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Mein Körper gehört mir – ein Nein ist ein Nein

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Es passiert überall – und doch spricht keiner darüber. Im Jahr 2019 wurden in Österreich 948 Vergewaltigungen und Vergewaltigungsversuche angezeigt, die Dunkelziffer ist viel höher. Sexualisierte Gewalt ist mehr als die Reduktion auf ein Einzelschicksal, es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Doch vielerorts wird es tabuisiert, anstatt aktiv angegangen zu werden. Eine Gegenstimme dazu bietet der Innsbrucker Verein Frauen gegen VerGEWALTigung, die das Thema zum Gespräch machen – und damit in die Köpfe der Menschen bringen. Ein Kampf gegen Machtausübung und die Unterwerfung von Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft.

Beratungsangebot des Vereins Frauen gegen VerGEWALTigung

Für Frauen und Mädchen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, bietet der Verein eine psychosoziale Beratung an. Dabei spielt der Aspekt der Freiwilligkeit eine wichtige Rolle. Die Frau muss die Beratung aus eigenem Antrieb wollen und nicht andere Menschen diese für sie. Lässt sich eine Betroffene auf diese Hilfsmöglichkeit ein, findet sie einen geschützten Rahmen, in dem ihr geglaubt und geholfen wird. Wichtig ist, dass dabei nie über den Kopf der Frau hinweg gehandelt wird. Der Verein sieht sich als

„verlängerter Arm dessen, was die Frau bewirken will aufgrund ihrer Gewalterfahrung.“

Entsprechend seinem Leitbild der „kritischen Parteilichkeit“ ist er solidarisch mit der Frau und unterstützt sie – auf Wunsch auch anonym. Gleichzeitig werden aber auch kritische Fragen gestellt, um sie, im Falle einer gewünschten Anzeige, auf die Situation bei der Polizei und vor Gericht vorzubereiten. Die eigene Geschichte kongruent zu erzählen kann bei einer solch traumatischen Erfahrung ein Problem darstellen.

Das Angebot des Vereins richtet sich nicht nur an die Frauen selbst, sondern auch an ihre Bezugspersonen. So können diese zwar nicht für Betroffene Termine ausmachen, sehr wohl aber für sich selbst. Vertraut sich eine Frau ihrem*ihrer Partner*In oder einer anderen, für sie wichtigen Person an, stellt das diese oft vor Probleme. Wie soll ich jetzt mit ihr umgehen? Was soll ich ihr raten? Spreche ich sie drauf an oder fass ich sie lieber mit Samthandschuhen an, um sie nicht weiter zu belasten? Im Zuge der Bezugspersonenberatung finden Freund*Innen, Lehrpersonal, Nachbar*Innen, Eltern und viele Weitere Unterstützung. Richtig zu reagieren kann schwierig sein, weshalb es berechtigt ist, sich auch als Bezugsperson Hilfe zu suchen. Offen über das Erlebte zu sprechen ist für viele Frauen und Mädchen ein nicht leicht überwindbares Hindernis und spricht für großes Vertrauen in die jeweilige Person. Ein empathisch unterstützender Umgang ist dann von hoher Bedeutung.  Wichtig ist aber zu akzeptieren, wenn Betroffene nicht über jedes Detail reden wollen oder können.

PROZESSBEGLEITUNG

Entschließt sich eine Frau für eine Anzeige, wird sie auch dabei nicht allein gelassen. Diese Entscheidung obliegt allerdings allein ihr und wird ihr von keiner Seite aufgedrängt. Im Fokus bleibt die Frau selbst mit ihren Wünschen und Bedürfnissen. Ziel ist es, dass diese in ein stabiles Leben mit möglichst wenig Beeinträchtigungen aufgrund des Erlebten zurückfindet. Während des Prozesses steht ihr neben einer Rechtsanwältin auch weiterhin eine psychosoziale Beratung zur Seite.

Allerdings stellt sich diese Frage oft auch gar nicht mehr, da die Tat nicht selten bereits verjährt ist. In Österreich tritt dies bei einem volljährigen Opfer nach 10 Jahren ein. Viele Frauen stellen sich ihrem Traum jedoch erst Jahre später, meist verursacht durch die aktuelle Lebenssituation, die den bis dato gut funktionierenden Abwehrmechanismus der Seele, in dem Fall Verdrängung, außer Kraft setzt. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubten wir das Erlebte gut verschlossen und hinter uns gelassen zu haben, bis es plötzlich wieder in den Vordergrund gerät und zeigt, wie präsent es noch ist – und vielleicht sogar immer war. Die Frau muss sich in solchen Momenten meist dann nicht nur ihren Emotionen stellen, sondern auch Folgeerscheinungen, die ihr Leben beeinträchtigen. Schlaflosigkeit, Ängste, depressive Geschehen im Inneren oder das Gefühl sich körperlich dem Partner* nicht nähern zu können sind nur ein paar Beispiele dafür.

Gleichzeitig beschäftigt Betroffene auch oft die Frage der eigenen Schuld. Fragen der eigenen Verantwortung, wie beispielsweise „wie hätte ich es abwehren können“ oder „habe ich fahrlässig gehandelt?“, stehen dabei für sie im Raum. So beobachtet der Verein bei Betroffenen:

„Frauen gehen mit sich selbst ins Gericht, bevor sie mit dem, der die Tat vollübt hat, ins Gericht gehen.“

Prävention

Ein wichtiges Standbein gegen sexualisierte Gewalt stellt auch die Prävention dar. So bietet der Verein Workshops und Fortbildungen für Mitarbeiter anderer Einrichtungen an. Ziel dabei ist zu lernen, wie sexualisierte Gewalt erkannt werden kann und wie dies angesprochen werden sollte. Aber auch für Frauen und Mädchen werden spezielle Kurse zur Selbstbehauptung angeboten. Dabei kann ich als Frau lernen, wo meine persönlichen Grenzen liegen und wie ich diese in meinem Alltag verteidigen kann. Corona bedingt finden diese allerdings aktuell nicht statt.

Was kann ich tun?

Wir haben alle eine Stimme. Eine Stimme, die die eigene Geschichte erzählen kann. Eine Stimme, die trösten kann. Eine Stimme, die Zivilcourage zeigen kann und einschreiten kann. Es geht nicht nur darum, nur darüber zu sprechen, sondern auch entsprechend zu handeln. Und wenn wir alle unsere Stimme erheben, können wir großartiges erreichen und diese Welt ein kleines bisschen besser machen.

 Kontaktmöglichkeiten

Erreicht werden kann der Verein während der Öffnungszeiten unter der +43-512-574415, per Mail oder über das Kontaktformular auf der Homepage https://www.frauen-gegen-vergewaltigung.at/kontakt-impressum/. Beratungstermine können entweder virtuell, telefonisch oder persönlich vor Ort unter Einhaltung der aktuellen Corona Maßnahmen ausgemacht werden.

Beitragsbild von Oleg/ Pexels.com

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