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Stimme aus dem Mutantenland

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Im eigenen Land belächelt oder sogar verachtet, von den Nachbarn verstoßen. Zurzeit ist kaum etwas mehr in aller Munde als Tirol, das Mutantenland. Hat die Saga je ausgedient? Ein Kommentar von Nicole Kaßberger.

Dem Land Virol die Treue oder doch eher Skandal im Sperrbezirk? Die Schlagzeilen drehen sich alle um das eine, dabei sind die Titel so kreativ wie die Tiroler:innen freundlich sind. Quasi jeder hat etwas dazu zu sagen: Alois Schöpf, Schriftsteller und Blogger, fordert einen gepflegten, diplomatischen Umgangston in der Tiroler Politik ein, nicht beschämende Selbstpräsentation. Österreichs Vorzeige-Piefke Dirk Stermann verwechselt gekonnt Platter mit Blatter und merkt an, dass Tirol doch immer schon wusste, was zu tun sei – man denke dabei nur an das Pocken-Gate mit Bayern.

Jeder weiß inzwischen, dass hier die Spiele anders gespielt werden. Es wird minutenlang jubelnd berichtet, dass Blacky Schwarz nach dem Speed-Double durch Vincent Kriechmayr zum Auftakt der zweiten Weltmeisterschaftswoche die Kombination gewonnen hat, bevor Tagesaktuelles verkündet wird. Skifahren und Tourismus bilden die Basis des Throns, auf den sich Tirol seit jeher selbst erhoben hat. Hier gelten einfach andere Regeln.

© Stefanie Sargnagel

Die ganze Thematik ist bereits medial ausgepeitscht und in alle Einzelteile zerlegt. Sollte dennoch jemand geschafft haben, was Tirol fast auferzwungen wurde, noch einmal in Kürze: Der Cluster der südafrikanischen Corona-Mutation im Bezirk Schwaz war ausschlaggebend dafür, dass Tirol wieder Negativ-Schlagzeilen machte. In den Straßen munkelte man, das ganze Bundesland solle vom Rest der Welt abgeriegelt werden. Nun ist Tirol offiziell Mutationsgebiet, in manchen EU-Staaten wird es als „rote Zone“ geführt. Zumindest bleibt die bestätigte Inzidenz der Südafrika-Variante stabil. Mittlerweile lobt Laer (Virologin und Abschottungsbefürworterin) im Fernsehen die Reisebeschränkungen und das flächendeckende Testen, aber der Kampf sei „noch nicht gewonnen“.

Die Grenzen werden also streng bewacht – ohne vorab dem Stäbchen Eintritt in die Nase zu gewähren, bleibt einem der Eintritt in ein anderes Bundesland verwehrt. Selbst der Besuch beim Friseur wäre ohne dies nicht möglich. Im Zug geht die Polizei Hand in Hand mit dem Bundesheer durch die wackeligen Gänge und fragt die Fahrgäste: „Und, sama eh negativ?“ Wenn man es dann tatsächlich geschafft hat, die Landesgrenzen zu übertreten, wird man angestarrt wie die Tiere im Zoo. „Schau a Tiroler, […] wia kommst denn du da her, jetzt schaun mia ganz schön dumm“ haben einst schon Atlantis in ihren Lederhosen gesungen – heute kaum passender als damals. Warum spaltet sich die Bevölkerung eines Landes umso mehr in einer Zeit, in der es eigentlich zusammenhalten soll?

Im Pflug oder doch im Schuss ins Ziel?

Nach ewigem Hin und Her bezüglich der weiteren Vorgehensweise, bei dem die Kaffeemaschinen heiß liefen, aber schlussendlich keine Einigung erzielt werden konnte, war die Stimmung am Brodeln. Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser drohte Gesundheitsminister Anschober förmlich eine Barschlägerei an: „dann werden sie uns […] richtig kennenlernen“. Obmann der Seilbahnindustrie, Franz Hörl, sprach von „Rülpsern aus Wien“. Ist es wirklich schon so weit gekommen, dass Schulhof-Allüren ausgepackt werden müssen, wenn es um das Wohl der Menschen geht?

© Stefanie Sargnagel

Zur verbotenen Anti-Corona-Demonstration in Wien reisten die Leute in Bussen an, unter ihnen auch Tiroler:innen: „Der Tiroler Adler fliegt, wohin er will“. Auf Facebook wurde plötzlich überall die Tiroler Flagge gehisst. Cathrin Kahlweit schreibt in der SZ, dass seither die Welt rätselnd auf eine Region schaut, die sich selbst „Heiliges Land“ nennt, und fragt: Was ist da los, dass die sich nach Ischgl erneut so aufführen? Haben die nichts gelernt? Natürlich stelle ich mir genau die gleichen Fragen, denn diese Glorifizierung und Besessenheit von „Macht“ lässt einen nur den Kopf schütteln. Trotzdem frage ich mich auch, warum aber wird so gerne mit dem Finger gezeigt? Warum ist die Welt so gestrickt, dass man für alles einen Sündenbock braucht? Jemand, den man auseinandernehmen kann, beschuldigen und beschmutzen und dann am besten zurücklassen kann, ohne jegliche Scheu. 

Natürlich wird in den Medien reißerischer berichtet, als es schlussendlich ist. Manches entspricht zwar leider der Realität, aber in diesem Fall ist in Wahrheit die erste große Wut im Land schon verraucht. In der Landesregierung ist man um Schadenbegrenzung bemüht, ja es gibt sogar ein bisschen Selbstkritik. Mich persönlich schockiert jedoch, was durch all die Verhandlungen, Pressekonferenzen, Berichte und Talkshows aufgedeckt wurde. Die Intensität, mit der alte Klischees bedient worden sind; dies rührt von weitaus tiefer sitzenden Problemen: Tirol gegen Wien, Tirol gegen die Deutschen; alle gegen einen, einer gegen alle.

Über Tirol kann man vieles sagen. Kahlweit über die Klischees: „Tirol ist ein katholisches, konservatives Bollwerk, regiert von einem erfahrenen Macher mit Handschlagqualität, dominiert von einer Lobby mächtiger Unternehmer. Die sind organisiert in der „Adler Runde“, einer Art Geheimloge. Allein die Tourismusindustrie macht im Jahr mehr als acht Milliarden Euro Umsatz, und wer zahlt, schafft an.“ Wenn man dies so liest, wünscht man sich dann nicht eine grundlegende Veränderung? Ich verstehe, warum einer nach Revolution und dem Sturz des Systems schreit. Kann man Bestehendes noch reparieren? Kann man innehalten, durchatmen und etwas ändern oder wird die Saga unendlich weitergehen?

Aber natürlich ist nichts nur schwarz oder weiß, auch nicht in Tirol. Die Mauer, welche die Landesregierung ihrer Wirtschaft nicht nur während der Pandemie gebaut hat, bröckelt. Kritische Stimmen gibt es mittlerweile genug. Ich selbst bin auch nur „Zugezogene“, die sich so ihre Gedanken macht.

Titelbild: © Stefanie Sargnagel

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