aufgrund des Sauerstoffmangels bei der Geburt verursacht wurde und deswegen sitze ich im Rollstuhl. Aber ich mache mir nicht so sehr Gedanken um meine Beeinträchtigung, weil wenn dich Menschen umgeben, die dir helfen im Leben, dann fehlt es dir an Nichts anderem mehr.

Man muss offen sein im Leben und zu seiner Beeinträchtigung stehen und sagen: „Aufgeats!“.

 

 

 

Bildquellen: 

Beitragsbild: Rollstuhl von „Engin_Akyurt“ nach CCo via pixabay

zweites Bild: ©Max Silbernagl

drittes Bild: Wheelchair von „stevepb“ nach CCo via pixabay